Damien Hirst
Damien Hirst ist einer der kommerziell erfolgreichsten Gegenwartskünstler der Welt. Das weiß eigentlich jeder. Was weniger klar ist: wie er ein Werk mit rund 1.400 Gemälden signieren kann, von denen er 5 selbst gemalt hat. Und was das über die Arbeiten bedeutet, die unter seinem Namen in einer ganz anderen Form auf dem Markt existieren.
Die Spot Paintings sind Hirsts bekannteste Bildgruppe: Kreise in gleichmäßigen Abständen auf weißem Grund, die Farben benannt nach Chemikalien aus dem Sigma-Aldrich-Katalog. Es gibt rund 1.400 dieser Gemälde. Hirst hat davon fünf selbst gemalt. Seine Beschreibung des Projekts: Die Hand sei in den Bildern überall sichtbar, aber genauso wichtig sei, dass sie wie von einer Maschine gemacht aussähen ("handmade but equally important that they look machine-made").
2002 ging Hirst weiter: Was bei den Spot Paintings nur so aussehen sollte, übernahm jetzt tatsächlich eine Maschine. Er befestigte Kupferplatten an der Spin-Maschine aus seinem Atelier und hielt Nadeln, Schraubenzieher und andere spitze Werkzeuge an die rotierenden Platten. Nicht eine geführte Handbewegung zog die konzentrischen Linien, sondern die Rotation. Die so entstandenen Platten wurden geätzt und in einer Auflage abgezogen: Druckgrafik, mit Platte und Abzug. Der Moment, in dem nicht mehr allein die Hand die Form bestimmt, sondern eine Maschine.
Wenn nicht die Hand die Linien zieht, sondern eine Maschine, und wenn der Künstler nur fünf von rund 1.400 Werken selbst gemacht hat: Was genau kauft jemand, der eine "Damien Hirst Edition" erwirbt?
Wo fing das eigentlich an?
Am 7. Juni 1965 in Bristol geboren und in Leeds aufgewachsen, studierte Hirst an der Goldsmiths University in London.
1988, noch als Student, mietete Hirst ein leerstehendes Gebäude an den Surrey Docks und organisierte dort die Ausstellung "Freeze". Die Ausstellung hatte keine Galerie im Rücken, kein institutionelles Budget. Hirst hat sie selbst finanziert und selbst beworben. Das Resultat war der Startschuss für eine ganze Generation: die Young British Artists (YBA).
In den frühen 1990ern begann Hirst Arbeiten zu entwickeln, die nicht als Bilder auf Leinwand funktionierten: Tiere in Formaldehydtanks, Vitrinen mit pharmazeutischen Präparaten, Farbe, die sich auf rotierenden Leinwänden verteilte. Der Markt reagierte entsprechend. Im September 2008 versteigerte Sotheby's in der Auktion "Beautiful Inside My Head Forever" an zwei Tagen Werke aus dem Hirst-Atelier für insgesamt 111 Millionen britische Pfund. Die Auktion galt als beispiellos: ein Künstler dieses Marktwerts versteigerte neue Arbeiten direkt, statt über Händler und Galerie.
Wie wurde aus dem Studenten, der eine Schau in einem leerstehenden Gebäude organisierte, die Figur, deren Werke parallel zum Unikat-Markt in ganz anderen Volumen existieren?
Wer hat die 1.400 Punkte gemalt?
Rachel Howard war Hirsts erste Assistentin. Ihre eigene Beschreibung der Situation ist sachlich: Sie war mit Hirst befreundet, er brauchte jemanden, der Punkte malt, sie jobbte als Kellnerin. ("We were mates and he needed someone to paint spots, and I was waitressing and I didn't want a proper job.") Ein praktisches Arbeitsverhältnis, kein ideologisches Projekt. Aus dieser Zusammenarbeit wurde eine eigene künstlerische Karriere: Howard gilt heute als Hirsts "most coveted spot painter". Sie erhielt eine Einzelausstellung in Hirsts eigener Newport Street Gallery.
Hirst selbst hat über Howard gesagt, das beste Spot Painting, das man von ihm haben kann, sei eines, das sie gemalt hat. ("The best spot painting you can have by me is one painted by her.")
