Street Art

Street Art ist eine Kunstbewegung, die ab den 1980er Jahren den urbanen Raum als Ausstellungsort nutzte. Wandbilder, Stencils und Paste-Ups waren das Primärmedium. Was die meisten Überblicke auslassen: Dieselben Künstler, die Hausfassaden besprayten, bauten parallel systematische Druckgrafik-Editionen auf. Banksy hat über 51 offizielle Druckgrafik-Editionen produziert, Swoon hängt als klassisch ausgebildete Druckerin im MoMA, Shepard Fairey betreibt sein gesamtes Werk auf der Basis von Siebdruck.

2002 verkauft Steve Lazarides Banksys ersten Siebdruck aus dem Kofferraum seines Autos in London. Der Preis: 40 Pfund das Stück. Die Auflage: 250 Exemplare. Das Motiv: ein Polizist, der dem Betrachter den Mittelfinger zeigt. Der Künstler: außerhalb von Bristol so gut wie unbekannt.

Der Druck heißt "Rude Copper". Er ist kein Ausstellungsstück, kein Galerieprodukt. Er ist Street Art auf Papier, aus einem Auto heraus verkauft. Warum überhaupt Drucke, wenn man Wände hat?

Woher kommt die Schablone an der Wand?

Banksy war kein Einzelfall. Er kam aus einer Szene, die in Großbritannien seit den frühen 1980ern existierte. Xavier Prou, bekannt unter dem Namen Blek le Rat, gilt als Vater der Stencil-Art: Ab Anfang der 1980er Jahre verbreitete er Schablonen-Graffiti in Paris, lebensgroße Ratten, Figuren, Porträts an Hauswände gesprüht.

Das Prinzip einer Schablone ist nicht kompliziert: Du schneidest ein Motiv aus, drückst Farbe hindurch, das Resultat ist identisch reproduzierbar. Konzeptuell ist das nichts anderes als Siebdruck, nur ohne Druckstudio, ohne kontrollierten Untergrund, ohne Auflage. Die Schablone an der Wand ist die ungezähmte Version. Der Siebdruck auf Arches-Papier ist die kontrollierte.

Banksy begann Anfang der 1990er Jahre als Freehand-Graffiti-Sprayer in Bristols DryBreadZ Crew. Banksy graffiti war damals Reviermarkierung und Spielfeld, kein Kunstmarkt. Um 2000 wechselte er zur Stencil-Technik. Stencils sind reproduzierbar. Mehr über den Künstler und sein Werk auf der Banksy-Seite.

Banksy selbst hat über Blek le Rat gesagt, jedes Mal wenn er denkt, er habe etwas Originelles gemalt, stellt er fest, dass Blek le Rat es auch schon gemacht hat. Nur zwanzig Jahre früher. ("Every time I think I've painted something slightly original, I find out that Blek le Rat has done it as well. Only twenty years earlier.")

Drei Jahre nach den ersten Kofferraum-Verkäufen hat Banksy einen Drucker in Los Angeles, den er noch nie getroffen hat.

Was passiert, wenn Banksy zehn Tage vor der Eröffnung auftaucht?

Im September 2006 eröffnet Banksy in Los Angeles "Barely Legal", seine bis dahin größte Einzelausstellung. Vermittelt durch Shepard Fairey nimmt er Kontakt zu Richard Duardo auf, Siebdrucker und Gründer von Modern Multiples in LA. Das war im Juli 2006. Dann Stille. Kein Kontakt, keine Rückmeldung.

Zehn Tage vor der Eröffnung am 15. September erscheint Banksy in LA mit fertigen Vorlagen. Duardos Team druckt alle sechs Motive in einer Woche. Je 100 Exemplare pro Motiv plus Printer's Proofs, auf Arches-Papier, einem säurefreien Druckpapier, das für Langzeiterhalt gemacht ist.

Wer eine Edition von 100 Exemplaren auf Arches druckt, plant eine Zukunft für das Werk.

Warum besteht ein Echtheitszertifikat aus zwei Hälften?

Banksys Authentifizierungsstelle heißt Pest Control. Wer ein Banksy-Werk kauft, erhält ein Zertifikat. Das Zertifikat ist eine zerrissene Hälfte eines "Di-Faced Tenner".

