Reduktionsdruck

Vier Farben, ein Block. Der erste Schnitt geht rein, und von da an gibt es keine Korrektur mehr.

Beim Reduktionsdruck entsteht ein mehrfarbiges Bild von einem einzigen Druckstock. Nach jedem Farbdurchgang wird weiteres Material abgetragen, bis der Stock so verändert ist, dass er in den ursprünglichen Zustand nicht mehr zurückversetzt werden kann. Die Auflage ist damit unwiderruflich festgelegt. Das Prinzip funktioniert auf Linoleum, auf Holz und auf jedem anderen Hochdruckträger.

Wer einen mehrfarbigen Linolschnitt oder einen mehrfarbigen Holzschnitt mit nur einem einzigen Block drucken will, muss die Arbeit vom Ende her denken. Die hellen Flächen werden zuerst freigelegt, die dunklen zuletzt. Jede Schicht ist ein Zustand des Stocks, der danach nicht mehr existiert.

Dass Pablo Picasso dieses Verfahren durch seine Linolschnitte der 1950er und 1960er Jahre weltweit bekannt machte, stimmt. Die Geschichte dahinter, seine Werkstatt in Vallauris und die Eigenheiten des Linolschnitts als Medium, stehen auf der Seite zur Verlorenen Platte.

Was passiert beim Reduktionsdruck genau?

Beim Reduktionsdruck wird ein einziger Druckstock für alle Farbschichten verwendet. Zwischen jedem Druckgang wird weiteres Material abgetragen. Die gesamte Auflage muss nach jedem Druckgang fertig sein, bevor weitergeschnitten werden kann.

Ein Beispiel: vier Farben, ein Block. Im ersten Zustand wird die hellste Farbe gedruckt, zum Beispiel ein helles Gelb über den gesamten Untergrund. Dann wird der Block weiterbearbeitet. Alles, was im fertigen Bild Gelb bleiben soll, wird ausgespart. Die zweite Farbe, ein Ocker, druckt über den gesamten Untergrund. Wo vorher Gelb stand, ist jetzt kein Material mehr. Der Überdruckbereich wird Ocker. So geht es weiter, bis zur dunkelsten Farbe, die über alles druckt was nicht ausgespart wurde.

Das Ergebnis ist ein Bild mit mehreren Farbschichten, bei dem alle Farben von derselben Oberfläche kommen.

Die technische Konsequenz: Weil alle Farbschichten von denselben Unebenheiten, derselben Oberfläche und demselben Register kommen, sitzen sie perfekt übereinander. Ein Mehrplatten-Verfahren erfordert präzise Passermarken für jeden Block. Beim Reduktionsdruck gibt es keine Passerprobleme, weil es keinen zweiten Block gibt. Die Passergenauigkeit ist automatisch.

Funktioniert das auch auf Holz?

Ja. Das Prinzip des Reduktionsdrucks ist nicht an Linoleum gebunden. Es funktioniert auf jedem Hochdruckträger, bei dem Material abgetragen werden kann: Linoleum, Längsholz, Hirnholz. Dasselbe Grundprinzip, dieselbe Logik.

In der chinesischen Provinz Yunnan wurde der mehrfarbige Holzschnitt mit Reduktionsprinzip in den frühen 1980er Jahren als eigenständige künstlerische Praxis entwickelt. Cheng Hsu, Absolvent des Yunnan Art College von 1982, gilt als einer der Pioniere dieser Tradition im chinesischen Kontext. Nach Angaben der auf ostasiatische Druckgrafik spezialisierten Plattform artelino gewann sein Werk "La-Ku Romantic Feelings" 1984 den Goldpreis auf der 6. Nationalen Kunstausstellung, ein Jahr später folgte der Prominent Work Award für "Ancient Dance". Andere Künstler der Yunnan-Schule, darunter Ma Li, Zhang Xiaochun und He Hun, übernahmen das Verfahren in den folgenden Jahren.