Andy Warhol produzierte in den 1960ern Siebdrucke in großen Mengen, mit Assistenten, unter industriellen Bedingungen. Die Idee war das Werk. Die Ausführung ließ sich delegieren. Was bei Hirst anders ist, ist der Markt, auf den das Modell trifft: Unikate für acht- und neunstellige Summen und Editions-Blätter für einen Bruchteil davon existieren gleichzeitig und unter demselben Namen.
Dass ein Künstler nicht jeden Handgriff selbst macht, war in der Kunstgeschichte nie erklärungsbedürftig. Der Kupferstecher Lucas Vorsterman übertrug Rubens' Kompositionen in Kupfer. Die Frage "wessen Werk ist es?" wird interessanter, wenn man den Gegenstand betrachtet, in dem Delegation per Technik eingebaut ist und nicht nur als Organisationsmodell gewählt wird.
Was passiert, wenn eine Maschine die Platte führt?
Die konzentrischen Kreislinien, die die Spin-Maschine 2002 ins Kupfer trieb, waren von Langzeitbelichtungen des Nachthimmels inspiriert. Die Platten wurden danach geätzt, mit Aquatinta-Technik bearbeitet, mit Kaltnadel nachgezogen und gedruckt. Gedruckt bei Hope (Sufferance) Press in London, einer Werkstatt, die bis heute in deutschsprachigen Quellen kaum auftaucht. 23 Blätter, Auflage 68. Die Serie heißt "In A Spin".
Die Kupferplatte ist die Druckmatrix der Radierung, eines Tiefdruckverfahrens. Die Maschine übernimmt den Teil des Prozesses, der sonst Handkontrolle erfordert. Damien Hirst Druckgrafik ist in diesem Fall ein Tiefdruckverfahren, in dem die Autorschaftsfrage physisch in die Platte eingearbeitet ist.
Wie sieht es aus, wenn jede Schicht von Hand kommt?
1999, drei Jahre vor der Spin-Maschine, entstand "The Last Supper": 13 Blätter, benannt nach Fast-Food-Produkten (Burger, Chips, Beans), gedruckt bei Coriander Studio in London, verlegt von Charles Booth-Clibborn unter dem Imprint The Paragon Press. Jedes der 13 Blätter wurde aus drei bis sieben separaten Farbscreens hergestellt und danach mit einem Lackauftrag abgeschlossen. Auflage 150, auf Somerset Wove, Format 153 mal 101,5 Zentimeter. Das ist Siebdruck in der handwerklichen Spitzendisziplin: Schicht für Schicht, Screen für Screen, jede Lage präzise registriert.
2005 folgte "New Religion": 44 Blätter plus vier Skulpturen, koproduziert von Other Criteria, dem Verlag den Hirst 2005 gemeinsam mit Hugh Allan und Frank Dunphy gründete, und der Paul Stolper Gallery. Das größte Motiv misst 200 mal 200 Zentimeter, über sechs Bögen. Papier: Somerset Satin, 410 Gramm. Auflage: 155 Stück. Mit dem eigenen Verlag bestimmte Hirst Zuschnitt und Preis seiner Editionen selbst.
2009 kam "Studio Half Skull": ein Siebdruck mit Diamantstaub, Auflage 75, verlegt von Other Criteria. 2011 dann "40 Woodcut Spots" bei Paragon Press: 40 Blätter als Holzschnitte, Auflage 55. Sekundärmarkt heute: GBP 3.600 bis 22.000 pro Blatt.
In all diesen Projekten ist ein physisches Verfahren am Werk: Farbe durch einen Screen gedrückt, Platte in ein Säurebad gelegt, Linien in Holz geschnitten. Jede Technik hinterlässt eine Matrix, von der die Auflage gezogen wird. Was ein Jahrzehnt später entstand, hatte das nicht mehr.
Ist ein laminiertes Aluminium-Bild noch dasselbe wie ein Blatt von 1999?
