Ernst Ludwig Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) malte die Berliner Großstadt so, wie sie sich anfühlte. Berlin, 1913 bis 1915: Zwei Frauen in langen Abendkleidern und Federhüten schreiten durch die Menge, aufrecht und unnahbar. Ihre Gesichter sind Masken. Die Männer um sie herum sind Schatten. Kirchner malte diese Figuren immer wieder, die Kokotten des Berliner Westens, die Straße als elektrischen Raum, die Großstadt als Ort der Anonymität. Die Berliner Straßenszenen gelten heute als Meilenstein des deutschen Expressionismus und als einer der bedeutendsten deutschen Bilderzyklen des 20. Jahrhunderts.

Kirchner hat dieselben Motive auch gedruckt, und zwar häufiger, als er sie gemalt hat. Der Zyklus der Berliner Straßenszenen umfasst nach Wikipedia-Angaben 11 Gemälde. Daneben entstanden 14 Holzschnitte, 14 Radierungen und 8 Lithografien plus zahlreiche Skizzen. Als das MoMA 2008 die Serie erstmals vollständig versammelte, hingen sieben Gemälde im Saal. Im Nebenraum über 60 Arbeiten auf Papier. Das Bild, das heute als Gemälde bekannt ist, war für Kirchner zuerst ein Druckproblem. Sein druckgrafisches Gesamtwerk zählt über 2.000 Blätter im Werkverzeichnis Dube. Fast alle hat er selbst gedruckt. Die Druckgrafik war kein Nebenprodukt. Sie lief parallel zur Malerei, oft zeitlich vorher.

  1. Juni 1905. Vier Architekturstudenten unterschreiben in Dresden ein Programm. Das Programm ist ein Holzschnitt. Kirchner hat es selbst in den Block geschnitten, kein Setzer, kein Drucker, keine Akademie. Das Manifest der Gruppe Die Brücke ist die Technik.

Vier Männer, die nie Architekten werden. Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl, und Ernst Ludwig Kirchner, der schon vor der Gründung in Holz geschnitten hatte.

Was macht Kirchner zum wichtigsten Druckgrafiker des Expressionismus?

Die Antwort steckt in der Gewichtung seiner Medien. Bei den Berliner Straßenszenen von 1913 bis 1915 entstanden 14 Holzschnitte, 14 Radierungen und 8 Lithografien neben nur 11 Gemälden, mehr Druckwerke als Gemälde, oft parallel, bei einigen Motiven sogar vorher. Die Druckgrafik war sein Primärmedium, nicht die Skizze vorm Gemälde.

Ernst Ludwig Kirchner, Peter Schlemihl (aus der Serie), Farbholzschnitt, 1915. Expressionistische Allegorie nach Chamisso.
Ernst Ludwig Kirchner, Peter Schlemihl (aus der Serie), 1915. Farbholzschnitt. Public Domain.

Die Folge Peter Schlemihl (1915), Kirchners Holzschnitt-Zyklus nach Chamissos Erzählung vom Mann ohne Schatten, fällt genau in diese Zeit.

Das war kein Zufall. Kirchner hielt Drucktechniken für etwas grundsätzlich anderes als Zeichnen oder Malen. In einem Text, den er 1921 unter dem Pseudonym Louis de Marsalle veröffentlichte, schrieb er: "Die technischen Verfahren lösen zweifellos Energien im Künstler aus, die bei den viel leichteren Prozessen des Zeichnens oder Malens ungenutzt bleiben." Das war kein theoretisches Selbstgespräch. Das Pseudonym war das Messgerät, mit dem er sein eigenes Werk prüfte.

Kirchner druckte fast alle Blätter selbst, in sehr kleinen Auflagen, mit eigenwilligen Effekten.

Wie hat Kirchners Druckgrafik den Holzschnitt verändert?

Das Wichtigste ist eine bewusste Entscheidung gegen Perfektion. Kirchner und die Brücke integrierten Holzmaserung, Astlöcher und unregelmäßiges Wachstum absichtlich in ihre Bilder, wobei Emil Nolde die Maserung am radikalsten als eigenständiges Bildelement behandelte. Was handwerklich nach Fehler aussieht, war Methode. Das Holzschnitt-Vokabular, das Kirchner dabei überschrieb, reichte von der Inkunabel über den Chiaroscuro-Holzschnitt der Renaissance bis zur japanischen Tradition.