Was die Yunnan-Holzschnitte von westlichen Linolschnitt-Reduktionen ästhetisch unterscheidet, ist die Farbtiefe, die durch die Holzmaserung mitgedruckt wird. Linoleum ist eine neutrale Oberfläche, die genau das abgibt was eingeschnitten wurde. Holz hat eine eigene Textur, die in jedem Druckgang mitläuft. Das macht jeden Zustand des Stocks visuell anders als beim Linoleum, auch wenn die Schnitttechnik identisch ist.

Im deutschsprachigen Raum wird Reduktionsdruck fast ausschließlich im Kontext des Linolschnitts beschrieben. Die Holzschnitt-Verbindung fehlt in den meisten verfügbaren Quellen, obwohl dasselbe Prinzip auf Holz genauso funktioniert, nur mit anderen Materialqualitäten. Wer wissen will, worin sich die beiden Trägermaterialien praktisch unterscheiden, findet das auf der Seite Holzschnitt vs. Linolschnitt.

Wer hat den Reduktionsdruck erfunden?

Die kurze Antwort lautet: nicht Picasso. Und mit Sicherheit nicht eine einzelne Person.

Die längere Antwort beginnt in britischen Kunstschulen der 1940er Jahre. Das Verfahren war dort unter verschiedenen Namen bekannt: "cut and come again", "progressive linocutting", "reduction block cutting". In Sekundarschulen in Leicester war die Technik zwischen 1954 und 1957 weit verbreitet.

1952 erschien in England, soweit bekannt, die erste publizierte englischsprachige Beschreibung der Methode. John Newicks "Making colour prints: an approach to linocutting" (Dryad Press, 1952) beschrieb die Reduktionsmethode als Verfahren, bei dem ein einziger Linolblock für alle Farbdruckvorgänge verwendet wird. Das Buch erschien sechs Jahre bevor Picasso 1958 mit seiner ersten Arbeit in dieser Technik begann.

In den USA entwickelte Alfred Sessler das Verfahren unabhängig weiter. Sein erstes Reduktions-Holzschnitt-Werk trug den Titel "Still life – the vase" (sieben Schnitte, acht Druckgänge) und wurde im September 1957 in der Wisconsin Union Gallery ausgestellt. Seine Studierenden prägten den Begriff "suicide method" für Sesslers Technik. Der Begriff taucht heute noch gelegentlich im englischsprachigen Kunstkontext auf.

Innerhalb der Grosvenor School, die in den 1920er und 1930er Jahren für ihre kraftvollen britischen Linolschnitte bekannt war, war der Reduktionsdruck die Ausnahme, nicht die Regel. Die meisten Künstlerinnen und Künstler der Schule arbeiteten mit drei bis vier separaten Blöcken, einer pro Farbe. Sybil Andrews war eine Ausnahme. Die V&A-Sammlung hält explizit fest, dass sie für die Verwendung der Reduktionsmethode bekannt war.

Die Kunsthistorikerin Alisa Bunbury korrigierte die Picasso-Erfinder-Attribution 2001 in einem Beitrag auf dem Fourth Australian Print Symposium an der National Gallery of Australia, Canberra.

Was unterscheidet Reduktionsdruck vom Mehrplatten-Verfahren?

Das sind zwei technisch verschiedene Wege zum selben Ziel: ein mehrfarbiger Hochdruck.

Beim Mehrplatten-Verfahren gibt es für jede Farbe einen eigenen Block. Vier Farben bedeuten vier Blöcke. Die Passermarken müssen stimmen, jeder Block muss exakt an derselben Stelle angesetzt werden. Das erfordert Präzision beim Einrichten. Der Vorteil ist eindeutig: Jeder Block kann nach Abschluss des Drucks aufbewahrt werden. Ein Nachdruck ist möglich.

