HAP Grieshaber
HAP Grieshaber (1909–1981) zählt zu den prägenden Druckgrafikern der westdeutschen Nachkriegsmoderne. Er überführte den Holzschnitt vom historischen Handwerk in ein politisch wirksames Monumental-Medium, lehrte an der Akademie Karlsruhe als Nachfolger Erich Heckels und schuf Werke, die in der Staatsgalerie Stuttgart und im Kunstmuseum Reutlingen stehen.
Eningen unter Achalm, frühe fünfziger Jahre. Am Südhang des Berges, in einem kleinen Haus über Reutlingen, steht Grieshabers Kniehebel-Druckpresse; heute steht sie im Kunstmuseum Reutlingen. Grieshaber lebt hier seit seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, wird hier bis zu seinem Tod 1981 bleiben. Bergsporn über Reutlingen, Holzmesser, Druckblock.
Was macht den Holzschnitt bei HAP Grieshaber so besonders?
Der Holzschnitt ist das älteste Druckverfahren des Westens und gleichzeitig das direkteste: Was aus dem Block herausgeschnitten ist, bleibt weiß. Was stehen bleibt, druckt. Keine Nachkorrektur, kein Abmildern. Wer die Grundlagen des Holzschnitts kennt, versteht, warum.
Was Grieshaber damit machte, war für die Nachkriegszeit ungewöhnlich. Sein bevorzugtes Medium war der großformatige, abstrahierende Holzschnitt: klare Flächen, die sich vervielfältigen lassen. Das Stadtlexikon Karlsruhe schreibt ihm zu, den Holzschnitt von seiner Zweckgebundenheit als Illustrations- und Werbemittel befreit und zu einer autonomen Bildgattung erhoben zu haben. Was Originaldruckgrafik kategorial von einer fotografischen Reproduktion trennt, ist auf Original vs. Kunstdruck entwickelt.
Grieshaber holte den Holzschnitt mit konsequentem, virtuosem Einsatz einer angeblich überholten Technik in die Nachkriegskunst, so beschreibt es das Museum Wiesbaden, und erweiterte mit seinen großen Formaten den Anwendungsbereich des Mediums.
Wer war HAP Grieshaber – und warum wohnte er auf einem Berg?
Helmut Andreas Paul Grieshaber wurde am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot geboren, einer kleinen Gemeinde in Oberschwaben. Die Abkürzung HAP klingt pragmatisch, nicht erfunden.
In Reutlingen absolvierte er eine Lehre als Schriftsetzer und Buchdrucker, das Stadtlexikon Karlsruhe datiert sie auf 1926 bis 1927. Gleichzeitig besuchte er bis 1928 die Staatliche Kunstgewerbeschule Stuttgart. Beides zusammen, handwerkliches Drucken und künstlerische Ausbildung, prägte seine Methode.
Zwischen 1931 und 1933 führten ihn Studienreisen nach England, Ägypten und Griechenland; 1932 arbeitete er erstmals im Holzschnitt. Als Kritiker des Nationalsozialismus geriet er ins Visier der Reichskulturkammer: Das Stadtlexikon Karlsruhe nennt für 1933 ein Berufs- und Ausstellungsverbot, die Wikipedia eine 1937 angedrohte, aber nicht ausgesprochene Berufsuntersagung. Ab 1934 erschienen in einer Reutlinger Kunstanstalt seine „Reutlinger Drucke". 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach der Kriegsgefangenschaft, 1946 laut Wikipedia-Hauptartikel, 1947 laut Achalm-Artikel, zog er auf die Achalm bei Eningen. Dort blieb er bis zu seinem Tod am 12. Mai 1981.
Die Achalm ist keine Abgeschiedenheit aus Weltflucht. Sie ist ein Arbeitsort. Von hier aus arbeitete Grieshaber bis zu seinem Tod. Anfang der 1950er Jahre, während seiner Tätigkeit an der Bernsteinschule bei Sulz am Neckar, entstanden seine ersten lebensgroßen Holzschnitte.
