Art Deco

Art Déco war die erste Stilbewegung, die Geometrie und Luxus zur reproduzierbaren Druckform machte. Entstanden in Paris, verbreitet über Plakate, Schmuck und Hochhausfassaden, war der Stil zwischen ca. 1910 und 1940 das schärfste visuelle Gegenprogramm zum ornamentalen Jugendstil: schneller, kantiger, selbstbewusster.

Paris, 1927. An der Gare du Nord hängt ein Plakat, das die meisten Reisenden einen Moment lang stehen lässt. Ein Zug in reiner Frontalansicht, die Schienen wie zwei parallele Linien direkt auf den Betrachter gerichtet, Rauch als geometrisch gestaffelter Block. Cassandre hat den "Nord Express" lithografisch gedruckt; das Originalblatt liegt heute in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Geschwindigkeit, dargestellt nicht als bewegte Linie, sondern als geometrischer Sog. Das war in der Plakatkunst der 1920er neu. Kein Horizont, keine Perspektivflucht. Nur Form.

Art Deco Kunst funktioniert genau so: kompromisslos geometrisch, dabei immer dekorativ. Die Bewegung fand ihren stärksten Ausdruck nicht in der Malerei, sondern in reproduzierbaren Formaten. Plakate, Modejournale, Schmuck, Fassaden. Cassandres Lithografien waren keine Begleitprodukte einer Stilepoche, sie waren ihr Ausdrucksmittel.

Was sind die Merkmale des Art Déco?

Art Deco verbindet geometrische Strenge mit dekorativem Luxus. Typische Merkmale: Symmetrie, Stufenformen, starke Kontraste, goldene und metallische Töne. Dazu ein eklektischer Einfluss-Mix aus Kubismus, ägyptischer Kunst und Futurismus, verdichtet zu einem Stil, der gleichzeitig modern und opulent wirkt.

Art Deco entstand nicht aus einem einzigen Impuls. Die Bewegung mischte mehrere aufkommende Stile der Epoche: Kubismus, Expressionismus, Futurismus, Vortizismus und die ägyptische Ästhetik, die seit der Tutanchamun-Ausgrabung 1922 durch alle europäischen Kulturmedien ging. Aus diesem Einfluss-Mix wurde etwas Eigenständiges: ein Stil, der nicht zitiert, sondern verdichtet. Die Encyclopaedia Britannica fasst die formalen Konstanten in drei Punkten: einfache, klare Formen mit "streamlined" Anmutung, Ornament aus Geometrie oder stilisierter Darstellung, ungewöhnlich vielfältige und oft kostbare Materialien.

Der britische Kunsthistoriker Bevis Hillier, der dem Stil 1968 seinen heute gebräuchlichen Namen gab, hat die Grundhaltung knapper als alle späteren Ausstellungstexte beschrieben:

"An assertively modern style, developing in the 1920s and reaching its high point in the thirties, it drew inspiration from various sources, including the more austere side of Art Nouveau, cubism, the Russian Ballet, American Indian art, and Bauhaus; it was a classical style in that, like neo-classicism but unlike Rococo or Art Nouveau, it ran to symmetry rather than asymmetry, and to the rectilinear rather than the curvilinear."

Bevis Hillier, "Art Deco of the 20s and 30s" (Studio Vista, London 1968)

Auf Deutsch: ein selbstbewusst moderner Stil, der zwischen 1920 und 1940 zu seiner Höhe kam, geometrisch und symmetrisch dort, wo der Jugendstil noch kurvig und asymmetrisch dachte.

Art Deco Keramikfigur Der Gefangene Vogel von Josef Lorenzl, Goldscheider Wien 1922
Josef Lorenzl, Der Gefangene Vogel, 1922. Keramik, Goldscheider Wien. Typisch Art Deco: stilisierte Figur, geometrische Ornamentik, Luxusmaterial. Foto: Axel Wappendorf, CC BY-SA 4.0.

Josef Lorenzls Keramikfigur Der Gefangene Vogel (1922, Goldscheider Wien) führt dieses Vokabular im Objekt vor. Die Grundformen sind Geometrie in Reinform. Zickzack-Muster, Sonnenrad, gestaffelte Türme, Spiegelachsen. Wo der Jugendstil die Kurve des Pflanzenwuchses kopierte, wählte Art Deco die Linie des Architekten. Das eine rinnt, das andere steht.

Materialseitig war der Stil eine Demonstration: Chrom, Elfenbein, Lack, seltene Hölzer, vergoldetes Metall. Cartier produzierte zwischen 1922 und 1925 rund 150 ägyptisch inspirierte Schmuckstücke, teilweise mit echten altägyptischen Fayence-Skarabäen aus dem 7. oder 8. Jahrhundert v. Chr. in neuen Platinfassungen. Der Luxus war keine Behauptung, er war buchstäblich eingebaut.