Beim Reduktionsdruck gibt es einen Block für alle Farben. Da alle Druckgänge von derselben Oberfläche kommen, überlagert sich die Textur in jedem Durchgang exakt mit der vorherigen. Das lässt eine Schichtkohärenz entstehen, die im Mehrplatten-Druck schwer reproduzierbar ist. Passerprobleme werden dabei ausgeschlossen.

Ein konkretes Gegenbeispiel liefert die japanische Mokuhanga-Tradition. Das Mokuhanga-Verfahren verwendet für jede Farbe eine eigene Platte, bei der ein separater Block ausschließlich für die Farbfläche des jeweiligen Durchgangs geschnitzt wird. Die Farbgestaltung und das Passerregister des Mokuhanga folgen eigenen Prinzipien, die sich grundlegend vom Reduktionsprinzip unterscheiden.

Die Kiefernsilhouetten in Eicaites Mokuhanga-Arbeiten zeigen was das Mehrplatten-Verfahren ästhetisch ermöglicht: weiche, malerische Übergänge, entstanden durch das sorgfältige Überlagern separater Platten. Das ist eine andere Ästhetik als der Reduktionsdruck. Dasselbe Ziel, mehrfarbiger Holzdruck, zwei entgegengesetzte Wege. Holzschnitt.

Der grundlegende Unterschied liegt am Ende des Prozesses: Ein Reduktionsdruck-Block wird nach jedem Druckgang irreversibel weiter verändert. Die Auflage ist damit abgeschlossen. Ein Mehrplatten-Druck kann, wenn die Blöcke erhalten sind, jederzeit nachgedruckt werden. Das ist für Sammler ein relevanter Unterschied: Reduktionsdrucke sind nicht nur in der Zahl begrenzt, sondern strukturell.

Wie plant man einen Reduktionsdruck?

Das Schwierige am Reduktionsdruck ist nicht die Schnitttechnik selbst. Es ist das mentale Modell.

Beim Linolschnitt oder Holzschnitt mit mehreren Blöcken lässt sich korrigieren, solange ein Block noch unbearbeitet ist. Beim Reduktionsdruck nicht. Was einmal weggeschnitten ist, kommt nicht wieder. Der erste Druckgang legt die hellsten Flächen des fertigen Bilds fest. Jede spätere Farbe überdruckt alles, was nicht ausgespart wurde. Das fertige Bild wird von hell nach dunkel geplant, von der ersten Schicht zur letzten.

Die Auflage muss vor dem ersten Schnitt feststehen. Wie viele Abzüge soll es geben? Fehldrucke müssen einkalkuliert werden. Wer zehn fertige Exemplare haben will, druckt in der ersten Runde zwölf oder fünfzehn. Was in Runde eins verloren geht, kann in Runde zwei nicht nachgedruckt werden.

Ein praktischer Hinweis, den viele beim ersten Mehrfarbendruck unterschätzen: Die Druckfarbe jeder Schicht muss vollständig trocken sein, bevor die nächste Schicht gedruckt wird. Nasse Farbe über nasse Farbe mischt sich unkontrolliert. Das Ergebnis ist selten das, was geplant war.

Was passiert, wenn ein Druckgang misslingt? Die Antwort hängt vom Stadium ab. Beim ersten Druckgang können schlechte Abzüge beiseitegelegt werden, solange die Auflage noch stimmt. Bei einem späteren Druckgang muss entschieden werden: die schlechten Abzüge aus der Auflage nehmen, oder mit einer kleineren Auflage abschließen. Zurück gibt es nicht.

Rod Nelson, ein Holzschnitt-Künstler, bringt die Konsequenz auf den Punkt:

"Technical mastery does not necessarily confer artistic success, but invariably creates options."

Wer es beherrscht, druckt Werke, die sich strukturell von Mehrplatten-Drucken unterscheiden, weil jede Entscheidung schon in der Planung steckt, nicht erst im Schnitt.

