Pop Art

Pop Art nahm sich Motive aus Werbung, Comics und Konsumwelt und behandelte sie mit Techniken, die nach Industrie aussahen, nicht nach Atelier. Flächige Farben, serielle Wiederholung, null sichtbare Handschrift. Der Siebdruck wurde zum Leitmedium der Bewegung, weil sein Prozess genau die Ästhetik lieferte, die Pop Art suchte: maschinell, reproduzierbar, demokratisch.

Los Angeles, Juli 1962. In der Ferus Gallery stehen 32 Leinwände auf schmalen weißen Regalen, aufgereiht wie Ware im Supermarkt. Jede zeigt eine Campbell's-Suppendose, jede eine andere Sorte. Gemalt in Acryl und Metallicfarbe, nicht gedruckt. Jede Leinwand 50,8 × 40,6 cm, die Anordnung fast beiläufig, als gehörten sie in ein Regal und nicht an eine Galeriewand. Andy Warhol hat die Dose nicht reproduziert, er hat sie abgemalt, mit Handwerk und Geduld. Die Kritik war skeptisch, die meisten Bilder blieben unverkauft.

Was die wenigsten Pop-Art-Zusammenfassungen erwähnen: Diese Bilder waren keine Siebdrucke. Der Siebdruck kam erst Wochen später, im August 1962. Aber das serielle Denken war schon da. 32 Variationen desselben Motivs – andere Sorte, andere Farben auf dem Etikett, aber immer dieselbe Dose. Warhol dachte in Wiederholung, bevor er die Technik hatte, die Wiederholung zur Methode machte. Wie verschieden Warhol und sein Zeitgenosse Roy Lichtenstein den Siebdruck dann konkret organisierten, zeigt der Produktionsvergleich: Warhol und Lichtenstein im Siebdruck.

Was sind die Merkmale der Pop Art?

Pop Art hat ihre Merkmale nicht aus der Kunstgeschichte abgeleitet, sondern aus dem Alltag gestohlen: Werbeanzeigen, Supermarktregale, Fernsehbilder. Die Ästhetik kam aus der Konsumwelt, weil die Konsumwelt das eigentliche Thema war (Tate: Pop art).

Farbintensiver Siebdruck Orlando von Georgia Green in weißem Rahmen im Flur, lebendige Farben und grafische Ästhetik
Georgia Green, Orlando: Zeitgenössischer Siebdruck mit flächigen Farben in Pop-Art-Tradition.

Georgia Greens Orlando führt die Tradition in die Gegenwart: flächige Siebdruckfarben, ein Motiv zwischen Alltags- und Kinderbuchwelt.

Alltagsmotive als Sujet. Suppendosen, Comicstrips, Waschmittelpakete, Zeitungsausschnitte. Was vorher als trivial galt, wurde ins Bild geholt, ohne die Ironie-Distanz, die Dadaismus oder Surrealismus als Schutzschild brauchten. Pop Art hat das Triviale ernst genommen. Richard Hamilton listete die Zutaten bereits 1957 auf: "Popular, transient, expendable, low-cost, mass-produced, young, witty, sexy, gimmicky, glamorous, Big Business."

Die Ästhetik der Werbegrafik lieferte das zweite Merkmal: satte Farbflächen, scharf abgegrenzt, oft in Komplementärkontrasten. Keine Pinselhandschrift, keine Farbverläufe. Genau das macht den Siebdruck zum idealen Medium – deckende Farbschichten, klare Begrenzungen, leuchtende Pigmente. Pop Art ist seitdem ein zentrales Genre für bunte Kunst an der Wand. Was in der Kunstwelt als Serigrafie firmiert, ist technisch dasselbe Verfahren, nur unter einem Namen, der Galerie statt Industrie signalisiert. Pop Art sieht aus wie gedruckt, selbst wenn sie gemalt ist.

Serialität. Wiederholung als Prinzip, nicht als Dekoration. Warhols Marilyn-Porträts, Lichtensteins Comic-Panels, Hamiltons Collagen. Das einzelne Bild verliert seinen Sonderstatus und wird zum Element einer Serie. Was bei klassischer Malerei als Mangel an Originalität gelten würde, ist in der Pop Art Programm.

