Lucian Freud

Lucian Freud malte Menschen, bis die Haut auf der Leinwand greifbar wurde. Ab Mitte der 1970er Jahre arbeitete er mit großen Borstenpinseln und immer dickeren Farbschichten, die Fleisch als Fleisch zeigten, ohne Verklärung. Er war einer der bedeutendsten englischen Porträtisten des 20. Jahrhunderts. Für "Ria, Naked Portrait" (2007) posierte sein Modell 16 Monate lang, fast jeden Abend, rund 2.400 Stunden. Er malte stehend, direkt vor der Leinwand.

Für sein Porträt von Queen Elizabeth II saß das Modell zwischen Mai 2000 und Dezember 2001. Wie viele Sitzungen es genau waren, ist widersprüchlich überliefert: 15 oder 72, je nach Quelle. Niemand schien Buch geführt zu haben, weil das nicht die Kategorie war, in der Freud arbeitete. "Benefits Supervisor Sleeping" (1995) erzielte bei Christie's New York im Mai 2008 33,6 Millionen Dollar und stellte zum damaligen Zeitpunkt einen Auktionsrekord für einen lebenden Künstler auf.

1982, auf dem Höhepunkt dieses Ruhms, stellte Freud eine Kupferplatte senkrecht auf die Staffelei. Aufrecht, wie eine Leinwand. Er stand davor, eine Radiernadel in der Hand, und er würde Monate so stehen. Er zeichnete ohne Vorskizze, nur mit der Nadel, direkt am Gesicht des Modells. Wenn das Ergebnis ihn nicht überzeugte, ritzte er ein Kreuz durch das Gesicht der dargestellten Person und warf die Platte weg. Derselbe Mann, der für ein Gemälde 2.400 Stunden Modellsitzen forderte, arbeitete jetzt mit einem Werkzeug, das keine Bleistiftkorrektur kennt. Derselbe Körper, dieselbe Haltung, ein anderes Material.

Was sah Lucian Freud, wenn er Rembrandt ansah?

Freuds Bewunderung für Rembrandt ist dokumentiert. Nicht als abstrakte Verehrung, sondern in einem konkreten Urteil des Kunstkritikers und Malers Lawrence Gowing, der Freud nahestand, über Freuds Gemälde seiner Mutter aus den 1970er Jahren. Gowing schrieb, es sei mehr als dreihundert Jahre her, dass ein Maler seine Beziehung zu seiner Mutter so direkt und so visuell gezeigt habe. Und das war Rembrandt. ("it is more than 300 years since a painter showed as directly and as visually his relationship with his mother. And that was Rembrandt.")

Rembrandt van Rijn, Selbstporträt am Fenster, 1648, Radierung. Der Radierer bei der Arbeit, Freuds erklärtes Vorbild.
Rembrandt van Rijn, Selbstporträt am Fenster, 1648. Radierung. Public Domain, Metropolitan Museum of Art.

Das Gewicht dieses Urteils liegt in der Konstruktion. Gowing schrieb über ein Gemälde, nicht über eine Radierung. Und er zog trotzdem Rembrandt als Maßstab heran. Rembrandts Selbstporträt am Fenster (1648) zeigt den Radierer bei der Arbeit, das eigene Gesicht als Motiv: jemand, der sich selbst beim Beobachten beobachtet. Der Maler als sein eigenes Modell, die geätzte Linie als Spur dieser Selbstbeobachtung. Das ist exakt das, was Freud dreihundert Jahre später auf Kupfer gesucht hat.

Was Freud an Rembrandt bewunderte, ließ sich mit Öl allein nicht vollständig erwidern. Rembrandt hatte auf Kupfer einen anderen Ton gefunden als auf Leinwand und gehört damit zu jenen berühmten Druckgrafikern, deren Werk auf der Platte und nicht auf der Leinwand entstand. Freud hat diesen Gedanken beiseitegelegt. Bis 1982.

Ein Detail aus seiner eigenen frühen Malzeit: 1952 malte Freud seinen Freund Francis Bacon als Porträt, Öl auf Kupfer, 17,8 × 12,7 cm. Das Gemälde wurde 1988 während einer Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin gestohlen und gilt seither als verschollen. In beiden Fällen Kupfer: hier als Maluntergrund des kleinen Porträts, dort, Jahrzehnte später, als Druckplatte der Radierungen.

Warum fing Freud mit 60 noch einmal von vorne an?

