Die vier Druckprinzipien: Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck, Durchdruck

Diese Drucktechniken-Übersicht erklärt alle vier physikalischen Grundprinzipien: Farbe sitzt entweder auf erhabenen Stellen (Hochdruck), in Vertiefungen (Tiefdruck), auf einer chemisch behandelten Fläche ohne Relief (Flachdruck) oder wird durch ein Gewebe gepresst (Durchdruck). Wer das einmal verstanden hat, liest jedes Druckgrafik-Blatt anders und erkennt, welches Verfahren dahintersteckt.

Stephen Lawlors Radierung und Rod Nelsons Holzschnitt: beide auf Papier, beide signiert, beide in limitierter Auflage. Halte beide schräg gegen Licht. Bei der Radierung liegt eine leicht eingedrückte Linie am Bildrand (eine Pressspur, keine Druckspur). Der Holzschnitt hat das nicht; das Papier ist flach. Dieser eine haptische Unterschied erklärt alles über die physikalischen Logiken dahinter. Und es gibt noch zwei weitere.

Die vier Klassen existieren, weil Farbe und Papier auf fundamental verschiedene Weisen zueinander gebracht werden können. Wer Druckgrafik sammeln, schenken oder einfach verstehen will, braucht dieses Fundament. Den ausführlichen Direktvergleich der beiden ältesten Klassen findest du unter Hochdruck vs. Tiefdruck. Die übergeordnete Pillar-Seite ist Was ist Druckgrafik?. Wer prüfen will, ob ein Blatt zu einem dieser vier Prinzipien gehört oder nur fotografisch erzeugt wurde, findet die Abgrenzung auf Original vs. Kunstdruck.

Was ist Hochdruck?

Beim Hochdruck drucken die erhabenen Stellen des Druckstocks. Was weggeschnitten oder weggemeißelt wurde, druckt nicht. Farbe wird auf die Oberfläche aufgerollt, dann Papier aufgelegt und angedrückt. Der visuelle Charakter: klare Kontraste, grafische Energie, sichtbare Werkzeugspuren im besten Sinne.

Zwei geschnitzte Holzblöcke neben japanischem Baren und Paste auf dem Arbeitstisch, Werkzeuge des Hochdrucks.
Inga Eicaite, Holzschnitt-Werkzeuge: geschnitzter Block und japanisches Baren.

Holzschnitt und Linolschnitt sind die bekanntesten Hochdruckverfahren. Beim Holzschnitt schnitzt der Künstler in einen Holzblock; was stehenbleibt, druckt. Beim Linolschnitt ist das Material Linoleum: weicher, gleichmäßiger, ohne Maserung. Das Prinzip ist dasselbe.

Der Hochdruck ist die älteste Drucktechnik überhaupt. Die Technik ermöglichte in China ab dem 7./8. Jahrhundert den Buchdruck, die Verbreitung buddhistischer Texte und die Massenproduktion von Spielkarten, lange bevor Gutenberg in Europa den Druck mit beweglichen Lettern erfand.

Was gibt die Hochdruck-Logik einem Künstler? Kraft durch Reduktion. Durch Wegnehmen entsteht das Bild, durch das was stehenbleibt.

Hokusais "Große Welle" ist das bekannteste Beispiel dieser Logik: Die tiefen Blautöne kamen durch das Berliner Blau, ein synthetisches Pigment, das ab ca. 1790 über den holländischen Handelsposten Deshima bei Nagasaki nach Japan gelangte und ab ca. 1820 durch fallende Preise für Ukiyo-e-Drucker erschwinglich wurde. Vor diesem Pigment verblassten Ukiyo-e-Blautöne schnell.

Die expressionistischen Künstler der "Brücke" griffen um 1905 nicht trotz der Grobheit zum Holzschnitt, sondern wegen ihr. Die rohe Energie des Schnittes, die ungleichen Ränder, die Werkzeugspuren im Druck: Das war der Ausdruck, kein Fehler, der zu akzeptieren war.

Rod Nelsons zeitgenössischer Holzschnitt „Black Rocks" (2022) folgt derselben Logik: Was auf dem Stock stehenbleibt, druckt, der Rest wird weggeschnitten. Dunkle Felsinseln heben sich als stehengebliebene Fläche gegen den Himmel ab.