Seinen Höhepunkt erlebte der Stil in Frankreich zwischen 1924 und 1928.

Das Sortiment versammelt zeitgenössische Druckgrafiken, die mit der geometrischen Formensprache des Art Deco arbeiten: reduzierte Formen, klare Strukturen, ornamentale Präzision. Kein Werk ist historisch Art Deco, alle stehen in dieser ästhetischen Tradition.

Warum war die Exposition internationale 1925 das Schlüsselereignis?

Die Weltausstellung in Paris 1925 machte die Bewegung international sichtbar. Mehr als 15 Millionen Menschen besuchten die Schau in sechs Monaten. Den Namen "Art Déco" erhielt der Stil erst Jahrzehnte später, abgeleitet aus dem Ausstellungstitel "Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes."

15.000 Aussteller aus 20 Ländern, sechs Monate lang. Ein Land fehlte auffällig: Deutschland. Wegen seiner Rolle im Ersten Weltkrieg war es nicht eingeladen. Die Ausstellung verbreitete den Stil weltweit. Den Kurznamen "Art Déco" prägte erst der Kunsthistoriker Bevis Hillier 1968, rückblickend abgeleitet vom Ausstellungstitel.

Art Deco Aufzugtür Fred French Building New York, vergoldetes geometrisches Ornament 1927
Aufzugtür im Fred French Building (1927), New York. Vergoldetes Relief mit Sonnenstrahlen und gestaffelten Bögen, eines der reinsten Beispiele für Art-Deco-Ornamentik in der Architektur. Foto: Bebgsurg, CC BY-SA 4.0.

Das hatte eine interessante Konsequenz. Während Paris 1925 den ornamentalen Luxus feierte, entwickelte das Bauhaus in Dessau eine völlig andere Antwort auf dieselbe Frage: Wie soll die Kunst der Moderne aussehen? Art Deco sagte: glänzend und aufwendig. Das Bauhaus, ausgeschlossen von der Ausstellung, zog den entgegengesetzten Schluss: funktional, reproduzierbar, auf die Industrie hin gedacht. Zwei Bewegungen, dasselbe Jahrzehnt.

Zum 100. Jahrestag der Ausstellung zeigte das Musée des Arts Décoratifs in Paris bis April 2026 eine große Jubiläumsschau mit mehr als tausend Werken: 1925-2025. Cent ans d'Art déco, kuratiert um die Leitfiguren Jacques-Émile Ruhlmann, Eileen Gray und Jean-Michel Frank.

Wie wurde ein Art Deco-Plakat gedruckt?

Cassandres Plakate entstanden als Farblithografien: erst als Gouache-Malerei entworfen, dann Farbe für Farbe auf separate Lithografiesteine übertragen und übereinandergedruckt. Jede Farbe brauchte einen eigenen Stein und einen eigenen Durchgang durch die Presse.

Die Farblithografie war das technisch passendste Medium für den Art Deco-Stil. Lithografie arbeitet mit dem Grundprinzip der gegenseitigen Abstoßung von Fett und Wasser auf einer ebenen Oberfläche: Die fetthaltige Druckfarbe haftet nur dort, wo die Zeichnung ist. Das Ergebnis ist ein Farbdruck, der weiche Übergänge und präzise Kanten gleichzeitig erlaubt.

Für Cassandre bedeutete das: jede Farbe eines Plakats bekam ihren eigenen Stein. Der Drucker überlagerte Druck für Druck, bis das vollständige Bild entstand. Exakte Passung war handwerkliche Meisterleistung, kein Selbstläufer.

Cassandre (bürgerlich Adolphe Jean-Marie Mouron, 1901–1968) schuf zwischen 1925 und 1935 rund hundert Plakate. Was heute in Museen hängt, ist dasselbe Objekt, das damals an Bahnhofswänden hing: ein Original, nicht eine Reproduktion davon. Wie ein Zeitgenosse die Farblithografie zu einem ähnlichen Zweck einsetzte, zeigt die Seite zu Henri de Toulouse-Lautrec.

Das Normandie-Plakat (1935) im Victoria & Albert Museum, das in der Übersicht des Hauses zu Art Deco Printmakers als eines der prägendsten Reiseplakate der Epoche eingeordnet wird, ist dafür das konkreteste Beispiel. Es kam nicht über den Kunstmarkt, sondern aus dem persönlichen Nachlass des Illustrators René Bouvard. Bouvard arbeitete damals für die Compagnie Générale Transatlantique und lernte Cassandre kennen, der für die Reederei das Normandie-Plakat entworfen hatte. Das V&A erwarb es am 19. Juli 2017. Cassandres Hand, Bouvards Wand, V&A-Vitrine.

