Crayon-Manier
Die Crayon-Manier (auch: Kreidemanier, Crayonmanier, engl. chalk manner) ist ein Tiefdruckverfahren, das mit Roulette, Mattoir und Echoppe arbeitet, um den zersplitterten, körnigen Strich einer Kreide- oder Rötelzeichnung nachzuahmen. Kein Linienstich, kein glatter Ätzschwung. Das Ziel war Unschärfe. Der Erfolg maß sich daran, ob der Druck für eine Originalzeichnung gehalten wurde.
Paris, 1759. Gilles Demarteau legt eine Kupferplatte auf den Arbeitstisch. Er greift nicht zur Radiernadel. Er nimmt eine Roulette, ein gezahntes Metallrädchen, und rollt sie über den Ätzgrund. Dann kommt das Mattoir, ein stumpfes Werkzeug mit strukturierter Spitze, das er auf die Platte klopft. Schließlich greift er zur Echoppe, einem Stichel mit schräg ovalem Querschnitt, den er durch den Ätzgrund zieht und der dabei weiche, schwellende Linien im Grund erzeugt. Das Ergebnis ist kein Strich, sondern ein Gewirr winziger Punkte. Zusammen sehen sie aus wie Kreide auf Papier.
An diesem Nachmittag beginnt Demarteau sein Lebenswerk: rund 560 nummerierte Platten, viele davon nach Zeichnungen von François Boucher. Sein Laden auf der Rue de la Pelleterie hieß "La Cloche". Wer dort hineinkam, konnte für 15 sols einen Boucher-Druck kaufen, der so aussah wie die Originalzeichnung. Zum Vergleich: Wollte man denselben Druck aufgezogen wie eine echte Zeichnung, kostete er 1 Livre 4 sols. Ausgestellte Blätter gingen für bis zu 12 Livres weg. Meisterzeichnungen für Wohnzimmer, zu Preisen, die ein Handwerker bezahlen konnte.
Was macht die Crayon-Manier zur Sonder-Technik im Tiefdruck?
Was die Crayon-Manier von der Radierung und vom Kupferstich unterscheidet, ist nicht das Druckprinzip, sondern das Ziel: Körnung statt Linie. Tausende winzige Punkte, die zusammen wie ein Kreidestrich wirken.
Bei der Radierung kratzt oder ätzt man zusammenhängende Linien in die Platte. Beim Kupferstich gräbt der Grabstichel eine glatte V-Form, die Taille, die den Strich charakterisiert. Die Crayon-Manier funktioniert anders. Hier entstehen keine Linien, sondern Punktfelder.
Wer das Prinzip einer Kreide auf Papier als Drucktechnik imitieren will, braucht Werkzeuge, die Punkt für Punkt, unregelmäßig, körnig arbeiten. Eine echte Kreide bedeckt nicht die Papieroberfläche gleichmäßig, sondern färbt nur ihre Erhöhungen ein, während die Täler leer bleiben. Die drei Werkzeuge der Crayon-Manier leisten genau das:
Die Roulette ist ein gezahntes Rädchen, das man über den Ätzgrund rollt. Ihre Zähne greifen in den Grund, der Widerstand ist gleichmäßig und federt leicht zurück, die entstehende Spur eine punktierte Linie. Die Echoppe, ein Stichel mit schräg ovalem Querschnitt, wird durch den Ätzgrund gezogen. Ihre Form erzeugt schwellende Linien: dünn beim Ansetzen, breiter beim Drücken. Nach dem Ätzen bleiben weiche, variierende Strichbreiten in der Platte. Das Mattoir ist das stumpfste der drei, es schlägt Vertiefungen in einem kleinen Flächenbereich auf einmal, ein kurzer Schlag, ein Feld aus winzigen Narben. Wer alle drei kombiniert, bekommt ein Punktfeld, das Tiefe, Textur und Unschärfe variiert. Der Kreideeffekt entsteht durch die Summe der Unregelmäßigkeiten.
Der entscheidende Unterschied zu einer verwandten Technik: Vernis mou imitiert Kreide durch Papierstruktur, die sich in einen weichen Ätzgrund drückt. Die Crayon-Manier imitiert Kreide durch mechanische Punkte in der Metallplatte selbst. Beide Ergebnisse können ähnlich aussehen. Die Wege dorthin sind grundverschieden.
