Shin Hanga und Sosaku Hanga: Dieselbe Krise, zwei Antworten

Shin Hanga und Sosaku Hanga sind keine ästhetischen Stilrichtungen, sondern zwei gegensätzliche Strategien, die dasselbe Problem lösen wollten: den Niedergang des japanischen Holzschnitts im frühen 20. Jahrhundert. Shin Hanga behielt die traditionelle Arbeitsteilung und richtete sie auf westliche Märkte aus. Sosaku Hanga verwarf die Arbeitsteilung vollständig. Ein Künstler, alle Schritte. Was sie trennt, ist eine grundlegende Frage darüber, wem Kunst gehört.

Tokio, frühes 20. Jahrhundert. In einer Werkstatt sitzt Kawase Hasui vor dem Entwurf einer Berglandschaft im Schnee. Er hat das Motiv entwickelt, die Stimmung festgelegt. Den Rest übernehmen Spezialisten: ein hori-shi überträgt den Entwurf auf den Holzblock, ein suri-shi zieht die Farben in zwölf Durchgängen auf handgeschöpftes Japanpapier. Am Ende unterschreibt Hasui. Das fertige Werk ist ein Teamprodukt, mit seinem Namen drauf.

Nicht weit entfernt schleift Onchi Kōshirō selbst den Block, mischt selbst die Farbe, zieht selbst jeden Abzug. Das Ergebnis ist abstrakt, persönlich bis in die Druckfehler. Eine Auflage von zehn Exemplaren ist für ihn normal.

Beide Männer machen japanischen Holzschnitt. Was sie machen, könnte kaum unterschiedlicher sein.

Was bedeutet Shin Hanga, und wie entstand die Bewegung?

Mokuhanga-Druck TTT_02 von Inga Eičaitė, panoramische Kiefernsilhouetten auf hellem Grund in japanischer Wasserholzschnitt-Technik
Inga Eičaitė, TTT_02, Mokuhanga. Zeitgenössischer Wasserholzschnitt in der Ukiyo-e-Tradition.

Der Verleger Watanabe Shōzaburō (1885–1962) prägte 1915 den Begriff "shin-hanga", wörtlich "neuer Druck". Die Bewegung florierte bis ca. 1942 und hatte von Anfang an ein klares Ziel: westliche Sammler.

Watanabe hatte früh erkannt, dass der japanische Inlandsmarkt für Holzschnitte nach der Meiji-Restauration weitgehend zusammengebrochen war. Westliche Käufer interessierten sich noch. Er bewahrte die arbeitsteilige Struktur des Ukiyo-e, instruierte seine Künstler aber, westliche Qualitäten einzubauen: weicheres Licht, stimmungsvolle Atmosphäre, impressionistisch diffuse Kanten statt harter Ukiyo-e-Konturen. Den Exportkatalog schickte er nach Nordamerika. Ausstellungen in Boston (März 1924), Indianapolis (Oktober 1926) und Toledo (1930 und 1936) machten Shin Hanga im Westen bekannt.

Kawase Hasui (1883–1957) begann ab 1918 für Watanabe zu arbeiten. Seine atmosphärischen Nacht- und Schneebilder sind heute die bekanntesten Gesichter der Bewegung: stilles Wasser, leere Straßen, der Reflex einer Laterne auf nassem Pflaster. Für Sammler, die mit dem Japonismus vertraut waren, war das sofort lesbar.

Das Kantō-Erdbeben 1923 vernichtete Watanabes Lager und einen Großteil seiner frühen Holzblöcke. Drucke aus der Zeit vor 1923 sind seither besonders selten.

Die industrielle Dimension zeigt ein Detail: Allein Takahashi Shōtei (auch unter dem Namen Hiroaki bekannt) produzierte bis zum Erdbeben 1923 rund 500 Designs für Watanabe. Das war das Rückgrat des frühen Shin-Hanga-Exports, noch bevor der Begriff "shin-hanga" überhaupt geläufig war.

Was bedeutet Sosaku Hanga, und warum war das radikal?

Holzschnitt Tide Race von Rod Nelson, kalligrafische Wellenlinien in Schwarz auf Weiß, zeitgenössischer Holzschnitt im Sosaku-Hanga-Prinzip
Rod Nelson, Tide Race, 2018. Holzschnitt. Westlicher Künstler, japanische Technik, alle Schritte selbst.

Sosaku Hanga heißt wörtlich "kreativer Druck". Die Bewegung forderte: jiga (selbst gezeichnet), jikoku (selbst geschnitzt), jizuri (selbst gedruckt). Ein Künstler, alle Schritte.

Der Anstoß kam von außen. Yamamoto Kanae (1882–1946) gilt als Begründer der Bewegung. Er veröffentlichte 1904 den Holzschnitt "Fisherman" im Magazin Myōjō. Er reiste danach nach Europa und beobachtete Künstler, die ohne Arbeitsteilung arbeiteten: Zeichnung, Druck, alles in einer Hand. Was er mitbrachte, war eine klare Position: Der japanische Künstler muss sich die gesamte Produktion zurückholen.