Pop-Art-Künstler verweigerten außerdem die expressive Geste. Kein sichtbarer Pinselstrich, keine Spur der Hand. Die Kunst sollte aussehen, als wäre sie maschinell entstanden. Bei Warhol stimmte das teilweise: der Siebdruck lieferte den industriellen Look, den er suchte. Bei Lichtenstein war es umgekehrt – er malte stundenlang von Hand, um ein maschinelles Ergebnis zu simulieren.

Grenzauflösung. Kunst und Kommerz, Original und Kopie, Hochkultur und Massenkultur. Pop Art stellt diese Trennungen nicht in Frage. Sie ignoriert sie.

Warum wählte Warhol den Siebdruck?

Der Wechsel von der Handmalerei zum Siebdruck war keine praktische Entscheidung. Warhol suchte ein Verfahren, das nach Fabrik aussieht, nicht nach Atelier.

Warhol beschrieb den Moment im Rückblick:

"The rubber-stamp method I'd been using to repeat images suddenly seemed too homemade; I wanted something stronger that gave more of an assembly-line effect." – Andy Warhol, POPism, 1980

Warhol wollte keinen Pinsel, der individuelle Spuren hinterlässt. Er wollte einen Prozess, der nach Fabrik klingt. Der Siebdruck bot genau das: Foto aufblasen, per Fotoemulsion auf Seide übertragen, Farbe durchrollen. "Quick and chancy. I was thrilled with it", schrieb er.

Was Warhol an der Technik faszinierte, war die kontrollierte Ungenauigkeit. Jeder Abzug fiel leicht anders aus. Farbverschiebungen, Fehlstellen, ungleichmäßige Deckung. Bei klassischer Druckgrafik gelten solche Abweichungen als Fehler. Warhol machte sie zum ästhetischen Programm. Wer sich tiefer mit Warhols Prozess beschäftigen möchte, mit Factory Additions, Rupert Jasen Smith und der Shot-Marilyns-Anekdote, findet das auf der Andy Warhol.

Das MoMA datiert seinen bewussten Wechsel von der Handmalerei zum Siebdruck auf Ende 1962. Ab 1964 wurde die Factory an der East 47th Street weniger Atelier als Produktionsstätte: Assistenten druckten, Warhol überwachte Farben und Motive, die Grenzen zwischen Künstler und Drucker verschwammen (The Andy Warhol Museum, Pittsburgh). Die Auflagenhöhe wurde Teil der Idee. Neben den signierten Editionen produzierte Warhol bewusst Poster für wenige Dollar, die an Kiosken und in Buchläden verkauft wurden. Kunst, die zirkuliert statt verwahrt wird. Wer diese Logik konsequent weitergedacht hat, ist Damien Hirst, dessen limitierte Editionen den Abstand zwischen Massenware und Unikat systematisch durchmessen.

Welche Künstler haben die Pop Art geprägt?

Die Pop Art geht weit über Warhol hinaus. Sie begann auch nicht in Amerika, sondern in London, wo die Independent Group um Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi bereits Mitte der 1950er Jahre mit Massenmedien-Material arbeitete.

Richard Hamilton gilt als Urheber der britischen Pop Art. Seine Collage "Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?" (1956) kombiniert Zeitschriftenausschnitte zu einem Wohnzimmer voller Konsumsymbole: Bodybuilder, Fernsehgerät, Staubsauger, Dosenschinken. Hamilton arbeitete später auch druckgrafisch: Seine Serie "Swingeing London 67" (1968-69) kombinierte Siebdruck, Collage und Fotografie in mehreren Varianten desselben Motivs. Daneben nutzte er Offset und Lithografie für seine medienkritischen Arbeiten.