Welche Linie führt von Erich Heckel zu Horst Antes?
1955 übernahm Grieshaber den Lehrstuhl an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe als Nachfolger von Erich Heckel. Heckel war Mitgründer der Künstlergruppe Brücke, die 1905 in Dresden entstand und den deutschen expressionistischen Holzschnitt begründete. Felix Vallotton war schon in den 1890er Jahren mit Holzschnitten bekannt geworden, deren neuartige Flächenaufteilung und harte Schwarz-Weiß-Kontraste Aufsehen erregten, ein Jahrzehnt vor der Brücke.
Aus Grieshabers Karlsruher Klasse gingen Horst Antes, Dieter Krieg und Walter Stöhrer hervor. Grieshaber gilt laut Stadtlexikon Karlsruhe als Initiator der Karlsruher Neuen Figuration.
1960 gab Grieshaber die Professur auf, nachdem einige seiner Studenten die Abschlussprüfung nicht bestanden hatten: Ihre Arbeiten galten nach der noch aus der NS-Zeit stammenden Prüfungsordnung als nicht naturgetreu genug. Die öffentliche Debatte darüber führte zur Änderung der Prüfungsordnung. Was er in fünf Jahren aufgebaut hatte, blieb: 1955 war er auf der documenta 1 und 1959 auf der documenta II vertreten, 1964 zeigte er auf der documenta III seine documenta-Wand.
Wie wurde der Holzschnitt bei Grieshaber politisch?
"Politische Kunst" wird heute für vieles verwendet. Für Statements, die niemanden stören, für Bilder, die in Ausstellungen hängen und Karrieren machen. Was Grieshaber machte, war anders strukturiert.
Er druckte gegen die griechische Militärdiktatur. Gegen die Diktatur in Chile nach dem Militärputsch von 1973. Gegen Atomkraftwerke. Nicht als Statement, sondern als Holzschnitt, vervielfältigt und verbreitet. Für Grieshaber hatte der Holzschnitt dafür einen spezifischen Vorteil: Er konnte ihn selbst drucken, auf der eigenen Presse, in den Auflagen, die er brauchte. Ohne Verlag, ohne Druckerei, ohne Zwischenhändler. Ein Ölgemälde braucht einen Raum und einen Käufer. Ein Holzschnitt lässt sich falten, stapeln, weitergeben, oder an Wände und Anschlagtafeln hängen, wo er ein Publikum fand, das keine Galerie betrat.
Das deutlichste Beispiel ist seine Zeitschrift "Engel der Geschichte". Von 1964 bis 1981 erschienen 23 Hefte, in denen er in Bild und Wort zu Landschaftsschutz, Ökologie, Atomkraft, Diktatur und Diskriminierung Stellung bezog. Ein Heft, das sich kaufen und weiterreichen ließ. Direkt, wiederholbar. Der Titel bezieht sich auf Walter Benjamins "Engel der Geschichte".
Den "Totentanz von Basel" (1966) verlegte der Verlag der Kunst in Dresden: 40 Farbholzschnitte nach dem mittelalterlichen Basler Totentanz, 45 mal 35 Zentimeter, mit der Typografie von Albert Kapr. Der Tod als Gleichmacher durch alle Stände, ein Bild aus dem Mittelalter, das Grieshaber in die Gegenwart holte.
Wo steht HAP Grieshaber in der deutschen Druckgrafik?
In der deutschen Druckgrafik lässt sich eine Linie ziehen, von Albrecht Dürer über Käthe Kollwitz bis zu Grieshaber, der sie nach 1945 weiterzog.
Grieshaber übernahm keine Stile, er übernahm eine Grundhaltung: Holzschnitt als Medium mit eigenem Gewicht, nicht als Begleitung zu anderen Kunstformen. Bei Dürer war es die Eigenständigkeit der Form, bei Kollwitz die soziale Schärfe, bei Grieshaber das Medium als politisches Werkzeug. Die konkreten Bilder und politischen Anlässe sind seine eigenen.