Erkennungsmerkmal am fertigen Blatt: Schau dir unter einer Lupe die Außenkanten der gedruckten Linien an. Beim Hochdruck gibt es einen leichten Farbrand, einen "Ink Rim" oder Quetschrand, wo der Anpressdruck die Farbe an den Kanten leicht hinausgedrückt hat. Kein anderes Druckprinzip produziert dieses Merkmal.

Rod Nelson, Black Rocks, Holzschnitt 2022. Dunkle Felsinseln vor goldenem Himmel.
Rod Nelson, Black Rocks, 2022, Holzschnitt. Hochdruck: Was auf dem Stock stehenbleibt, druckt, der Rest wird weggeschnitten.

Was ist Tiefdruck?

Beim Tiefdruck sitzt die Farbe in Vertiefungen. Die Plattenoberfläche wird vollständig eingefärbt, dann wieder abgewischt. Was in den Rillen geblieben ist, kommt unter Pressdruck ins angefeuchtete Papier. Was dabei entsteht: feinste Linien, atmosphärische Tonwerte, eine fast zeichnerische Qualität.

Jemma Gunning zieht frischen Radierungsdruck von der Kupferplatte, Print-Reveal-Moment. Foto: Alex Sedgmond.
Jemma Gunning, Print-Reveal: Die fertige Radierung wird von der Platte abgezogen. Foto: Alex Sedgmond.

Radierung, Kupferstich und Kaltnadel gehören zum Tiefdruck. Bei der Radierung wird eine Kupferplatte mit Ätzgrund bedeckt, die Zeichnung in den Grund geritzt, dann in Säure geätzt. Die Säure beißt in das freigelegte Metall und schafft Vertiefungen, die die Druckfarbe halten.

Der Tiefdruck hat seine eigene Materialgeschichte. Rembrandt hinterließ von seinen über 300 Kupferradierungen nur 82 Druckplatten, die überlebt haben. Die Geschichte dieser Platten lässt sich über Jahrhunderte zurückverfolgen: über ein Inventar bei Clement de Jonghe 1677, durch Paris und London, bis 1993 an Museen weltweit. Frühe Abzüge von einer frisch gravierten Platte sehen buchstäblich anders aus als späte, weil Kupfer unter dem Pressdruck verschleißt.

Und noch früher: Der "Master of the Playing Cards", aktiv ca. 1435-1455, gilt als erste identifizierbare Persönlichkeit im europäischen Tiefdruck. Rund 106 Kupferstiche sind bekannt, viele davon existieren als Einzelexemplare. Ein datiertes Blatt von 1446, das einem Schüler des Meisters zugeschrieben wird, belegt wie früh die Technik verbreitet war. Tiefdruck beginnt mit anonymem Spielkartendruck, Jahrhunderte vor Dürer und Rembrandt.

Jemma Gunning beschreibt den Ausgangspunkt ihrer Praxis so:

"My practice begins with drawing. It is the way I observe, record, and make sense of the world."

Der Tiefdruck ist das zeichnerischste aller Druckverfahren. Die Linie auf der Platte ist fast eine Zeichnung. Was Rembrandt mit Kaltnadel auf Kupfer kratzte, trägt den Gestus der Hand ins Papier.

Erkennungsmerkmal am fertigen Blatt: Halte das Blatt schräg gegen Licht. Den Plattenrand siehst du innerhalb von drei Sekunden: eine leicht in das Papier eingedrückte rechteckige Linie am Bildrand. Das ist eine mechanische Prägung durch die Kante der Kupfer- oder Zinkplatte, keine Druckspur. Reproduktionen haben diesen Abdruck nicht.

Radierung And England's Dreaming von Stephen Lawlor, Figur aus dichter geätzter Linienarbeit
Stephen Lawlor, And England's Dreaming, Radierung. Intensive Linienarbeit mit atmosphärischer Tiefe.

Was ist Flachdruck?

Beim Flachdruck liegen druckende und nicht-druckende Stellen auf exakt derselben Ebene. Statt Relief oder Vertiefung läuft alles über Chemie: Fett und Wasser stoßen sich ab. Fettige Zeichenmaterialien nehmen Druckfarbe an, benetzte Flächen stoßen sie ab. Die Spur davon ist im fertigen Blatt kaum sichtbar.

