HAP Grieshaber
HAP Grieshaber (1909–1981) zählt zu den prägenden Druckgrafikern der westdeutschen Nachkriegsmoderne. Er überführte den Holzschnitt vom historischen Handwerk in ein politisch wirksames Monumental-Medium, lehrte an der Akademie Karlsruhe als Nachfolger Erich Heckels und schuf Werke, die in der Staatsgalerie Stuttgart, der Kunsthalle Bremen und dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg stehen.
Eningen unter Achalm, frühe fünfziger Jahre. Auf der Terrasse eines kleinen Häuschens steht eine alte Handpresse. Grieshaber arbeitet hier seit 1947, wird hier bis zu seinem Tod 1981 bleiben. Bergsporn über Reutlingen, Holzmesser, Druckblock, und manchmal, wenn die Sonne richtig steht, die Druckpresse auf dem Hausdach.
Was macht den Holzschnitt bei HAP Grieshaber so besonders?
Der Holzschnitt ist das älteste Druckverfahren des Westens und gleichzeitig das direkteste: Was aus dem Block herausgeschnitten ist, bleibt weiß. Was stehen bleibt, druckt. Keine Nachkorrektur, kein Abmildern. Wer die Grundlagen des Holzschnitts kennt, versteht, warum.
Was Grieshaber damit machte, war für die Nachkriegszeit ungewöhnlich. Die meisten Künstler seiner Generation strebten zur Malerei und freien Gestaltung, weg von den technisch gebundenen Druckverfahren. Grieshaber ging den anderen Weg. Er sah im Holzschnitt ein Medium, das gerade wegen seiner Beschränkungen Kraft hat. Klare schwarz-weiße Flächen, die ohne Vorskizze entstehen und sich hundert-, tausendfach vervielfältigen lassen. Viele Blätter aus dem Eninger Atelier sind Originaldrucke im strengen Sinn: Block selbst geschnitten, Auflage signiert. Was Originaldruckgrafik kategorial von einer fotografischen Reproduktion trennt, ist auf Original vs. Kunstdruck entwickelt.
Grieshaber holte den Holzschnitt mit konsequentem, virtuosem Einsatz einer angeblich überholten Technik in die Nachkriegsmoderne, so beschreibt es das Museum Wiesbaden. Andere hatten das Verfahren als überholt abgehakt.
Wer war HAP Grieshaber – und warum wohnte er auf einem Berg?
Helmut Andreas Paul Grieshaber wurde am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot geboren, einer kleinen Gemeinde in Oberschwaben. Die Abkürzung HAP klingt pragmatisch, nicht erfunden.
Ab 1926 lernte er in Reutlingen den Beruf des Schriftsetzers und Druckers. Gleichzeitig studierte er an der Staatlichen Kunstgewerbeschule Stuttgart unter Ernst Schneidler. Beides zusammen, handwerkliches Drucken und künstlerische Ausbildung, prägte seine Methode entscheidend.
1933 erhielt er Berufsverbot durch die Reichskulturkammer. Danach reiste er durch Europa und den Nahen Osten. Nach dem Krieg, 1947, zog er auf die Achalm. Dort blieb er bis zu seinem Tod am 12. Mai 1981.
Die Achalm ist keine Abgeschiedenheit aus Weltflucht. Sie ist ein Arbeitsort. Als Künstler verbrachte HAP Grieshaber fast sein gesamtes Schaffen auf der schwäbischen Alb. Kein Galeristen-Umfeld, kein Kunstmarkt-Apparat.
Welche Linie führt von Erich Heckel zu Horst Antes?
1955 übernahm Grieshaber den Lehrstuhl an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe als Nachfolger von Erich Heckel. Heckel war Mitgründer der Künstlergruppe Brücke, die 1905 in Dresden entstand und den deutschen expressionistischen Holzschnitt begründete. Felix Vallotton hatte den flächigen Holzschnitt schon in den 1890er Jahren in Paris entwickelt, ein Jahrzehnt vor der Brücke. Heckel schnitt frei in das Holz, ohne Vorskizze. Diese Unmittelbarkeit liegt auch im Ursprung von Grieshabers eigener Methode.
Damit entstand eine durchgehende Linie: Brücke, Heckel, Grieshaber, Neue Figuration. Aus Grieshabers Karlsruher Klasse gingen Horst Antes, Dieter Krieg und Walter Stöhrer hervor. Sie wurden Schlüsselfiguren der deutschen Figurativen Kunst der Sechziger und Siebziger.
1960 legte Grieshaber die Professur nach Konflikten um die akademische Prüfungspraxis nieder. Was er in fünf Jahren aufgebaut hatte, blieb: 1959 war er auf der documenta II vertreten, 1964 auf der documenta III mit einer Monumentalholzschnitt-Wand.
Wie wurde der Holzschnitt bei Grieshaber politisch?
"Politische Kunst" wird heute für vieles verwendet. Für Statements, die niemanden stören, für Bilder, die in Ausstellungen hängen und Karrieren machen. Was Grieshaber machte, war anders strukturiert.
Er druckte gegen die griechische Militärdiktatur. Gegen den Pinochet-Putsch in Chile 1973. Gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl. Nicht als Statement, sondern als Holzschnitt, vervielfältigt und verbreitet. Für Grieshaber hatte der Holzschnitt dafür einen spezifischen Vorteil: Er konnte ihn selbst drucken, auf der eigenen Presse, in den Auflagen, die er brauchte. Ohne Verlag, ohne Druckerei, ohne Zwischenhändler. Ein 1,5-Meter-Ölgemälde braucht einen Raum und einen Käufer. Ein Holzschnitt lässt sich falten, stapeln, weitergeben, oder an Wände und Anschlagtafeln hängen, wo er ein Publikum fand, das keine Galerie betrat.