2009 gründete Joe Hage HENI, zunächst als kleiner unabhängiger Verlag. Das Drop-Modell, das HENI entwickelte, stammt aus einer anderen Welt: Ein Werk wird für einen begrenzten Zeitraum angeboten, die Auflage bestimmt sich durch die Nachfrage in diesem Fenster. Im Mai 2020, während des ersten Lockdowns, öffnete HENI einen sieben Tage langen Bestellzeitraum für "H7 Rainbow", ab dem 18. Mai 2020. Das große Format (H7-1 Large) ergab eine Auflage von 1.497 Stück, das kleine (H7-2 Small) eine von 4.150. Der gesamte Erlös ging an NHS Charities Together und The Felix Project.
"The Virtues" aus dem Jahr 2021 ist das deutlichste Beispiel für das, was HENI aus dem Editions-Modell gemacht hat. Acht Motive zu Kirschblüten, benannt nach den Tugenden des Bushido-Kodex: Justice, Courage, Benevolence. Jedes Motiv: 120 mal 96 Zentimeter, Giclee-Druck laminiert auf eine Aluminium-Verbundplatte. Das Motiv "Justice" erschien in einer Auflage von 1.005 Stück; die anderen Motive in Auflagen zwischen 728 und 1.005. Ein kompletter Satz aus allen acht Motiven erzielte 2024 bei einer Auktion GBP 101.600. HENI-Editionen tragen mittlerweile Blockchain-Zertifikate als Provenienznachweis.
Was HENI anbietet, hat keine physische Druckmatrix mehr. Ob das noch Druckgrafik ist, darüber gibt es keine Antwort, die alle akzeptieren würden. Genau hier, zwischen einer aus einer physischen Matrix gezogenen Auflage und einem laminierten Digitaldruck, verläuft die Grenze zwischen Original und Kunstdruck.
Die Entwicklungslinie ist messbar: Last Supper 1999, Auflage 150. In A Spin 2002, Auflage 68. New Religion 2005, Auflage 155. The Virtues 2021, Auflage 728 bis 1.005 je Motiv. Der Sprung von 150 auf über 1.000 ist keine technische Notwendigkeit. Es ist eine Entscheidung darüber, was eine limitierte Auflage bedeutet.
Warum verbrennt jemand 4.851 eigene Werke?
2016 malte Hirst 10.000 kleine Werke von Hand: Emailfarbe auf handgeschöpftem Papier, jedes Blatt etwa 21 mal 30 Zentimeter, jedes manuell zugeschnitten. Jedes Blatt trägt ein Wasserzeichen mit Portrait und Logo, einen Mikropunkt, ein Hologramm mit Künstlerportrait sowie Hirsts Signatur und Nummerierung auf der Rückseite. Die Titel der Werke wurden mit Machine Learning aus Hirsts Lieblingssongtexten generiert. Das Projekt heißt "The Currency".
2021 wurden die 10.000 Werke für je 2.000 US-Dollar angeboten. Käufer hatten zu entscheiden: physisches Werk oder NFT, geminted auf Palm, einer Ethereum-Sidechain. 5.149 wählten das physische Werk. 4.851 wählten den Token. Ab dem 12. Oktober 2022 verbrannte Hirst in der Newport Street Gallery alle physischen Blätter, die den NFT-Käufern zugeordnet waren.
Was bleibt, sind 5.149 physische Werke auf handgeschöpftem Papier mit Banknotencharakter. Und 4.851 Token für Werke, die nicht mehr existieren.
Im März 2012 erschien in Newsweek ein Text von Blake Gopnik, der Hirsts Verhältnis zu Warhol so zusammenfasste: Warhol habe vorgeschlagen, dass das Geschäft mit Kunst selbst große Kunst sein könne, und Hirst sei Warhol aktualisiert für eine entfesselt-marktwirtschaftliche Zeit. ("Warhol proposed that the business of art could also be great art. Hirst is Warhol updated for our freewheeling, free-market times.") Der Vergleich trifft einen Kern, den die Pop Art vorgab: Idee und Konzept beim Künstler, die Ausführung organisierbar. Hirst hat dieses Prinzip auf den Markt übertragen, wie vor ihm andere berühmte Druckgrafiker, die Auflage und Verkauf nie getrennt dachten.
Im September 2008 stand die Sotheby's-Auktion für den Unikat-Markt: GBP 111 Millionen in zwei Tagen. "The Currency" 2021 war das Gegenteil: USD 2.000 pro Blatt, fester Preis, 10.000 Stück.