Zwischen 1946 und 1948 machte Freud sechs Radierungen. Dann nichts. 34 Jahre. Das ist keine Pause, das ist eine Generation.

1982 kehrte er als Autodidakt zurück. Keine Ausbildung in der Zwischenzeit, kein systematisches Studium des Verfahrens. Er entwickelte eine Methode, die für einen gelernten Drucker ungewöhnlich wirkt: Er zeichnete die Umrisse des Motivs zuerst mit weißem Pastell direkt auf die Kupferplatte, dann arbeitete er mit der Nadel vom Zentrum nach außen.

Was ihn bewogen hatte zurückzukehren, hat er nie schriftlich festgehalten. Belegt ist nur, wie er es getan hat: ohne Sicherheitsnetz, ohne Vorstudien, mit einem Werkzeug, das ihm keine Korrektur erlaubte. Über das Warum hat er anderswo ein Wort benutzt, das seltener zitiert wird als die großen Gemälde: Gefahr. Auf die Frage nach der Radierung sprach er von dem Element der Gefahr und des Rätsels, das er liebte. ("I love the element of danger and mystery.")

Bei einem Gemälde sieht man jeden Pinselstrich sofort. Bei der Radierung liegt zwischen dem Zeichnen auf der Platte und dem Sehen des Ergebnisses eine Säurewanne, eine Druckmaschine und ein Drucker. Was auf der Platte steht, ist seitenverkehrt und in einer anderen Qualität als das, was später gedruckt wird. Das Ergebnis kennt man erst, wenn es auf Papier ist. Eine Platte verzeiht keine Korrektur, und das war genau der Punkt.

Was passiert, wenn ein Maler eine Linie nicht mehr zurücknehmen kann?

Freud arbeitete an der Kupferplatte so, wie er gemalt hatte: direkt am Modell, ohne Pause zwischen Beobachtung und Ausführung, das Werkzeug ohne Rücknahme.

Radiernadel ritzt in den Ätzgrund auf einer Kupferplatte. Nahaufnahme des Radier-Prozesses.
Radiernadel im Ätzgrund auf Kupfer. Foto: Alex Sedgmond.

Keine Vorstudien. Wenn eine Proportion falsch saß, konnte er nicht darüber zeichnen. Er musste entweder überarbeiten, indem er die eingravierten Linien mit einem Polierstahl glättete und von vorne begann, oder er warf die Platte weg. "Bella in Her Pluto T-Shirt" (1995) durchlief zwei Zustände, bevor Freud den dritten zur Auflage freigab. Typisch durchliefen Freuds Platten zwei bis drei Arbeitszustände, bevor eine Auflage editioniert wurde.

Verworfene Platten wurden nicht einfach beiseitegelegt. Freud ritzte ein Kreuz durch das Gesicht der dargestellten Person und machte die Platte damit ungültig.

Nach Balakjians Tod 2017 gingen die erhaltenen Drucker-Proofs als Konvolut von 143 Blättern in die Sammlung des Victoria and Albert Museum. Diese 143 Blätter dokumentieren den Dialog: Freuds Korrekturen in Bleistift, Balakjians Druckvarianten, die verworfenen Zustände. Wer sie ansieht, sieht einen Prozess, nicht ein Werk.

Die riskanteste Phase aber, das Säurebad und den Druck, hat Freud nie selbst angefasst.

Wer war Marc Balakjian, und warum gibt es ohne ihn kein Spätwerk?

Es war Celia Paul, damals Freuds Lebensgefährtin und selbst Druckgrafikerin, die ihn 1985 in die Studio Prints-Werkstatt im Norden Londons brachte. Paul arbeitete dort selbst. Marc Balakjian war der Meisterdrucker der Werkstatt.

Zwei große Kupferplatten nebeneinander auf einem Arbeitstisch in einer Druckgrafik-Werkstatt.
Kupferplatten im Atelier. Foto: Inga Eicaite.

Marc Balakjian (1938–2017) übernahm ab 1986 das Proofing und den Druck aller Freud-Radierungen. Freud zeichnete auf der Platte, übergab sie, und wartete auf die ersten Probeabzüge. Er selbst berührte weder die Säure noch die Druckfarbe.

Bis 2001 ätzten Balakjian und sein Team die Platten. Das bedeutete: Balakjian entschied, wie lange die Platte im Säurebad blieb, welche Partien abgedeckt wurden, wie tief die Linien wurden. Das war die riskanteste Phase des gesamten Prozesses. Blieb die Platte zu lange im Säurebad, wurden die Linien zu tief und erschienen im Abzug anders als geplant. Nach 2001 beschränkte sich Balakjian auf Proofing und Drucken, das Ätzen übernahmen andere.