Studio Sonsu verkauft keine Crayonmanieren. Die Technik wird heute kaum noch ausgeübt. Das Grid zeigt zeitgenössische Radierungen: dasselbe Tiefdruckprinzip, dieselbe Kupferplatte, zeitgenössische Künstler.
Wer hat die Crayon-Manier erfunden, und wer hat sie perfektioniert?
Jean-Charles François (1717–1769) gilt als Erfinder der Technik. Er präsentierte sie 1757 der Académie Royale in Paris. Im Folgejahr erhielt er dafür eine jährliche Pension von 600 Livres sowie den Titel "graveur des dessins du Cabinet du Roi", also Stecher der Handzeichnungen des königlichen Kabinetts.
Das Werkverzeichnis von François, aufgestellt von Jacques Hérold im Jahr 1931, zählt mehr als 311 Nummern. Ob François die Technik wirklich zuerst erfunden hat, ist nicht eindeutig. Arthur Pond und Charles Knapton verwendeten die Technik nach gängiger Darstellung bereits 1735 in England, über zwei Jahrzehnte vor François. Ob sie unabhängig arbeiteten oder die Technik aus Paris kannten, bleibt offen.
Was François unbestritten leistete: Er machte die Technik zur anerkannten Praxis und zog damit Stecher wie Demarteau, Bonnet und Prestel nach sich.
Gilles Demarteau war der wichtigste unter ihnen. Sein erster Crayonmanier-Druck datiert auf 1759, im selben Jahr trat Louis-Marin Bonnet als Lehrling in seine Werkstatt ein. Demarteau druckte vor allem nach Boucher: rund 300 Blätter allein nach diesem einen Zeichner, als Teil seines Gesamtwerks von 560 nummerierten Platten.
Boucher, Fragonard und Jean-Baptiste Huet, ein Tier- und Landschaftsmaler des Rokoko, dekorierten die Wände von Demarteaus Laden "La Cloche" mit gemalten Wandpaneelen. Diese Paneele hängen heute im Musée Carnavalet in Paris. Sie belegen, dass der Druck-Handel des Rokoko kein Kopiergeschäft war, sondern ein Salon, in dem Originalkünstler und ihre Reprodukteure unter einem Dach arbeiteten.
Bonnet ging später eigene Wege. Er entwickelte die Pastelmanier als Farbvariante der Crayon-Manier und druckte mit bis zu acht Platten gleichzeitig. Sein bekanntestes Werk, "Tête de Flore" von 1769, kombiniert fünf Farbplatten mit drei per Hand eingefärbten Platten. Das Ergebnis liegt im Victoria and Albert Museum in London unter der Accessionsnummer 540-1882. Bonnets Technik kombinierte Crayon-Manier-Elemente mit dem Mezzotinto, einem weiteren Tiefdruck-Sonderfall des 18. Jahrhunderts.
Im deutschsprachigen Raum war Johann Gottlieb Prestel die wichtigste Figur der Technik, in England brachte Francesco Bartolozzi die Punktier-Technik (stipple engraving) zum Einsatz. Beide arbeiteten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als die Nachfrage nach reproduzierten Zeichnungen auf ihrem Höhepunkt war.
Warum brauchte das Rokoko diese Technik, und warum machte die Lithografie sie überflüssig?
Kreidezeichnungen waren im 18. Jahrhundert Objekte der Begierde. Rötelzeichnungen, Drei-Kreide-Studien, Akademieakte auf bräunlichem Papier: Das waren die Originalwerke, die Sammler kauften, die an Wänden hingen und Status signalisierten. Wer kein Original erwerben konnte, war auf Reproduktionen angewiesen, die so überzeugend sein mussten, dass sie dasselbe an der Wand leisteten.
Das ist ungewöhnlich in der Druckgeschichte. Der Kupferstich feierte die Linie um ihrer selbst willen. Bei der Radierung spürte man im fertigen Druck noch die Spontaneität des Zeichenprozesses, das Zögern der Nadel, den Schwung des Handgelenks. Die Crayon-Manier dagegen wollte unsichtbar sein. Ihre höchste Qualitätsstufe war das Verschwinden als eigenständige Technik.