Die Werke im Sortiment von Studio Sonsu stehen nicht in dieser Tradition, Grieshabers Werke sind erst ab 2052 gemeinfrei. Aber einige Holzschnitte arbeiten mit derselben Direktheit, die seine Arbeit prägte. Georgia Greens Orlando arbeitet mit reduzierter Linie und einer liegenden Figur, ein Holzschnitt, der mit wenigen Schnitten auskommt. Richard Studers Hear My Roar arbeitet mit ähnlicher grafischer Direktheit: harte Schwarzweiß-Kontraste, sichtbare Schnittkanten, ein Bild, das ohne Zwischentöne auskommt. Rod Nelsons An Ancient Way zeigt eine einsame Figur im Wald, bei dem das Holz selbst Atmosphäre schafft. Die Maserung des Holzes ist Teil des Bildes. Holzschnitt-Tradition in ihrer direktesten Form.
FAQ
Wo wurde HAP Grieshaber geboren und wo lebte er?
HAP Grieshaber wurde am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot (Oberschwaben) geboren. Nach der Kriegsgefangenschaft zog er auf die Achalm bei Eningen unter Achalm und lebte dort bis zu seinem Tod am 12. Mai 1981. Gut drei Jahrzehnte an demselben Ort über Reutlingen, wo er auch arbeitete.
Was ist das bekannteste Werk von HAP Grieshaber?
Der "Totentanz von Basel" (1966) gehört zu seinen bekanntesten Werken: 40 Farbholzschnitte à 45×35 cm nach dem mittelalterlichen Basler Totentanz, erschienen im Verlag der Kunst, Dresden. Daneben steht "Engel der Geschichte", eine politische Publikationsreihe, die Grieshaber von 1964 bis 1981 mit 23 Heften herausgab.
Welche Schüler hatte HAP Grieshaber in Karlsruhe?
Grieshaber lehrte von 1955 bis 1960 an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe als Nachfolger von Erich Heckel. Aus seiner Klasse gingen Horst Antes, Dieter Krieg und Walter Stöhrer hervor. Grieshaber gilt als Initiator der Karlsruher Neuen Figuration. 1960 gab er die Professur auf, nachdem Studenten wegen der noch aus der NS-Zeit stammenden Prüfungsordnung durch die Abschlussprüfung gefallen waren.
Wo findet man Werke von HAP Grieshaber heute?
Laut Wikipedia in der Staatsgalerie Stuttgart und im Kunstmuseum Reutlingen, das über einen der umfangreichsten Bestände an Arbeiten Grieshabers verfügt und seine originale Kniehebel-Druckpresse in der Kreativwerkstatt zeigt. Seine Werke unterliegen bis Ende 2051 dem Urheberrecht (VG Bild-Kunst).
Quellen und weiterführende Literatur
- Stadtlexikon Karlsruhe, Katja Förster: HAP (Helmut Andreas Paul) Grieshaber (2014). Lehre, Reichskulturkammer, Professur, Schüler, Neue Figuration, Engel der Geschichte. https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:bio-0416
- Museum Wiesbaden, HAP Grieshaber. Form | Sprache (2023/24). Einordnung. https://museum-wiesbaden.de/en/hap-grieshaber
- Wikipedia, HAP Grieshaber; Wikipedia (EN), HAP Grieshaber. Biografie, Achalm, documenta, Totentanz von Basel, politisches Engagement, Schüler
- Wikipedia, Albert Kapr; Angelus Novus; Brücke (Künstlergruppe); Erich Heckel; Félix Vallotton; Horst Antes; Dieter Krieg; Walter Stöhrer; Kunstmuseum Reutlingen
- Gesetze im Internet, § 64 UrhG (70 Jahre nach dem Tod des Urhebers) und § 69 UrhG (Fristberechnung ab Jahresende)
- Bundesarchiv-Bestand B 145 Bild auf Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0 DE), Portraitfotografie. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:HAP_Grieshaber
Zuletzt aktualisiert am 07.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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