Wenn nach Freuds Radierungen gefragt wird, fragt jemand faktisch auch nach diesem Mann. Balakjian griff je nach Motiv zu BFK Rives White, zu einer der beiden Somerset-Sorten oder zu Arches. Was Freud übergab und zurückbekam, war jedes Mal eine andere Verhandlung.

Welche Blätter zeigen, wie weit Freud die Nadel getrieben hat?

Jedes Motiv, das Freud als Radierung wählte, zeigt dieselbe Direktheit wie die Gemälde: Haut bekommt Gewicht, Alter eine Oberfläche. Was mit großen Borstenpinseln und dicker Ölfarbe begann, setzte er auf Kupfer fort, mit derselben Härte gegen das Motiv. In der deutschen Tradition hat diese figurative Druckgrafik eine Entsprechung im Radierwerk von Horst Janssen, der dieselbe Unerbittlichkeit gegen das eigene Motiv über ein ganzes Leben durchhielt.

"Lawrence Gowing" (1982) ist das erste bedeutende Blatt nach 34 Jahren Pause. Das Porträt zeigt den Kunstkritiker frontal, das Gesicht nah herangebracht. Die Linien sind hier noch nicht die dichten, überlagernden Netze der späteren Platten, sondern ein vorsichtiges Herantasten nach langer Pause.

"Pluto" (1988) zeigt Freuds Whippet, kein sentimentales Tierbild: einen Körper, der schläft, atmet, Fell und Gewicht hat. Das Format ist 322 × 604 mm, ungewöhnlich querformatig für eine Radierung. Die Technik ist Radierung kombiniert mit Kaltnadelradierung: die Grundzeichnung per Säureätzung, einzelne Partien mit der Kaltnadel direkt eingeritzt, ohne Säurebad. Edition: 40. Das Städel Frankfurt erwarb das Blatt 2018.

"Woman with Arm Tattoo" (1996) zeigt Sue Tilley in einem Format, das für Radierungen selten ist: 59,5 × 82,8 cm. Das Verfahren setzt der Plattengröße durch die Presskapazität der Werkstatt technische Grenzen. Bei diesem Blatt lagen Freud und Balakjian an diesen Grenzen. Eines der größten Blätter im Werk. Ein Körper, der nicht in eine normale Größe passt, auf einem Blatt, das kaum in eine normale Presse passt.

"After Chardin" (2000) ist eine Ausnahme. Freud stand vor einem Chardin-Gemälde in der National Gallery London und ritzte das Motiv direkt auf eine Kupferplatte, die er in den Händen hielt. Das Bild wurde spiegelverkehrt übertragen, wie bei jedem Druckverfahren, aber diesmal bewusst als Zitat eines Zitats. Die reguläre Auflage betrug 46 Exemplare, dazu zwölf Künstlerabzüge. Der experimentelle Charakter liegt nicht in der Auflage, sondern im Entstehungsort: eine Kupferplatte, gehalten vor einem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert.

Wer diese Blätter heute sucht, stößt auf eine Zahl, die niemand erwartet hat.

Was sind Freuds Blätter heute wert, und wo hängen sie?

Das Werkverzeichnis erschien 2022: Toby Treves, "Lucian Freud: Catalogue Raisonné of the Prints", Modern Art Press. Es dokumentiert rund 90 Radierungen, davon ungefähr 60 als editionierte Auflagen veröffentlicht. Der Rest existiert nur im Proof-Stadium.

Auf dem Auktionsmarkt werden Freuds editionierte Radierungen regelmäßig gehandelt. Die Schätzwerte liegen meist im vierstelligen Bereich, doch einzelne Exemplare erzielen deutlich mehr: "David Dawson" (1998) brachte 2018 bei Christie's in New York über £180.000.

Dauerhaft zugänglich sind Freuds Radierungen im Victoria and Albert Museum London, das 2019 143 Proofs aus Balakjians Nachlass erhielt. Das Städel Frankfurt erwarb "Pluto" 2018. Die National Gallery of Victoria Melbourne besitzt "Woman with Arm Tattoo" (1996). Das MoMA New York zeigte 2007 in der Ausstellung "The Painter's Etchings" über 70 Radierungen, von frühen Experimenten der 1940er bis zu den späten Großformaten. Wer Blätter aus verschiedenen Jahrzehnten nebeneinander sah, sah keinen Qualitätsabstand zum Malerwerk. Nur zwei Arten, dasselbe zu sehen.