1918 gründete er die Japan Creative Print Society. Den Begriff "sōsaku-hanga" hatte Hakutei Ishii bereits 1909 geprägt.

Onchi Kōshirō (1891–1955) ist die zweite Schlüsselfigur. Er gilt als "Vater der kreativen Druckbewegung". Was er 1914 zusammen mit zwei Kommilitonen tat, zeigt das Selbstverständnis der Bewegung: Sie gründeten das Künstlermagazin Tsukuhae (Mondschein) und druckten die erste Ausgabe in einer Gesamtauflage von 200 Exemplaren. Sieben Hefte erschienen, und verkauften sich nach eigener Aussage "sehr schlecht".

In diesen Heften erschien 1915 Japans erstes rein abstraktes Werk: Onchis "Light Time" (Hikari no toki). Zur selben Zeit produzierte Shōtei in Watanabes Werkstatt im Industrietakt für den US-Export.

Das Prinzip jizuri, also selbst drucken, hatte praktische Konsequenzen für die Auflagengröße. Onchis abstraktes Werk "Ravel – Alborada del gracioso" (1936) existiert soweit dokumentiert in nur zehn selbst gedruckten Abzügen. Zehn Abzüge sind weniger als eine Tagesproduktion in Watanabes Werkstatt.

Warum vernichtete Goyō 50 seiner eigenen Drucke?

Hashiguchi Goyō (1880–1921) erlebte den Grundkonflikt zwischen beiden Modellen an sich selbst. Er schuf um 1915/16 einen der ersten veröffentlichten Shin-Hanga-Drucke für Watanabe: eine Auflage von 100 Abzügen, aufgeteilt zu je 50 an Künstler und Verleger.

Was danach passierte, sagt mehr über diesen Konflikt als jedes Manifest. Goyō vernichtete seine 50 Exemplare eigenhändig. Er fand das Resultat zu flach, zu sehr auf Watanabes Exportgeschmack zugeschnitten. Danach gründete er sein eigenes Atelier und publizierte nie wieder unter einem Verleger.

Goyō wollte weder vollständige Autonomie im Sosaku-Hanga-Sinne (er ließ weiter Drucker für sich arbeiten) noch vollständige Verleger-Kontrolle. Sein Weg war ein dritter: Selbstverleger.

Wie wurden Shin Hanga und Sosaku Hanga international?

Yoshida Hiroshis Drucke kosteten 1930 in den USA 10 bis 20 Dollar, was inflationsbereinigt rund 650 Dollar entsprach (Stand 2006). Für das westliche Publikum, das bereits durch Japonismus und Ukiyo-e-Reproduktionen vorgebildet war, war Shin Hanga unmittelbar zugänglich.

Sosaku Hanga kam auf einem anderen Weg nach Westen. Im Jahr 1946 kontaktierte William A. Hartnett, ein Freizeitoffizier bei den US-amerikanischen Besatzungsstreitkräften in Japan, Onchi Kōshirō und schlug eine Ausstellung für amerikanische Soldaten vor. Die Ausstellung wurde ein Erfolg. Drucke der Bewegung galten laut einem zeitgenössischen Bericht als "fashionable with American military personnel of the occupied forces", Mode unter den Besatzungssoldaten, die mit avantgardistischer Kunst kaum als Zielgruppe geplant waren.

Ein Besatzungssoldat als Türöffner für eine avantgardistische Kunstbewegung. Geplant war das nicht. Im Unterschied zu Watanabes durchgeplanter Exportstrategie war es ein persönlicher Kontakt, zufällig und folgenreich.

Die internationale Anerkennung kam dann über die großen Biennalen. 1951 gewannen Komai Tetsurō und Saitō Kiyoshi bei der São Paulo Art Biennale, womit Sosaku Hanga erstmals auf einer wichtigen internationalen Bühne sichtbar wurde. Munakata Shikō (1903–1975), der Zen-Buddhismus und Volkskunst in seinen Werken verschmolz, gewann 1955 in São Paulo den Ersten Preis für Druckgrafik und 1956 den Grand Prix der Biennale von Venedig. Westliche Sammler, die Munakata entdeckten, kannten den jahrzehntelangen Streit innerhalb Japans meist nicht. Sie sahen das Ergebnis.

Was verbindet beide Bewegungen?

Beide Bewegungen reagierten auf dieselbe Ausgangslage: den Niedergang des Ukiyo-e durch westliche Drucktechniken und Fotografie. Beide wollten den japanischen Holzschnitt von Massenware zu Kunst für ein gebildetes Publikum erheben.

Shin Hanga sagte: Wir modernisieren den Vertrieb, nicht die Methode. Die Arbeitsteilung aus dem Ukiyo-e bleibt. Den westlichen Käufer holen wir mit dem, was er schon kennt: Licht wie bei den Impressionisten, Motive wie bei Hokusai, Stimmung wie in Ukiyo-e-Landschaften.