Im Linolschnitt zählt der Reduktionsdruck zu den verbreitetsten Methoden für mehrfarbige Werke. Mehr zur Schnitttechnik, zur Farbgestaltung und zur Geschichte des Linolschnitts als Medium findet sich auf der Linolschnitt. Den übergeordneten Kontext sowie den direkten Materialvergleich Holzschnitt vs. Linolschnitt liefert die Druckgrafik.

FAQ

Was ist Reduktionsdruck?

Reduktionsdruck (auch Reduktionsschnitt oder reduction print) bezeichnet ein Hochdruckverfahren, bei dem alle Farbschichten eines mehrfarbigen Drucks von einem einzigen Druckstock kommen. Nach jedem Druckgang wird Material abgetragen, der Stock unwiderruflich verändert. Die hellste Farbe wird zuerst gedruckt, die dunkelste zuletzt. Ein Nachdruck ist nach Abschluss des letzten Druckgangs ausgeschlossen.

Warum wird Reduktionsdruck "suicide method" genannt?

Die Bezeichnung "suicide method" kommt aus amerikanischen Kunstschulen der 1950er Jahre. Alfred Sesslers Studierende an der Universität Wisconsin prägten den Begriff für Sesslers Reduktions-Holzschnitt-Technik: Der Druckstock arbeitet sich mit jeder Bearbeitung weiter aus dem ursprünglichen Zustand heraus. Die Auflage ist damit unwiderruflich begrenzt.

Was ist der Unterschied zwischen Reduktionsdruck und Mehrplatten-Verfahren?

Beim Mehrplatten-Verfahren gibt es für jede Farbe einen eigenen Druckstock. Nach Abschluss des Drucks können die Stöcke aufbewahrt werden, ein Nachdruck ist möglich. Beim Reduktionsdruck gibt es einen einzigen Druckstock, der nach jedem Druckgang weiterverändert wird. Der Vorteil: automatische Passergenauigkeit, weil alle Farben von derselben Oberfläche kommen. Der Nachteil: die Auflage ist nach dem letzten Druckgang abgeschlossen.

Funktioniert Reduktionsdruck nur bei Linolschnitt?

Nein. Das Verfahren funktioniert auf jedem Hochdruckträger: Linoleum, Längsholz, Hirnholz. In der chinesischen Yunnan-Schule wurde der mehrfarbige Reduktions-Holzschnitt ab Anfang der 1980er Jahre als eigenständige künstlerische Tradition entwickelt. In Europa und Nordamerika ist Linoleum das häufigere Medium für Reduktionsdrucke, weil es günstiger und einfacher zu bearbeiten ist als Holz.

Hat Picasso den Reduktionsdruck erfunden?

Nein. Das Verfahren war in britischen Kunstschulen der 1940er Jahre unter Namen wie "cut and come again" oder "progressive linocutting" bekannt, lange bevor Picasso ab 1958 seine Linolschnitte damit schuf. Die Zuschreibung an Picasso als Erfinder korrigierte die Kunsthistorikerin Alisa Bunbury 2001 auf dem Australian Print Symposium an der National Gallery of Australia.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Alisa Bunbury, Not Picasso's Invention: A Foray into the History of Reductive Linoprinting. Fourth Australian Print Symposium, National Gallery of Australia, Canberra 2001
  • Victoria and Albert Museum, Sammlung Sybil Andrews. Katalog-Einträge zu Golgotha und Concert Hall
  • artelino, Chinese Reduction Woodblock Prints und Cheng Hsu Biografie. Spezialisierte Kunsthandels-Plattform für ostasiatische Druckgrafik
  • John Newick, Making Colour Prints: An Approach to Linocutting. Dryad Press, 1952 (spätere Auflage 1964)
  • Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, Linolschnitt heute. Triennale seit 1989, Sammlung über 300 Künstler

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Das Sortiment umfasst Linolschnitte, Holzschnitte, Radierungen, Lithografien und Siebdrucke von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern. Alle Werke sind handsigniert und in streng limitierten Auflagen gedruckt.

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