Von den rund hundert Plakaten existiert exakt eines in einer nummerierten limitierten Auflage: "L.M.S./Best Way" (1928), gedruckt in 50 signierten und nummerierten Exemplaren. Alle anderen wurden nie nummeriert. Eines dieser 50 Exemplare erzielte im November 2012 bei Swann Galleries 162.500 Dollar, den bis dahin höchsten Preis für ein Reiseplakat weltweit. Was die LMS-Auktion außerdem aufwarf: ob ein Cassandre-Plakat überhaupt als Original oder als Massendruck zu verstehen ist, macht der Vergleich auf Original vs. Kunstdruck konkret.

Was war der Pochoir-Druck und warum gibt es ihn nicht mehr?

Pochoir war eine aufwendige Handschablonentechnik, die hauptsächlich für Modejournale verwendet wurde. Pro Bild bis zu hundert einzelne Schablonen, jede Farbe per Hand aufgetragen. Das Verfahren war zu teuer für große Auflagen und verschwand nach 1925.

Art Deco Türen am Cochise County Courthouse, Bisbee Arizona, geometrische Ornamente
Art-Deco-Türen am Cochise County Courthouse, Bisbee, Arizona. Die gleiche geometrische Strenge, die Cassandres Plakate prägte, findet sich in der Architektur wieder. Foto: Peter Bronski, Public Domain.

Die Gazette du Bon Ton (1912–1925) war das Hauptformat des Art Deco-Pochoirs. Das Abonnement kostete 100 Francs pro Jahr, und jede Ausgabe enthielt exakt zehn ganzseitige Pochoir-Farbtafeln. 1921 kaufte Condé Nast das Magazin. Vier Jahre später wurde es eingestellt.

Was den Pochoir ausmachte, war gleichzeitig sein Ende. Die Technik war eine "aufwendige Mischung verschiedener Techniken mit einem variierenden Anteil Handarbeit", die "sich nicht für hohe Auflagen und günstige Preise" eignete. Wo die Lithografie skalierte, blieb der Pochoir handwerkliche Einzelfertigung.

Das erklärt auch, warum Cassandres Plakate die Farblithografie bevorzugten: Sie ließ Präzision und Auflage gleichzeitig zu. Die Plakate erreichten Bahnhöfe und Schiffsanleger in ganz Europa. Pochoir wäre auf dem Papier geblieben.

Wie sieht Art Deco in der Architektur aus?

Das sichtbarste Erbe des Art Déco ist das Chrysler Building in New York: deutsche Edelstahltechnik als geometrisches Ornament, verkleidet mit Krupp-Stahl und montiert in provisorischen Werkstätten hoch über Manhattan.

Chrysler Building New York, Art Deco Architektur mit Nirosta-Edelstahl-Krone, 1930
Das Chrysler Building (1930) in New York. Die Krone aus deutschem Krupp-Nirosta-Stahl ist das bekannteste Beispiel für Art Deco in der Architektur. Foto: Joris van Rooden, CC BY-SA 3.0.

Das Chrysler Building in New York (1930) ist das sichtbarste Erbe des Art Déco-Stils. Seine Krone ist mit "Nirosta"-Stahl verkleidet, einer austenitischen Edelstahllegierung des deutschen Krupp-Konzerns. Deutsches Material, amerikanisches Paradegebäude, ein Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg. Dass Krupp-Stahl in das ikonischste Gebäude der Epoche eingebaut wurde, während Deutschland von der Pariser Ausstellung ausgeschlossen blieb, fiel damals kaum auf. Weil die gewölbte Kuppelform keine Standardmaße erlaubte, mussten die Bleche einzeln vor Ort vermessen und in provisorischen Werkstätten hoch über Manhattan montiert werden.

Art Deco-Architektur folgt denselben Prinzipien wie die Druckgrafik: Stufenformen, Symmetrieachsen, ornamentale Details an definierten Stellen.

Der Kubismus hatte daran einen handfesten Anteil: Die Zerlegung von Flächen in Geometrie, die Picasso und Braque auf der Leinwand vorgeführt hatten, wurde in Art Deco zu Ornament umgebogen. Weniger brüchig, mehr dekorativ, aber dieselbe Grundidee.

Was ist heute noch von Art Deco lebendig?