Toulouse-Lautrecs Farblithografie „Miss Loïe Fuller" von 1893 zeigt diesen Charakter: weiche Farbübergänge und dekorative Flächigkeit, wie sie der Steindruck erlaubt.

Henri de Toulouse-Lautrec, Miss Loïe Fuller, 1893. Farblithografie mit weichen Farbübergängen und dekorativer Flächigkeit.
Henri de Toulouse-Lautrec, Miss Loïe Fuller, 1893. Farblithografie. Public Domain.

Die Lithografie ist das Paradebeispiel. Die Geschichte ihrer Entstehung ist bemerkenswert konkret überliefert. Alois Senefelder beschreibt in seinem eigenen Bericht von 1817/18 die Entdeckung von 1796: Seine Mutter bat ihn, eine Wäscheliste zu schreiben. Papier war keins da. Er schrieb auf einen Kalkstein mit selbst angemischter "Steintinte" aus Wachs, Seife und Lampenruß. Er behandelte die Beschriftung mit verdünnter Salpetersäure. Die Buchstaben blieben stehen. Senefelder hatte nicht nach einem neuen Druckverfahren gesucht. Er wollte Notenblätter billiger vervielfältigen. Der Stein stammte aus Kelheim nahe Solnhofen, damals als Kirchenpflaster günstig verfügbar.

Warum war die Wäscheliste eine Entdeckung? Weil das Prinzip erstmals eine Drucktechnik ohne jedes Relief ermöglichte. Kein Kupferstich, kein Holzblock. Nur Chemie auf einem flachen Stein.

Das gibt dem Flachdruck seinen unverwechselbaren visuellen Charakter: weiche Übergänge und Tonwerte, die an Aquarell oder Kohlezeichnung erinnern. Toulouse-Lautrec nutzte genau das für seine Plakate: Die Lithografie erlaubte ihm klare Farbflächen mit starken Konturen in hoher Auflage zu drucken.

Die Lithografie ist das am häufigsten missverstandene Druckverfahren. Keine Prägung, kein tastbarer Rand im Papier. Manchmal zweifeln Leute, ob da "echte Arbeit" dahintersteckt. Die Antwort: Die Arbeit steckt in der Zeichnung auf dem Stein, in der chemischen Vorbereitung, in der Präzision des Farbauftrags. Die Spur ist nur unsichtbarer.

Erkennungsmerkmal am fertigen Blatt: Kein tastbarer Rand, keine Prägung. Das Papier ist komplett flach. Die Übergänge zwischen gedruckten und ungedruckten Flächen sind weich, die Tonwerte nuanciert. Wer einen Plattenrand sucht und keinen findet, steht möglicherweise vor einer Lithografie.

Was ist Durchdruck?

Beim Durchdruck wird Farbe durch ein feinmaschiges Gewebe auf das Papier gepresst. Die nicht-druckenden Stellen im Gewebe sind verklebt oder abgedeckt, die offenen Stellen lassen Farbe durch. Was dabei entsteht, unterscheidet sich von allen anderen Klassen: Farbsattheit und Leuchtkraft, die kein anderes Verfahren so erreicht.

Antonia Reber zieht Rakel über Siebdruckrahmen, Farbe wird durch die Schablone auf Papier gedrückt.
Antonia Reber, Siebdruck: Rakel zieht Farbe durch das Gewebe.

Siebdruck ist das Durchdruck-Verfahren mit der längsten Geschichte in der zeitgenössischen Kunst. Und mit der kompliziertesten Anerkennungsgeschichte. Anthony Velonis leitete ab Herbst 1938 die Silk Screen Unit der New Yorker WPA und war maßgeblich daran beteiligt, Siebdruck als künstlerisches Verfahren zu etablieren. Den Begriff "Serigraphy" prägte 1941 Carl Zigrosser, Kurator am Philadelphia Museum of Art, in seinem Essay "The Serigraph, A New Medium", um künstlerischen Siebdruck terminologisch vom industriellen Produkt zu trennen. Im Deutschen gibt es kein Äquivalent dieser terminologischen Spaltung, was erklärt warum der Siebdruck bis heute anders wahrgenommen wird als Radierung oder Lithografie.