Roy Lichtenstein malte Ben-Day Dots von Hand. Stundenlang. Mit Schablone und Pinsel imitierte er das Rastermuster billiger Comic-Hefte, Punkt für Punkt. Ein Künstler, der enorme Handarbeit investiert, um das Ergebnis einer Druckmaschine zu simulieren. Lichtensteins "Whaam!" (1963) und "Drowning Girl" (1963) gehören zu den bekanntesten Pop-Art-Bildern. Seine Siebdrucke übertrugen die Comic-Ästhetik dann tatsächlich in ein Druckverfahren.

David Hockney steht seltener auf der Pop-Art-Liste, aber seine frühen Werke der 1960er Jahre zählen dazu. Er arbeitete von Beginn an intensiv druckgrafisch. Die frühen Radierungen ("A Rake's Progress", 1961-63) zeigen bereits seinen erzählerischen Blick.

Später, in den 1970er und 80er Jahren, entstanden die ikonischen Pool-Lithografien: blaues Wasser, gerasterte Oberflächen, Licht auf Kalifornien. Während Warhol den Siebdruck wählte, griff Hockney zum Lithografiestein. Dessen weiche Farbverläufe kamen dem Schimmern von Wasser näher als jede andere Drucktechnik.

Claes Oldenburg und Tom Wesselmann arbeiteten primär skulptural und malerisch. Oldenburgs überdimensionierte Alltagsobjekte und Wesselmanns Stillleben mit Werbeästhetik gehören zur Pop Art, aber sie zeigen: Nicht jeder Pop-Art-Künstler war Druckgrafiker. Die Verbindung von Pop Art und Druckgrafik ist eng, aber nicht ausschließlich.

Gerhard Richter reagierte aus Deutschland auf die Pop-Art-Frage nach dem Verhältnis von Fotografie und Malerei, mit verwischten Fotogemälden und Editionen, die den Originalitätsbegriff weiter dehnten.

Robert Rauschenberg trieb die Verschmelzung von Fotografie und Druckgrafik weiter. In seinen "Silkscreen Paintings" (1962-64) kombinierte er fotografische Siebdrucke mit gestischer Ölmalerei. Medienbilder von Kennedy, Astronauten und Straßenszenen trafen auf expressiven Pinselstrich. Das Foto wurde zum Druckstock, der Drucker zum Co-Autor.

Im Expressionismus war es der Holzschnitt, der die Bildsprache einer ganzen Bewegung definierte – direkt, roh, so nah an der Hand wie möglich. In der Pop Art übernahm der Siebdruck dieselbe Rolle, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: industriell, flächig, so fern von der Hand wie möglich. Jede Bewegung wählt die Drucktechnik, die zu ihrer Haltung passt. Zur selben Zeit, in derselben Londoner Werkstatt, druckte Bridget Riley Op-Art-Siebdrucke, die das Gegenteil beabsichtigten: nicht Masse, sondern millimetergenaue Kontrolle. Dass beide Bewegungen durch dieselbe Tür in Kentish Town gingen, ist einer der überraschendsten Vergleiche der Kunstgeschichte der 1960er.

Was macht die Pop Art heute noch relevant?

Die Frage, die Pop Art in den 1960er Jahren stellte, ist nicht beantwortet. Wo endet das Alltagsbild, wo beginnt die Kunst? Warhols Suppendosen und Lichtensteins Comics provozierten, weil sie etwas in die Galerie brachten, das dort nicht hingehörte. Heute, wo Bilder im Sekundentakt durch Feeds scrollen, hat die Frage eine neue Schärfe. Shepard Faireys "Hope"-Poster von 2008, als Siebdruck-Edition in Pop-Art-Farbflächen gedruckt, wurde zu einem der bekanntesten politischen Bilder der jüngeren Geschichte – ein Werk an der Grenze zwischen Pop Art und Street Art – Warhols Logik (Massenmedium + Flächigkeit + Wiederholung), nur auf Obama statt auf Marilyn angewandt.