Im Holz gibt es kein Zurück. Was geschnitten ist, bleibt geschnitten. Kirchner nutzte genau das. Der Grat am Schnittrand war kein Makel, sondern Beweis, dass jemand mit einem Messer in echtem Material gearbeitet hatte.

Dazu kam ein technisches Detail, das Kirchners Farbholzschnitte von der Standardpraxis seiner Zeitgenossen unterscheidet: Er verwendete häufig nur einen einzigen Druckstock und trug die verschiedenen Farben mit einem Pinsel, à la poupée, direkt auf den Block auf, statt für jede Farbe einen eigenen Stock zu schneiden. Die Methode ist aus der Tiefdruck-Praxis bekannt, aber die Übertragung auf den Holzschnitt war ungewöhnlich. Zwei Abzüge desselben Stocks sind nie identisch: Die Pinselführung variiert, der Druck variiert, und er selbst variiert mit. Das ist das Gegenteil von Serienproduktion.

Ernst Ludwig Kirchner, Kasernenreithof Halle (Artilleristen beim Pferdebewegen), Holzschnitt, 1915. Soldaten und Pferde in expressiv-reduzierter Schnittführung.
Ernst Ludwig Kirchner, Kasernenreithof, Halle, 1915. Holzschnitt. Public Domain.

Der Kasernenreithof, Halle (1915) zeigt diese Methode noch dichter gestaffelt.

Das Extrem: Junkernboden (1919). Dieser Kirchner-Holzschnitt zeigt, wie weit er das experimentelle Potential des Mediums ausschöpfte: Kirchner druckte denselben geschnittenen Block auf Vorder- und Rückseite eines einzigen Blattes und veränderte beide Abzüge danach mit verschiedenen Farbtinten. Junkernboden gehört zu den zwei einzigen bekannten doppelseitigen Arbeitsproben in seinem gesamten Werk. Zwei Unikate aus einem Block.

Wie verhält sich Kirchners Leben zu seiner Druckgrafik?

Von Edvard Munch, dessen Druckgrafik die Brücke-Generation früh studierte, übernahm Kirchner das Laubsäge-Verfahren im Holzschnitt, den Holzblock zerschneiden, einzelne Formteile separat einfärben, wieder zusammensetzen. Was bei Munch Experiment gewesen war, wurde bei Kirchner Methode. Jede Farbfläche konnte für sich genommen werden, die Naht zwischen den Blöcken wurde zum gestalterischen Element.

1913 zerbrach die Gruppe an einem Text. Kirchner hatte die "Chronik der Brücke" geschrieben, ohne die anderen Mitglieder einzubeziehen. Erich Heckel, Otto Mueller und Karl Schmidt-Rottluff lehnten den Text ab, sie lasen darin eine Vereinnahmung der gemeinsamen Arbeit durch Kirchner. Im Mai 1913 war die Brücke aufgelöst, Kirchner verlor die Gruppe, die seine Arbeit bis dahin getragen hatte.

Im Ersten Weltkrieg wurde Kirchner zum Militär eingezogen. Der Zusammenbruch kam 1915, nicht am Feind. Ab 1917 verbrachte er zunehmend Zeit in Davos, ab 1918 mit festem Wohnsitz in Frauenkirch. In der Schweizer Berglandschaft wandelte sich sein Motivrepertoire: aus Großstadt-Figuren wurden Bauern und Bergbilder. Die ersten Holzschnitte aus Davos zeigen dasselbe Arbeitsprinzip wie die Berliner Jahre. Direkter Schnitt in den Block. Sichtbare Werkzeugspuren. Kein Nachschleifen. Alpenlandschaften statt Straßen.

Ernst Ludwig Kirchner, Stafelalp mit Tinzenhorn, Holzschnitt, 1917. Berglandschaft bei Davos in expressiver Schnittführung mit sichtbaren Werkzeugspuren.
Ernst Ludwig Kirchner, Stafelalp mit Tinzenhorn, 1917. Holzschnitt. Public Domain.