Das deutlichste Beispiel ist seine Zeitschrift "Engel der Geschichte". Von 1964 bis 1981 erschienen mehr als zwanzig Hefte, jedes mit Originalholzschnitten, jedes mit einem politischen Anlass. Ein Heft, das jemand für wenig Geld kaufen und weiterreichen konnte. Erschwinglich, direkt, wiederholbar. Grieshaber arbeitete dabei durchgängig mit literarischen Bezügen: mit Heinrich Heine (die Wallfahrt nach Kevlaar), mit Nazim Hikmet ("Hemd aus Feuer") und mit Walter Benjamins "Engel der Geschichte".
Den "Totentanz von Basel" (1965–66) druckte er in Leipzig: 40 Farbholzschnitte nach der mittelalterlichen Bildtradition, 45 mal 35 Zentimeter, über dreitausend Exemplare. Der Tod als Gleichmacher durch alle Stände, ein Bild aus dem Mittelalter, das Grieshaber in die Gegenwart holte.
Wo steht HAP Grieshaber in der deutschen Druckgrafik?
In der deutschen Druckgrafik gibt es eine Linie, die mit Albrecht Dürer beginnt: Der Nürnberger Grafiker bewies im 16. Jahrhundert, dass der Holzschnitt eine eigenständige Kunstform ist und keine Reproduktionstechnik. Sie führt über Käthe Kollwitz, die den sozialkritischen deutschen Holzschnitt des frühen 20. Jahrhunderts prägte. Und sie mündet in Grieshaber, der die Linie nach 1945 weiterzog.
Grieshaber übernahm keine Stile, er übernahm eine Grundhaltung: Holzschnitt als Medium mit eigenem Gewicht, nicht als Begleitung zu anderen Kunstformen. Bei Dürer war es die Eigenständigkeit der Form, bei Kollwitz die soziale Schärfe, bei Grieshaber das Medium als politisches Werkzeug. Die konkreten Bilder und politischen Anlässe sind seine eigenen.
Die Werke im Sortiment von Studio Sonsu stehen nicht in dieser Tradition, Grieshabers Werke sind erst 2052 frei. Aber einige Holzschnitte arbeiten mit derselben Direktheit, die seine Arbeit prägte. Georgia Greens Orlando arbeitet mit reduzierter Linie und einer liegenden Figur, ein Holzschnitt, der mit wenigen Schnitten auskommt. Richard Studers Hear My Roar arbeitet mit ähnlicher grafischer Direktheit: harte Schwarzweiß-Kontraste, sichtbare Schnittkanten, ein Bild, das ohne Zwischentöne auskommt. Rod Nelsons An Ancient Way zeigt eine einsame Figur im Wald, bei dem das Holz selbst Atmosphäre schafft. Die Maserung des Holzes ist Teil des Bildes. Holzschnitt-Tradition in ihrer direktesten Form.
FAQ
Wo wurde HAP Grieshaber geboren und wo lebte er?
HAP Grieshaber wurde am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot (Oberschwaben) geboren. 1947 zog er auf die Achalm bei Eningen unter Achalm in der Nähe von Reutlingen und lebte dort bis zu seinem Tod am 12. Mai 1981. 34 Jahre in demselben kleinen Häuschen über der schwäbischen Alb, wo er auch arbeitete.
Was ist das bekannteste Werk von HAP Grieshaber?
Der "Totentanz von Basel" (1965–66) gehört zu seinen meistzitierten Werken und ist als HAP-Grieshaber-Holzschnitt am breitesten rezipiert: 40 Farbholzschnitte à 45×35 cm, nach der mittelalterlichen Bildtradition des Basler Totentanzes, in Leipzig gedruckt. Daneben steht "Engel der Geschichte", eine politische Zeitschrift, die Grieshaber von 1964 bis 1981 mit mehr als zwanzig Heften und Originalholzschnitten herausgab.
Welche Schüler hatte HAP Grieshaber in Karlsruhe?
Grieshaber lehrte von 1955 bis 1960 an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe als Nachfolger von Erich Heckel. Aus seiner Klasse gingen Horst Antes, Dieter Krieg und Walter Stöhrer hervor. Sie wurden Schlüsselfiguren der Neuen Figuration. Grieshaber legte die Professur 1960 nach Konflikten um die akademische Prüfungspraxis nieder.
Wo findet man Werke von HAP Grieshaber heute?
In der Staatsgalerie Stuttgart, der Kunsthalle Bremen, dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und dem Städtischen Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen. Grieshaber-Holzschnitte aus Auflagenprojekten sind über spezialisierte Auktionshäuser zugänglich. Eigene Werke unterliegen bis 2052 dem Urheberrecht (VG Bild-Kunst).
Quellen und weiterführende Literatur
- Stadtlexikon Karlsruhe, "HAP Grieshaber" (Akademie-Professur, Studenten, Werkverzeichnis). https://stadtlexikon.karlsruhe.de
- Museum Wiesbaden, "HAP Grieshaber" (Sammlung und Einordnung). https://museum-wiesbaden.de/en/hap-grieshaber
- Hap-Grieshaber-Monografie.de (Biografie, Werkverzeichnis, Engel-der-Geschichte-Zeitschrift). http://www.hapgrieshaber.de/
- Bundesarchiv-Bestand B 145 Bild auf Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0 DE), Portraitfotografien. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:HAP_Grieshaber
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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