Der Di-Faced Tenner ist selbst eine Druckgrafik-Edition: Offset-Lithografie, 50 signierte Exemplare plus 32 signierte Artist Proofs in Pink, veröffentlicht 2004 von Pictures on Walls (POW). Das Echtheitszertifikat ist also keine Bürokratie. Es ist selbst ein Druckobjekt.

Das Prinzip dahinter nennt sich Chirograph: Zwei Teile, die nur zusammen die Echtheit beweisen, weil der Riss nicht reproduzierbar ist. Ein mittelalterliches Authentifizierungsverfahren für einen Künstler, der in seinem Buch geschrieben hat: "Copyright is for losers." Den Widerspruch darf man benennen. Es kommt nicht darauf an, ihn aufzulösen.

Prof. Paul Coldwell von der University of the Arts London verortet Banksy in der Tradition britischer politischer Satiregrafik, direkt neben William Hogarth und James Gillray. Hogarth verkaufte seine moralisierenden Drucke in kleinen Auflagen an ein breites Publikum. Der Blumenwerfer, also Banksys "Flower Thrower" (2003, auf eine Garagenwand in Beit Sahour nahe Bethlehem gesprüht), läuft in derselben Tradition: politische Aussage, breite Reproduktion, kleine Auflage auf Papier.

Roberto Campolucci-Bordi hat den ersten umfassenden Katalog aller Banksy-Editionen erstellt: 51 offizielle Serien, über 170 Variationen, rund 30.000 Einzeldrucke. Pictures on Walls (POW), Banksys Hauptverleger von 2003 bis 2017, setzte als eine der ersten Druckereien der Branche nicht-lösungsmittelbasierte Tinten ein.

Was macht eine Druckerin, die ihre Drucke an Wände klebt?

Caledonia Dance Curry, geboren 1977, arbeitet unter dem Namen Swoon. Sie ist klassisch ausgebildete Druckerin. Ihr primäres Medium ist nicht Siebdruck, sondern Holzschnitt und Linolschnitt. Aus großen Holz- und Linolblöcken schneidet sie lebensgroße Figuren, druckt sie auf Papier und klebt die fertigen Drucke an Hausfassaden. Die Technik ist Reliefdruckgrafik. Der Ausstellungsort ist die Straße.

"Construction work, NYC", entstanden 2004 und gedruckt 2005, ist ein Linolschnitt mit Acrylzusätzen, 186,2 mal 192,4 Zentimeter groß. Das MoMA erwarb dieses Werk über den "Fund for the Twenty-First Century". Aus derselben Periode stammen Drucke, die einen Jugendlichen auf einem Fahrrad in Berlin und ein Mädchen in Buenos Aires zeigen.

Was Banksy mit Siebdruck und Pest Control kontrolliert, übergibt Swoon dem Wetter. Die Drucke auf den Wänden verändern sich, verblassen, werden von Regen und Zeit überarbeitet. Swoon überlässt die Drucke dem Wetter, weil die Straße ihr Ausstellungsort ist, nicht weil es ihr egal wäre. Schnitzdruck hat Maserung, Körper, Struktur. Eine Holzschnitt-Linie auf einer Wand entsteht anders als ein Schablonen-Spray.

Was bleibt von 5.000 Zeichnungen, die für den nächsten Zug gemacht waren?

Im Dezember 1980 sieht Keith Haring in der Times Square Station eine schwarze, leere MTA-Werbefläche und kauft sofort Kreide. Weiße Figuren auf schwarz. Schnell gezeichnet, für die wartenden Fahrgäste, für den nächsten Zug.

Bis Mitte der 1980er Jahre entstehen über 5.000 Subway Drawings. Dann hört Haring auf. Nicht weil die Idee sich erschöpft hat. Sondern weil Menschen die Zeichnungen von den Wänden nahmen und verkauften.

Heute sind weniger als 1.000 dieser Zeichnungen erhalten.

Papierkonservatoren beschreiben die Subway Drawings als "selbstauthentifizierend": Jahrzehnte an Oxidation haben die Kreide in die Oberfläche versiegelt und eine scharfe, metallisch glänzende Graphit-Patina erzeugt. Die Werbereste auf der Rückseite bestätigen Ort und Datum.