Zurück zur Spin-Maschine aus dem Jahr 2002: Die Rotation zieht die Linien, die Hand hält nur das Werkzeug. Wessen Linie ist es? Hirst hat diese Frage nicht beantwortet. Er hat sie in die Kupferplatte geritzt und in 68 Exemplaren abgezogen.
Häufige Fragen zu Damien Hirst
Was kauft man, wenn man ein nummeriertes Hirst-Blatt erwirbt?
Das hängt davon ab, welche Serie. Damien Hirst Editionen sind kein einheitliches Objekt. Ein Blatt aus "The Last Supper" (1999, Auflage 150) ist ein handgefertigter Siebdruck auf schwerem Somerset-Papier, der aus sieben Farbscreens aufgebaut wurde. Ein Blatt aus "The Virtues" (2021) ist ein Giclee-Druck, laminiert auf Aluminium-Verbundplatten, in Auflagen zwischen 728 und 1.005 Stück je Motiv. Technisch, materialisch und konzeptuell sind das verschiedene Objekte. Der Name Damien Hirst verbindet sie, sonst wenig.
Was muss man für ein einzelnes Hirst-Blatt rechnen?
Auf dem Sekundärmarkt beginnen Einzelblätter für die kleineren Serien bei etwa GBP 2.000. Ältere, kleinere Auflagen wie "In A Spin" (Auflage 68) oder "Studio Half Skull" (Auflage 75) werden deutlich höher gehandelt. Komplette Sätze können GBP 100.000 übersteigen: Der Satz "The Virtues" erzielte 2024 GBP 101.600 bei einer Auktion. Damien Hirst als Künstler mit globalem Markt erzielt je nach Verfahren, Auflage und Zustand des Blatts sehr unterschiedliche Preise.
Warum kosten zwei gleich große Hirst-Blätter so unterschiedlich viel?
Weil die Herstellungsverfahren grundverschieden sein können. Ein Damien Hirst Siebdruck aus den frühen Serien bei Paragon Press oder Coriander Studio ist handwerklich aus einer physischen Druckmatrix gezogen: Screen, Farbe, Lackauftrag, im Material sichtbar. Ein Giclee-Druck auf Aluminium ist eine hochwertige digitale Reproduktion ohne Matrix. Den größten Unterschied macht aber die Auflage: 68 Stück gegenüber 1.005 sind keine gleichwertige Limitierung.
Tragen alle Hirst-Blätter seine eigene Unterschrift?
Die großen Werkstatt-Serien (Paragon Press, Coriander Studio, Other Criteria) tragen Hirsts Bleistiftsignatur und Nummerierung. HENI-Editionen tragen zusätzlich Blockchain-Zertifikate als maschinenlesbaren Provenienznachweis. "The Currency"-Blätter tragen Signatur und Nummerierung auf der Rückseite sowie Banknotensicherheitsmerkmale: Wasserzeichen, Mikropunkt, Hologramm.
Woran erkennt man, dass ein Hirst-Blatt echt ist?
Provenienz über den Verlag: Paragon Press, Coriander Studio, Other Criteria und HENI sind die wichtigsten Verleger. Jede seriöse Edition hat eine Katalognummer und ein Echtheitszertifikat. Bei HENI-Editionen ergänzt ein Blockchain-Zertifikat die physische Dokumentation. Fehlt ein Zertifikat oder ist die Herkunft unklar, ist erhöhte Vorsicht angebracht. Schellmann Art hat Hirst-Editionen veröffentlicht.
Quellen und weiterführende Literatur
- Museum of Modern Art (MoMA), Sammlungseintrag zu In A Spin (2002)
- Bonhams, Auktionskataloge zu Damien Hirst Editions (Lot-Beschreibungen The Last Supper, The Currency)
- Paul Stolper Gallery, Werkdokumentation New Religion (2005)
- The Paragon Press, Werkverzeichnis The Last Supper und In A Spin
- HENI Editions, Produktionsdokumentation The Currency und The Virtues
Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Im Sortiment: handgedruckte Originale zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Radierungen, Linolschnitte, Siebdrucke, Lithografien, Holzschnitte. Alle Werke handsigniert und limitiert. Alle Werke ansehen. Fragen? hello@studiosonsu.de