Anfang des 19. Jahrhunderts wurde sie von der Lithografie abgelöst. Der Grund ist einleuchtend. Alois Senefelder hatte 1798 entdeckt, dass fetthaltige Zeichensubstanzen auf Kalkstein Druckfarbe annehmen, während befeuchtete Stellen sie abstoßen. Wer Kreide imitieren wollte, konnte fortan tatsächlich Kreide verwenden, direkt auf Stein. Was die Crayon-Manier mit handwerklicher Mühe erzeugte, lieferte die Lithografie auf direkterem Weg.
Der sicherste Test: Ein Crayonmanier-Druck hat einen Plattenrand. Die Presse drückt den Rand der Kupferplatte sichtbar ins Papier. Eine Kreidelithografie hat keinen. Wer also einen Druck mit Kreidecharakter in Händen hält und einen eingeprägten Rand sieht, hält Tiefdruck, nicht Steindruck. Wer tiefer in die Geschichte der Tiefdruckverfahren einsteigen will, findet den Überblick unter Druckgrafik; was den Unterschied zwischen einem Originaldruck und einem Kunstdruck ausmacht, steht auf Original vs. Kunstdruck.
FAQ
Was ist die Crayon-Manier?
Die Crayon-Manier, auch Kreidemanier oder Crayonmanier, ist ein Tiefdruckverfahren aus dem 18. Jahrhundert, das sich die Körnung von Kreide als Täuschungsmittel zu eigen machte. Mit Werkzeugen wie Roulette, Mattoir und Echoppe wurden tausende winzige Vertiefungen in Kupferplatten gearbeitet, deren Summe im Druck wie ein Kreide- oder Rötelstrich wirkt. Das Verfahren war kein Kunstmittel, sondern ein Reproduktionswerkzeug, das genau dann gelungen war, wenn man ihm nicht mehr ansah, was es war.
Wie unterscheidet sich die Crayon-Manier von der Radierung?
Beide sind Tiefdruckverfahren, beide arbeiten mit Kupferplatten und Ätzung. Der Unterschied liegt im Werkzeug und im Ziel. Bei der Radierung zieht die Nadel Linien, bei der Crayon-Manier setzen Roulette und Mattoir Punkte. Die Radierung will eine Linie erzeugen, die Crayon-Manier will Körnung imitieren.
Wie erkenne ich einen Crayonmanier-Druck?
Der Plattenrand: ein eingeprägter Rechteck-Abdruck am Rand des Bildbereichs, den der Kupferplattenrand in der Presse ins Papier drückt. Kreidelithografien, die ähnlich aussehen können, haben ihn nicht. Wer unter der Lupe ins Bild schaut, sieht statt glatter Linien ein Gewirr unregelmäßiger Punkte, die aus Roulette und Mattoir stammen.
Wer hat die Crayon-Manier erfunden?
Als Erfinder gilt Jean-Charles François (1717–1769), der die Technik 1757 der Académie Royale in Paris präsentierte und dafür im Folgejahr eine königliche Pension erhielt. Arthur Pond und Charles Knapton hatten die Technik aber schon 1735 in England angewendet. Wer sie als erster entwickelte, bleibt ungeklärt.
Warum gibt es heute keine Crayonmanieren mehr?
Anfang des 19. Jahrhunderts ersetzte die Lithografie die Technik. Mit der Lithografie konnte man tatsächlich mit Kreide auf Stein zeichnen und davon drucken, ohne das aufwendige Punktsetzen in Metall. Was die Crayon-Manier mühsam nachahmte, machte die Lithografie direkt möglich.
Quellen und weiterführende Literatur
- RDK Labor, Crayonmanier (Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte)
- Carole Nataf, Commercial Space and Amateur Identity in Eighteenth-Century Paris: At Gilles Demarteau's Print Shop La Cloche (Immediations, Courtauld Institute, Nr. 18, 2021)
- Victoria and Albert Museum, Tête de Flore, Louis-Marin Bonnet, 1769 (Accession 540-1882)
- Encyclopaedia Britannica, Crayon manner
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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