Das ist die andere Seite des Pest-Control-Chirographen: Dort bestätigt ein zerrissenes Dokument die Echtheit. Hier bestätigt das Material sich selbst. Oxidation statt Zertifikat.

Der Unterschied zwischen Harings Kreide und Banksys Siebdruck ist nicht die Qualität. Es ist die Frage, wer entscheidet, was bleibt.

Wann hängt Straßenkunst im Museum?

Thierry Noir, geboren 1958 in Lyon, zog 1982 nach West-Berlin. Im April 1984 beginnt er, die Berliner Mauer zu bemalen. Er gilt als erster Künstler, der die Mauer systematisch bemalte. Die Motive: übergroße, grellbunte Köpfe mit einfachen Konturen. Schnell gemalt, weil der Mauerstreifen ein gefährlicher Ort war.

1990, nach dem Fall der Mauer, bemalen 118 Künstler aus 21 Ländern einen 1,3 Kilometer langen Abschnitt der ehemaligen Ostseite. Die East Side Gallery in Berlin ist heute das längste erhaltene Mauer-Denkmal der Welt und zugleich eine Open-Air-Galerie.

Berlin war der Ort, an dem Straßenkunst zu Stadtgeschichte wurde, bevor sie Museumsgeschichte wurde. Am 23. Mai 2008 eröffnet die Tate Modern in London die erste große Street-Art-Ausstellung eines Weltmuseums: sechs Künstler, sechs Positionen, eine Außenfassade. Sechs Wochen lang bespielt die Ausstellung die größte Fassade des Museums. Am 25. August ist die Ausstellung weg. Die Kunst, die sie zeigte, existiert weiter auf den Fassaden. Street Art als ephemere Geste hatte einen institutionellen Ankerpunkt bekommen. Urban Nation in Berlin, das erste Museum speziell für urban art und Street Art in Deutschland, folgte im September 2017 mit über 150 Künstlern aus mehr als 28 Ländern. Das STRAAT Museum in Amsterdam ergänzte 2020 auf 8.000 Quadratmetern mit über 180 Werken, was aus Straßenwänden mittlerweile eine eigene Museumskategorie gemacht hatte.

Die Frage, ob Street Art ihren Sinn verliert wenn sie ins Museum wandert, ist eine echte Frage. Tim Mara, britischer Siebdruck-Künstler (1948 bis 2003) und einer der einflussreichsten Druckgrafik-Lehrenden seiner Generation, hat über Siebdruck gesagt, diese Werke seien ihrer Natur nach eine Kunstform für alle, nicht nur für wenige ("By the very nature of their process, they are a popular art form, for the many rather than the few"). Das gilt für den Siebdruck-Druck genauso wie für das Wandbild. Vervielfältigung als demokratisches Prinzip.

Street Art und Pop Art teilen dieselbe Strategie: Massenproduktion als ästhetisches Argument. Wo beide sich trennen — in Herkunft, Markt und Haltung —, zeigt der Vergleich Pop Art vs. Street Art. Warhol machte Siebdruck zur Kunstform der Supermarktkultur. Banksy trug ihn auf die Fassade. Beide verstanden: Eine Edition gibt dem flüchtigen Bild eine Zukunft jenseits der Institution.

Wo endet das Wandbild, wo beginnt die Druckgrafik?

Zurück zum Kofferraum. London, Juli 2002. 250 Exemplare "Rude Copper", 40 Pfund das Stück. Wer aus einem Kofferraum Drucke verkauft, hat bereits entschieden: Das Werk soll zirkulieren.

Shepard Fairey begann seine erste Grafikpraxis 1989 an der Rhode Island School of Design, als er einem Freund erklärte, wie man Schablonen schneidet, und fand dabei zufällig eine Wrestlinganzeige mit André the Giant. Der Schritt von der Stencil-Anleitung zur Grafik-Praxis dauerte einen Nachmittag. Heute umfasst sein Werk über 400 Original-Siebdrucke. Neben Fairey übermalte KAWS in den späten 1990er Jahren Subway-Werbeposter in New York, griff dabei Charaktere auf und veränderte sie; aus dieser Praxis des direkten Eingriffs in vorhandene Werbemotive entstanden die Siebdruck-Editionen, mit denen er bekannt wurde, typischerweise zwischen 20 und 250 Exemplaren pro Motiv.