In Davos entstanden Bergmotive wie Stafelalp mit Tinzenhorn (1917).

1924 erschien bei Kurt Wolff in München der Gedichtband Umbra Vitae des 1912 verstorbenen Georg Heym, illustriert von Kirchner: 46 Holzschnitte als Kopfleisten, Umschlag, Frontispiz und Vorsatzblätter, alles in Eigenregie, Auflage 510 Exemplare. 46 Holzschnitte für ein einziges Buch. Das ist kein Beiwerk.

Schon vor seiner endgültigen Niederlassung in der Schweiz hatte Kirchner in Deutschland Unterstützer. 1918 stiftete er dem Jenaer Kunstverein mehr als 250 Druckgrafiken unter dem Namen "Botho-Graef-Gedächtnis-Stiftung", benannt nach seinem Freund und frühen Förderer Botho Graef, der 1917 gestorben war. Eine der größten Einzelschenkungen druckgrafischer Arbeiten an ein deutsches Museum überhaupt.

Während sich in Deutschland die Neue Sachlichkeit durchgesetzt hatte, eine Bewegung, die mit dem expressionistischen Programm der Brücke-Zeit bewusst gebrochen hatte, konfiszierte 1937 die NS-Kulturbehörde 639 Werke Kirchners aus deutschen Museen und stellte mehrere Dutzend davon in der Ausstellung "Entartete Kunst" aus. Das ist eine sehr große Zahl für einen Künstler, der seine Druckgrafik in Auflagen von manchmal zehn, zwanzig Exemplaren produziert hatte. Wenn ein Werk in dreißig Abzügen existiert und ein Großteil der deutschen Bestände auf einen Schlag verschwindet, hängt das Überleben der Arbeit daran, dass einzelne Exemplare privat geblieben sind oder das Land verlassen hatte. Kirchner, in Davos, erfuhr das aus der Zeitung. Acht Monate später, am 15. Juni 1938, nahm er sich in Frauenkirch-Wildboden bei Davos das Leben.

Wie lebt Kirchners Ansatz heute weiter?

1955 übernahm HAP Grieshaber Erich Heckels Lehrstuhl an der Akademie für Bildende Künste Karlsruhe. Was Grieshaber von Kirchner und der Brücke-Generation übernahm, war nicht Ästhetik, sondern Haltung: selbst drucken, auf Vorzeichnung verzichten, das Material führen lassen.

Das Prinzip lebt nicht als Zitat weiter, sondern als Bedingung. Wer heute Holzschnitt schneidet, arbeitet mit denselben Grundbedingungen: dem Widerstand des Materials, der Unumkehrbarkeit des Schnitts, der sichtbaren Spur des Werkzeugs. Was Grieshaber in Karlsruhe lehrte, Block-Wahl, Werkzeugführung, Verzicht auf Vorzeichnung, Eigendruck: das sind keine Stilentscheidungen, sondern Konsequenzen aus dem, was der Holzschnitt ist.

Richard Studer schneidet mit dem Messer das Fell seiner Katzen so, dass die Holzmaserung dort hervortritt, wo das Tier am dichtesten wirkt. Georgia Greens Orlando zeigt eine liegende Figur, in groben Konturen geschnitten. Dieselbe Frage, die Kirchner in Dresden und Berlin gestellt hatte: Wie bringt man Körper und Bewegung aufs Papier, ohne sie zu glätten?

Käthe Kollwitz arbeitete zeitgleich am Holzschnitt, mit demselben Werkzeug, aber anderer Stoßrichtung: nicht Großstadt und Bewegung, sondern Trauer und Anklage. Beide gehörten zum Expressionismus im weitesten Sinn, beide arbeiteten auch mit der Radierung, die Brücke-Generation druckte sich frei, Kollwitz druckte gegen die Verhältnisse an.

Was ist der Unterschied zwischen Kirchners Original-Druckgrafik und einem Kunstdruck?

Ein Original-Abzug hat Plattenrand, Textur in der Druckfarbe, die Holzmaserung im Bild. Wenn Kirchner druckte, stand er selbst am Stock, in kleiner Auflage. Die Auflage war nie Teil einer Marktkalkulation, bei den seltensten Blättern existieren weniger als zehn signierte Abzüge.