Maxine Gregson, zeitgenössische Siebdruck-Künstlerin, beschreibt ihre Einflüsse so:

"My inspirations are a real mix of artists such as Richard Hamilton, El Lissitsky and Peter Blake with photographers Slim Aarons, William Eggleston, and 60s architects Superstudio." – Maxine Gregson, Siebdruck-Künstlerin (jealousgallery.com, 2024)

Hamilton und Blake neben Architekturfotografie und Konstruktivismus. Quellen gleichberechtigt nebeneinanderstellen, ohne Hierarchie, ohne Berührungsangst. Das ist die Haltung, die Pop Art möglich gemacht hat, und sie steckt in zeitgenössischer Kunst weiter. Handgezogen und limitiert, aber mit dem visuellen Vokabular einer Kunstrichtung, die den Unterschied zwischen Hochkultur und Populärkultur für irrelevant erklärt hat.

Genau diese Frage, wo das Original aufhört und die Reproduktion anfängt, hat Pop Art nicht beantwortet, sondern verschärft. Bei Warhol war die Grenze bewusst unscharf: Ein signierter Siebdruck aus einer Edition von 250 ist ein Original, obwohl 249 weitere existieren. Die Edition macht den Druck nicht weniger echt – sie macht ihn zugänglich, ohne den Unterschied zwischen Original und Kunstdruck aufzuheben.

Häufige Fragen

Wann entstand die Pop Art?

Die Anfänge liegen in den mittleren 1950er Jahren in Großbritannien, wo Künstler der Independent Group (darunter Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi) Bildmaterial aus Werbung und Massenmedien in Collagen verwendeten (Britannica: Pop art). In den USA etablierte sich Pop Art ab Anfang der 1960er Jahre mit Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg als zentrale Kunstrichtung (Wikipedia: Pop art).

Warum heißt es Pop Art?

Der britische Kritiker Lawrence Alloway schrieb ab Ende der 1950er Jahre über Kunst und Massenkultur. In einem Artikel für Architectural Design (1958) verwendete er den Ausdruck "mass popular art". Der verkürzte Begriff "Pop Art" setzte sich erst danach durch. "Pop" steht für "popular": Werbung, Comics, Konsumgüter, Filmstars. Der Name benennt das Material, aus dem die Kunst schöpft, nicht den Stil.

Richard Hamilton formulierte 1957 in einem Brief an die Architekten Alison und Peter Smithson die kürzeste Definition der Bewegung:

"Pop Art is: Popular, Transient, Expendable, Low-cost, Mass-produced, Young, Witty, Sexy, Gimmicky, Glamorous, Big Business." – Richard Hamilton, Brief an Alison und Peter Smithson, 16. Januar 1957 (zitiert nach Tate: Pop art)

Ist Pop Art Druckgrafik?

Nicht ausschließlich, aber eng verbunden. Warhol nutzte den Siebdruck als zentrale Technik, Lichtenstein imitierte Druckraster in seiner Malerei, Hockney arbeitete mit Lithografie. Andere Pop-Art-Künstler wie Oldenburg und Wesselmann schufen Skulpturen und Gemälde. Druckgrafik war das prägende, aber nicht das einzige Medium.

Was unterscheidet Pop Art vom Expressionismus?

Im Expressionismus steht der innere Ausdruck im Zentrum: verzerrte Formen, expressive Gesten, sichtbare Emotionen. Pop Art zeigt die Oberfläche der Konsumwelt, kühl und distanziert. Technisch dominiert im Expressionismus der Holzschnitt (direkt, roh), in der Pop Art der Siebdruck (industriell, flächig, reproduzierbar).

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Tate: Pop Art – Definition, Merkmale und Schlüsselkünstler der Bewegung. https://www.tate.org.uk/art/art-terms/p/pop-art
  • Andy Warhol und Pat Hackett, POPism: The Warhol Sixties, Harcourt Brace Jovanovich, 1980 – Quelle des Assembly-Line-Zitats.
  • MoMA: Andy Warhol, Campbell's Soup Cans, 1962 – Werkbeschreibung der 32 Leinwände. https://www.moma.org/collection/works/79809
  • Richard Hamilton, 1957 – Quelle der „Popular, transient, expendable"-Definition von Pop Art.
  • Weiterführend: Wikipedia – Pop Art. https://de.wikipedia.org/wiki/Pop_Art