Der Siebdruck produziert deckende Farbflächen, die eine Leuchtkraft haben, die andere Verfahren nicht erreichen. Die klaren Kanten zwischen Farbflächen, die Intensität des Pigmentauftrags, die Möglichkeit mehrere Farben übereinanderzuschichten: Das ist die Grammatik des Durchdrucks. Andy Warhols Marilyn-Siebdrucke funktionieren genau aus dieser Logik heraus.

Für jede Farbe gibt es einen eigenen Druckdurchgang mit eigenem Sieb. Antonia Rebers Straßenszenen zeigen dieses Prinzip deutlich: Die deckende Farbflächigkeit des Siebdrucks gibt ihren Stadtansichten eine Klarheit, die kein anderes Verfahren so liefern könnte.

Erkennungsmerkmal am fertigen Blatt: Satte, fast opake Farbflächen. Die Farbe liegt auf dem Papier, nicht im Papier. Unter einer guten Lupe ist manchmal die Struktur des Gewebes erkennbar, ein leichter Sägezahneffekt an den Farbkanten. Die Farbflächen wirken anders als beim Tiefdruck oder Flachdruck: intensiver, flächiger, mit klaren Grenzen statt weichen Übergängen.

Siebdruck Echo Surfaces 4 von Antonia Reber, belebter Fußgängerüberweg mit satten Farbflächen.
Antonia Reber, Echo Surfaces 4, Siebdruck. Satte Farbflächen zeigen die Leuchtkraft des Durchdrucks.

Wie erkenne ich welches Prinzip hinter einem Werk steckt?

Vier Klassen, vier Tests. Alle lassen sich am fertigen Blatt durchführen, ohne etwas darüber zu wissen, wie es gemacht wurde.

Fang beim Tiefdruck an: Der Plattenrand ist der eindeutigste Test. Halte das Blatt schräg gegen Licht und such nach einer leicht eingedrückten rechteckigen Linie am Bildrand. Wenn dieser Plattenrand sichtbar ist, ist die Frage beantwortet. Radierung, Kupferstich, Kaltnadel, Aquatinta: alle haben ihn. Reproduktionen haben ihn nicht.

Wenn kein Plattenrand da ist: Schau unter einer Lupe die Außenkanten der Drucklinien an. Ein leichter Farbwulst, wo der Anpressdruck die Farbe herausgedrückt hat, zeigt Hochdruck. Das Papier liegt flach, kein Relief im Untergrund.

Wenn weder Plattenrand noch Farbwulst: Entscheidet der Farbcharakter. Satte, deckende Farbflächen, bei denen die Farbe auf dem Papier liegt, sprechen für Durchdruck. Weiche Übergänge, nuancierte Tonwerte, das Papier so flach wie unbeschrieben, sprechen für Flachdruck.

Für den Sammler gilt: Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen Tiefdruck-Original und Reproduktion ist der Plattenrand. Bei einer Radierung die keinen hat, lohnt sich eine genaue Nachfrage.

Welcher Steuersatz gilt für welche Druckklasse?

Neben dem Visuellen gibt es einen steuerlichen Unterschied, den Sammler kennen sollten.

Hochdruck, Tiefdruck und Flachdruck gelten nach deutschem Steuerrecht als "Originalstiche, -schnitte und -steindrucke" und unterliegen dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7%. Grundlage ist §12 UStG Anlage 2 Nr. 53b.

Durchdruck (Siebdruck) fällt nicht unter diese Definition. Siebdrucke werden mit 19% besteuert. Das sagt nichts über die künstlerische Qualität. Es spiegelt eine Klassifikation im deutschen Steuerrecht, die entstanden ist, bevor der Siebdruck als Kunstform etabliert war.

Wer als Unternehmer Kunst kauft und steuerlich absetzen möchte, sollte die Druckklasse kennen.

Warum wurden alle vier Prinzipien gemeinsam UNESCO-Kulturerbe?

2018 wurden "Künstlerische Drucktechniken des Hochdrucks, Tiefdrucks, Flachdrucks, Durchdrucks und deren Mischformen" ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen.

Bemerkenswert ist der Titel selbst. Der Titel nennt das gesamte System der vier Klassen, nicht einzelne Verfahren wie Radierung oder Lithografie. Die UNESCO hat erkannt, was Kunsthistoriker schon lange wissen: Die vier Druckprinzipien sind keine Aufzählung von Techniken. Sie beschreiben vier fundamental verschiedene Weisen, Farbe und Papier zueinander zu bringen.