Ein moderner Kunstdruck nach Kirchner ist eine fotografische Reproduktion, kein Kontakt mit der originalen Matrix. Plattenrand, Textur, Handsignatur fehlen. Wer den Unterschied zwischen Original und Kunstdruck genauer kennen will, findet die Kriterien dort einzeln aufgeschlüsselt.

Das Kirchner Museum Davos besitzt über 300 Original-Druckgrafiken aus dem Nachlass sowie 160 Skizzenbücher mit über 9.000 Zeichnungen, die größte bekannte Kirchner-Sammlung aus dem Nachlass an einem Ort.

FAQ

Was zeichnet Ernst Ludwig Kirchners Druckgrafik aus?

Kirchner behandelte Druckgrafik nicht als Reproduktionsmittel, sondern als eigenständige Sprache. Er druckte fast alle Blätter selbst in kleinen Auflagen. Was bei anderen Drucker als Fehler galt (Holzmaserung im Bild, ungleichmäßige Schnittspur, Variation zwischen Abzügen), wurde bei ihm Teil der Aussage. Die Druckgrafik war bei ihm der Ort, an dem seine Bildsprache zuerst entstand, nicht danach. Er schnitt seinen ersten Holzschnitt 1905 in Dresden, im selben Jahr, in dem die Brücke gegründet wurde.

Wie viele Werke hat Kirchner insgesamt geschaffen?

Im druckgrafischen Werk allein sind es über 2.000 Blätter: 971 Holzschnitte, 665 Radierungen, 458 Lithografien (Werkverzeichnis Dube, 1967/1980). Dazu kommt das malerische und zeichnerische Werk plus einige Skulpturen.

Wo kann man Kirchners Druckgrafik heute ansehen?

Das Kirchner Museum in Davos hat die größte Sammlung, über 300 Original-Druckgrafiken aus dem Nachlass. In Deutschland besitzen u.a. das Brücke-Museum Berlin, das Städel in Frankfurt und die Städtische Galerie im Lenbachhaus München bedeutende Bestände.

Was bedeutet "entartete Kunst" für Kirchners Werk?

1937 konfiszierte die NS-Kulturbehörde 639 Werke Kirchners aus deutschen Museen. Mehrere Dutzend Arbeiten wurden in der Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt, die ab Juli 1937 in München lief. Kirchner starb ein Jahr später, 1938.

Woran erkennt man einen Holzschnitt von Kirchner?

Sammler achten auf drei Dinge. Erstens: die handschriftliche Bleistift-Signatur unterhalb des Bildes. Zweitens: eine sehr kleine Auflage, oft unter 20 Exemplaren. Drittens: die sichtbare Holzmaserung im Druck. Nachdrucke aus dem Nachlass existieren, sind als solche gekennzeichnet und haben einen anderen Status als Lebzeitdrucke. Die Staatsgalerie Stuttgart, das Brücke-Museum Berlin und das Kirchner Museum Davos halten die größten öffentlich zugänglichen Bestände.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Kirchner Museum Davos, Bestandskatalog und Sammlungsgeschichte. kirchnermuseum.ch
  • Annemarie und Wolf-Dieter Dube, E. L. Kirchner. Das graphische Werk. Werkverzeichnis, 2 Bände, München 1967/1980.
  • Metropolitan Museum of Art, Kirchner Junkernboden (1919), Collection Entry 2018.31. metmuseum.org/art/collection/search/768307
  • Städel Museum Frankfurt, "Geheimnis der Materie, Revolution in Holz". stories.staedelmuseum.de
  • Harvard Art Museums, "Ernst Ludwig Kirchner's Color Woodcut Technique". harvardartmuseums.org
  • Deutsches Historisches Museum (DHM/LeMO), Ernst Ludwig Kirchner Biografie. dhm.de/lemo/biografie/ernst-ludwig-kirchner
  • Brücke-Museum Berlin, Ernst Ludwig Kirchner, Sammlung und Biografie. bruecke-museum.de

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Einige unserer Künstler arbeiten mit denselben Grundprinzipien, die Kirchner formulierte, das Material als Mitautor, der Schnitt als Aussage.

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