Die Grenze liegt genau dort, wo Vervielfältigung beginnt: Jede Edition ist die Entscheidung, ein Motiv aus dem Einmaligen herauszulösen. Mehr über Druckgrafik als Handwerk und Geschichte.

Die Wand gehört dem Hauseigentümer. Das Papier gehört dem Künstler.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Street Art und Graffiti?

Graffiti ist das ältere Feld: Tags, Throw-ups, Pieces. Lesbarkeit für Eingeweihte, Reviermarkierung, eine eigene Ästhetik-Sprache, die sich an die Szene richtete. Street Art richtet sich an alle. Schablonen, Paste-Ups, Wandbilder mit lesbaren Motiven. Die Übergänge sind fließend: Banksy begann in Bristols Graffiti-Szene, wechselte um 2000 zur Stencil-Technik. Die entscheidende Verschiebung war die Absicht: von Lesbarkeit für Eingeweihte zu Lesbarkeit für jeden.

Warum produzieren Street-Art-Künstler Druckgrafik-Editionen?

Eine Wand gehört dem Hauseigentümer, der sie jederzeit überstreichen kann. Ein signierter und nummerierter Druck auf Arches-Papier bleibt dokumentiert. Gleichzeitig verteilen 250 Exemplare eines Siebdrucks ein Motiv auf 250 Sammlungen. Blek le Rats Schablonenprinzip und Banksys Siebdruck-System folgen derselben Logik.

Wie erkenne ich einen echten Banksy-Druck?

Das zentrale Merkmal ist das Pest-Control-Zertifikat: eine Hälfte eines zerrissenen "Di-Faced Tenner". Kein Pest-Control-Zertifikat, kein anerkannter Banksy. Das Chirograph-Prinzip (zwei Hälften, die nur zusammen Echtheit beweisen) stammt aus dem Mittelalter und ist physisch nicht reproduzierbar. Zusätzlich: Papier-Spezifizierung, Blindstempel des Verlegers (bei POW-Drucken) und Auflagebezeichnung. Für alles andere gilt das, was für jede Druckgrafik gilt: Dokumentationslage, Provenienz, Zustandsangabe.

Was ist der Unterschied zwischen einem Banksy-Siebdruck und einem Leinwanddruck aus dem Dekohandel?

Ein Siebdruck auf Arches-Papier, editioniert und zertifiziert, ist ein Original-Druckwerk mit dokumentierter Auflage. Ein Leinwanddruck aus dem Dekorationshandel ist eine Reproduktion eines anderen Bildes, auf synthetischem Trägermaterial ohne Provenienz und ohne Limitierung. Mehr zum Thema: Original vs. Kunstdruck.

Hat Street Art in Deutschland einen eigenen Sammelmarkt?

Banksy gehörte seit 2013 zu den meistgesuchten lebenden Künstlern in Deutschland, mit einer Ausnahme (2016: Christo). 2023 fiel er aus den Top 10. Editionierte Street-Art-Drucke werden international gehandelt, überwiegend über London und New York. Bonhams und Christie's versteigern regelmäßig Primär- und Sekundärmarkt-Editionen, wobei signierte und zertifizierte Drucke auf dem Sekundärmarkt deutlich höhere Preise erzielen können als auf dem Primärmarkt. Zeitgenössische Druckgrafik hat urbane Themen aufgenommen, nicht als Kopie von Street Art, sondern als eigenständige Auseinandersetzung mit denselben Fragen: Wie viele Abdrucke, für wen, auf welchem Papier?

Quellen und weiterführende Literatur

  • Roberto Campolucci-Bordi, Banksy: The Prints. Thames and Hudson, 2025. Einleitung von Paul Coldwell.
  • Banksy, Wall and Piece. Century, 2005.
  • Keith Haring Foundation, Archiv der Subway Drawings.
  • Tate Modern, Street Art (Ausstellung 23. Mai bis 25. August 2008).
  • East Side Gallery Berlin, offizielle Dokumentation der Mauerbemalung 1990.

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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