Das Spätwerk steht nicht im Schatten der Gemälde. Es steht daneben.

Was bleibt?

Freud hat über zwei Jahrzehnte auf Kupfer gezeichnet, stehend, am Modell, ohne Vorstudien, ohne drucktechnische Ausbildung. Die Haltung war dieselbe wie vor der Leinwand: kein Rücknehmen, kein Beschönigen.

Die Kupferplatte stand aufrecht auf der Staffelei, wie eine Leinwand. Er stand davor, wie er immer gestanden hatte. Was er dort suchte, hat er nie schriftlich erklärt. Aber er hat es über zwanzig Jahre lang gesucht, und am Ende hatte er ein Werk hinterlassen, das dasselbe zeigt wie die Gemälde: denselben Mann, dieselbe Kompromisslosigkeit. Mit dem Unterschied, dass er das Ergebnis erst sah, wenn die Platte aus Balakjians Werkstatt zurückkam. Vielleicht war es diese Lücke zwischen dem Zeichnen und dem Sehen, die er meinte, wenn er vom Element der Gefahr sprach, das er liebte.

Häufige Fragen zu Lucian Freud

Wann und wo wurde Lucian Freud geboren?

Lucian Freud wurde am 8. Dezember 1922 in Berlin geboren, als Enkel von Sigmund Freud. 1933 emigrierte die Familie nach England. Die britische Staatsbürgerschaft erhielt er 1939. Er starb am 20. Juli 2011 in London.

Wer war Marc Balakjian?

Marc Balakjian (1938–2017) war Meisterdrucker bei Studio Prints im Norden Londons. Ab 1986 übernahm er für Freud das Proofing und den Druck aller Radierungen; bis 2001 ätzten Balakjian und sein Team auch die Platten selbst. Freud zeichnete auf den Platten, berührte aber weder Säure noch Druckfarbe selbst. 143 Proofs aus seinem Nachlass gingen 2019 in die Sammlung des Victoria and Albert Museum.

Womit hat Freud seine späten Bildnisse gemacht?

Er ritzte direkt in Kupferplatten, die aufrecht auf der Staffelei standen, er selbst stehend am Modell, ohne Vorstudien. Die riskante Phase, Säurebad und Druck, übernahm Meisterdrucker Marc Balakjian. Die Technik ist Tiefdruckradierung, manchmal kombiniert mit Kaltnadel, wie bei "Pluto" (1988).

Warum hörte Freud 34 Jahre lang damit auf?

Das ist nicht schriftlich belegt. Was belegt ist: Er machte 1946 bis 1948 sechs frühe Radierungen, dann nichts. 1982 kehrte er als Autodidakt zurück. Was ihn bewegte, hat er nicht öffentlich erklärt. Das Ergebnis dieser Rückkehr sind rund 90 Radierungen über mehr als zwei Jahrzehnte.

Wo kann man Freuds Blätter heute sehen?

Im Victoria and Albert Museum London (143 Proofs aus Balakjians Nachlass, erworben 2019). Im Städel Frankfurt ("Pluto", 1988, erworben 2018). In der National Gallery of Victoria Melbourne ("Woman with Arm Tattoo", 1996). Das MoMA New York zeigte 2007 die Ausstellung "The Painter's Etchings". Auf dem Sekundärmarkt bei Christie's, Sotheby's und auf Druckgrafik spezialisierten Galerien.

Gibt es ein Werkverzeichnis seiner Blätter?

Das vollständige Werkverzeichnis ist Toby Treves, "Lucian Freud: Catalogue Raisonné of the Prints", Modern Art Press, 2022. Es dokumentiert rund 90 Radierungen, davon rund 60 als editionierte Auflagen. Alle editionierten Werke sind handsigniert und nummeriert, in Bleistift unter dem Blatt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Toby Treves, Lucian Freud: Catalogue Raisonné of the Prints (Modern Art Press, 2022)
  • Victoria and Albert Museum, Lucian Freud and Etching
  • Gaby Wood, Diary (London Review of Books, 2023)
  • Städel Museum Frankfurt, Lucian Freuds Pluto
  • National Gallery of Victoria, Major Large-Scale Etching by Lucian Freud

Studio Sonsu

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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