Was von Art Deco in der zeitgenössischen Druckgrafik weiterlebt, ist weniger der Stil als die Haltung: geometrische Reduktion, ornamentale Disziplin, Farbe als Fläche. Die Chromolithografie, die Cassandres Epoche technisch ermöglichte, ist auf der Seite Chromolithografie beschrieben.

Wer heute mit diesen Prinzipien arbeitet, muss den Begriff nicht benutzen. Aber die Werkzeuge sind dieselben: klare Kanten, strenge Symmetrie, die Überzeugung, dass Ornament und Präzision kein Widerspruch sind. In der zeitgenössischen Plakatkunst, etwa bei den Schweizer Grafikdesignern, die geometrische Raster und typografische Strenge zur Methode gemacht haben, lebt das Art-Deco-Prinzip weiter – nicht als Zitat, sondern als Grundhaltung: Form ist nicht Dekoration, Form ist die Aussage.

Häufige Fragen zu Art Deco

Was sind die wichtigsten Merkmale des Art Deco?

Art Deco lässt sich am schärfsten über seine Abgrenzung zum Jugendstil verstehen: Wo der Jugendstil organische Kurven und fließende Linien bevorzugte, setzte Art Deco auf Geometrie, Symmetrieachsen und Stufenformen. Typisch sind starke Kontraste, metallische und goldene Töne sowie eine Vorliebe für industrielle Materialien wie Chrom und Lack. Ornament und Präzision sind kein Widerspruch, sondern das zentrale Prinzip.

Wer waren die wichtigsten Künstler des Art Déco?

In der Grafikdesign-Welt ist Cassandre (Adolphe Jean-Marie Mouron, 1901–1968) die prägendste Figur. Zwischen 1925 und 1935 schuf er rund hundert Plakate, alle als Farblithografien. Tamara de Lempicka arbeitete in der Malerei und verkörpert die mondäne Eleganz des Stils. Für Schmuck und Architektur sind Cartier, Lalique und die Architekten des New York der 1920er und 1930er Jahre die relevanten Namen.

Was ist der Unterschied zwischen Art Deco und Jugendstil?

Der Jugendstil (ca. 1890–1910) orientierte sich an organischen Formen: Pflanzenranken, fließende Linien, asymmetrische Kompositionen. Art Deco nahm dieselbe Abkehr vom Historismus vor, zog aber den gegenteiligen Schluss: nicht florale Weichheit, sondern geometrische Strenge. Jugendstil-Ornament rinnt. Art Deco-Ornament steht. Zeitlich folgt Art Deco auf den Jugendstil, inhaltlich ist es eine Gegenbewegung. Dass der Unterschied auch in der Drucktechnik steckt, je nachdem ob der Künstler selbst auf den Stein zeichnete oder den Entwurf einem Spezialisten übergab, zeigt Jugendstil vs. Art Deco.

Kann man Art Deco-Originalwerke noch kaufen?

Historische Originale aus der Blütezeit (1920–1940) kommen regelmäßig bei Auktionshäusern auf den Markt, Cassandre-Plakate erzielten zuletzt fünf- bis sechsstellige Summen. Wer sich für die Formensprache interessiert, ohne historische Auktionspreise zu zahlen, findet in der zeitgenössischen Druckgrafik Arbeiten, die geometrische Reduktion und ornamentale Präzision weiterführen, ohne historisches Zitat zu sein. Den Unterschied zwischen Originaldruck und Reproduktion erklärt Original vs. Kunstdruck.

Was war der Pochoir und welche Rolle spielte er in Art Deco?

Pochoir war eine Handschablonentechnik für Modejournale und Kunstbücher. Jede Farbe wurde per Schablone aufgetragen, ein einziges Bild konnte bis zu hundert einzelne Schablonen erfordern. Das Verfahren eignete sich nicht für hohe Auflagen und verschwand nach 1925, als die Modejournale auf günstigere Druckverfahren umstiegen. Wer die Technik als solche verstehen will, findet auf der Seite Pochoir den vollständigen Prozess. Der Gegenentwurf war die Farblithografie, die Cassandre für seine Plakate nutzte: dasselbe Ergebnis in der Farbwirkung, aber skalierbar.

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft. Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de

Quellen und weiterführende Literatur

  • Victoria & Albert Museum, Art Deco Printmakers
  • Museum Wilhelm Busch, Art Déco: Grafikdesign aus Paris (Ausstellung)
  • Musée des Arts Décoratifs Paris, 1925–2025: Cent ans d'Art déco (Jubiläumsausstellung 2025/26)
  • Swann Auction Galleries, Collecting Railway Posters (Vintage Posters Guide)
  • Bevis Hillier, Art Deco of the 20s and 30s (1968)