Das hat Konsequenzen für das Verständnis. Ein Kupferstecher aus dem 15. Jahrhundert und ein Siebdrucker aus dem 21. Jahrhundert arbeiten mit völlig verschiedenen Materialien und Werkzeugen. Das Prinzip des ersten: Farbe in Vertiefungen. Das Prinzip des zweiten: Farbe durch ein Gewebe. Beide Prinzipien existieren seit Jahrhunderten nebeneinander. Das System ist stabiler als jede einzelne Technik.

Rod Nelson hat das in allgemeinere Worte gefasst:

"Technical mastery does not necessarily confer artistic success, but invariably creates options for the artist."

Das gilt für Künstler bei der Wahl des Verfahrens. Und für Sammler beim Lesen eines Blatts.

Häufige Fragen zu Drucktechniken und Druckprinzipien

Was ist der Unterschied zwischen Hochdruck und Tiefdruck?

Beim Hochdruck drucken die erhabenen Stellen des Druckstocks, beim Tiefdruck die vertieften. Beim Holzschnitt wird Material weggenommen, die Flächen, die stehenbleiben, drucken. Bei der Radierung wird in eine Metallplatte geätzt, die Farbe sitzt in den Rillen. Haptisch: Hochdruck hinterlässt keinen Plattenrand im Papier, Tiefdruck schon. Welches Papier für welches Druckprinzip passt, vergleicht Papier für Druckgrafik. Der ausführliche Vergleich findet sich auf der Seite Hochdruck vs. Tiefdruck.

Wie erkenne ich eine Radierung (Tiefdruck) an der Wand?

Das sicherste Merkmal ist der Plattenrand: eine leicht in das Papier eingepresste rechteckige Linie am Bildrand, die man sieht wenn man das Blatt schräg gegen Licht hält. Bei Reproduktionen fehlt diese Prägung vollständig. Der Plattenrand entsteht durch den Anpressdruck der Druckpresse auf die Kante der Metallplatte und ist nicht reproduzierbar.

Warum kostet Siebdruck 19% und Radierung 7% Mehrwertsteuer?

Das Steuerrecht definiert in §12 UStG Anlage 2 Nr. 53b "Originalstiche, -schnitte und -steindrucke" mit 7% Mehrwertsteuer. Diese Definition umfasst Tiefdruck (Radierung, Kupferstich), Hochdruck (Holzschnitt, Linolschnitt) und Flachdruck (Lithografie). Siebdruck als Durchdruckverfahren fällt nicht darunter und wird mit 19% besteuert. Die Regelung entstand bevor der Siebdruck als eigenständige Kunstform anerkannt war.

Welche Drucktechnik ist die älteste?

Der Holzschnitt ist das älteste Druckverfahren, entstanden in China ab dem 7. Jahrhundert. Er kam im frühen 15. Jahrhundert nach Europa. Der Kupferstich als älteste Tiefdrucktechnik entwickelte sich im oberdeutschen Raum um 1420/1430, wahrscheinlich aus Goldschmiedewerkstätten. Die Lithografie als erster Flachdruck wurde 1796 von Alois Senefelder erfunden. Der künstlerische Siebdruck etablierte sich durch Anthony Velonis' Silk Screen Unit der WPA ab 1938 als eigenständige Druckklasse.

Kann man an einem fertigen Druck erkennen, mit welchem Verfahren er gedruckt wurde?

Ja, mit ein bisschen Übung. Tiefdruck: Plattenrand fühlen und unter Streiflicht sehen. Hochdruck: Farbwulst an Linienaußenkanten unter Lupe. Flachdruck: kein Relief, keine Prägung, weiche Tonübergänge. Durchdruck: satte, deckende Farbflächen, unter Lupe eventuell leichte Gewebetextur erkennbar. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen einem Tiefdruck-Original und einer Reproduktion ist der fehlende oder vorhandene Plattenrand.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Britannica, Printmaking: Major Techniques of Printmaking
  • Artinwords, Druckgrafik: Techniken und Geschichte
  • Metropolitan Museum of Art, Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901)
  • Deutsche UNESCO-Kommission, Künstlerische Drucktechniken im Bundesweiten Verzeichnis
  • Alois Senefelder, Vollständiges Lehrbuch der Steindruckerei (1817/18)

Zuletzt aktualisiert am 29.05.2026.

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