Sosaku Hanga sagte: Die Arbeitsteilung ist das Problem. Wer seinen Entwurf nicht selbst schneidet und druckt, verliert den direkten Kontakt zum Material. Der hori-shi trifft hundert Mikro-Entscheidungen beim Schnitzen, der suri-shi beim Drucken. Keine davon kommt vom Künstler. Sosaku Hanga wollte diese Entscheidungen zurückholen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil der persönliche Prozess für sie das eigentliche Kunstwerk war.

Heute gilt Shin Hanga unter Sammlern als ästhetisch unmittelbar zugänglich, was den Handel erleichtert. Sosaku Hanga genießt höhere akademische Reputation. Beide Ströme nähren, was wir heute als Mokuhanga kennen: die weltweite Praxis des japanischen Wasserholzschnitts, die nicht mehr japanisch sein muss, um in der Tradition zu stehen.

Was bedeutet das für zeitgenössische Druckgrafik?

Die Spannung zwischen beiden Bewegungen ist historisch nicht abgeschlossen. Sie sitzt im Atelier jedes Druckgrafikers, der heute arbeitet.

Die litauische Künstlerin Inga Eičaitė arbeitet nach dem jiga/jikoku/jizuri-Prinzip: alle Schritte selbst. Ihr Mokuhanga-Druck TTT_02 zeigt panoramische Kiefernsilhouetten auf hellem Grund, ein Motiv, das direkt aus der Ukiyo-e-Tradition schöpft. Zwischen Künstlerin und Druck steht kein Verleger.

Der britische Holzschneider Rod Nelson druckt in seinem Atelier in Bristol auf einer viktorianischen Presse, die er selbst bedient. Sein Holzschnitt Tide Race zeigt kalligrafische Wellenlinien, die mit denselben Formen arbeiten, die Hokusai und die Ukiyo-e-Meister entwickelten. Westlicher Künstler, japanische Technik, Sosaku-Hanga-Prinzip. Was bei Onchi Kōshirō eine Bewegungsidee war, ist bei Nelson schlicht die Art, wie er arbeitet.

Wer sich für diese Tradition interessiert, findet im Gesamtsortiment von Studio Sonsu zeitgenössische Holzschnitte und Mokuhanga-Drucke.

Was ist der Unterschied zwischen Shin Hanga und Sosaku Hanga?

Shin Hanga behielt die traditionelle arbeitsteilige Produktion des Ukiyo-e: Verleger, Zeichner, Holzschneider, Drucker. Sosaku Hanga verlangte, dass ein Künstler alle Schritte selbst ausführt: jiga (selbst gezeichnet), jikoku (selbst geschnitzt), jizuri (selbst gedruckt). Shin Hanga richtete sich kommerziell auf westliche Märkte aus. Sosaku Hanga entstand als künstlerische Position, nicht als Marktreaktion.

Wer waren die wichtigsten Vertreter von Shin Hanga?

Verleger Watanabe Shōzaburō (1885–1962) war die treibende Kraft. Die bekanntesten Künstler: Kawase Hasui mit atmosphärischen Landschaften, Hashiguchi Goyō mit figurativen Werken, Yoshida Hiroshi mit großformatigen Berg- und Naturszenen. Alle arbeiteten mit dem traditionellen Team aus Holzschneider und Drucker.

Wer waren die wichtigsten Vertreter von Sosaku Hanga?

Yamamoto Kanae gilt als Gründerfigur (Japan Creative Print Society, 1918). Onchi Kōshirō (1891–1955) ist die künstlerisch radikalste Stimme: Er schuf 1915 Japans erstes abstraktes Druckwerk. Munakata Shikō (1903–1975) brachte Volkskunst und Zen-Buddhismus ein, erhielt 1955 den Ersten Preis für Druckgrafik in São Paulo und 1956 den Grand Prix der Biennale von Venedig.

Wie erkenne ich, ob ein alter japanischer Holzschnitt Shin Hanga oder Sosaku Hanga ist?

Shin-Hanga-Drucke haben in der Regel eine höhere handwerkliche Präzision aus der Arbeitsteilung mehrerer Spezialisten, westlich beeinflusste Licht- und Schattenführung, und oft einen Verleger-Stempel oder -Siegel. Sosaku-Hanga-Werke sind häufig abstrakter, persönlicher in der Linienführung, mit deutlich kleineren Auflagen, manchmal unter 20 Abzügen. Editionsnummern finden sich bei Sosaku Hanga häufiger.

Gibt es zeitgenössische Künstler, die in dieser Tradition arbeiten?

Ja. Die Mokuhanga-Bewegung, also der japanische Wasserholzschnitt weltweit, zieht direkt aus beiden Strömen. Viele zeitgenössische Mokuhanga-Künstler arbeiten nach dem Sosaku-Hanga-Prinzip: alle Schritte selbst. Die International Mokuhanga Conference bringt seit 2011 Praktizierende aus aller Welt zusammen. Mehr dazu auf der Seite zur Mokuhanga-Technik.

Quellen und weiterführende Literatur

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de