Siebdruck
Siebdruck (in der Kunstwelt: Serigrafie) ist ein Druckverfahren, bei dem Farbe mit einer Rakel durch ein feinmaschiges Gewebe auf Papier gepresst wird. Jede Farbe erfordert ein eigenes Sieb und einen eigenen Durchgang. Die Farbschicht ist dicker als bei jedem anderen Druckverfahren, weshalb Siebdrucke besonders leuchtende, deckende Farbflächen zeigen.
Fahr mit dem Finger über einen Siebdruck. Du spürst die Farbe. Die Pigmente liegen als kompakte Schicht auf dem Papier, so dicht, dass sie bei Streiflicht kleine Schatten werfen. Fünf, sechs, manchmal zehn Farbdurchgänge übereinander, jede Lage einzeln getrocknet und exakt positioniert.
Der Name Serigrafie (manchmal auch Serigraphie) leitet sich vom lateinischen sericum (Seide) und dem griechischen graphein (schreiben) ab. Serigrafie meint den künstlerischen Siebdruck auf Papier, limitiert und handsigniert.
Was unterscheidet einen Kunst-Siebdruck von einem bedruckten T-Shirt?
Der Unterschied liegt im Material, im Aufwand und im Ergebnis. Ein Kunst-Siebdruck wird auf schwerem Künstlerpapier gedruckt, mit individuell gemischten Farben, in limitierter Auflage, von Hand kontrolliert und vom Künstler signiert.
In der Textilindustrie läuft der Prozess maschinell: standardisierte Farben, Endlos-Auflagen, optimiert auf Stückzahl und Geschwindigkeit. Bei einer Serigrafie auf Papier mischt der Künstler oder die Druckwerkstatt jede Farbe individuell an. Das Papier ist schweres Künstlerpapier (oft 250 bis 350 g/m²), nicht Baumwollgewebe. Die Farben sind Acryl- oder Ölfarben, keine Textilpasten. Der Drucker kontrolliert jeden einzelnen Bogen, prüft die Passgenauigkeit, sortiert fehlerhafte Drucke aus. Die Auflage liegt typischerweise zwischen 15 und 50 Exemplaren. Danach wird das Sieb gereinigt, die Schablone entfernt. Nachdruck ausgeschlossen. Wie diese Farbdichte im Vergleich zu Linolschnitt und Lithografie wirkt, erklärt die Seite zu bunter Kunst aus Druckgrafik.
Wie entsteht ein Siebdruck?
Bei einem Siebdruck wird Farbe mit einer Rakel durch ein feinmaschiges Gewebe gedrückt. Nicht-druckende Bereiche sind durch eine lichtgehärtete Schablone (Fotoemulsion) blockiert. Pro Farbe braucht es einen separaten Durchgang mit eigenem Sieb und eine Trocknungsphase. Je mehr Farben ein Motiv hat, desto aufwändiger der Druck.
1. Das Sieb bespannen
Alles beginnt mit dem Sieb: ein Rahmen aus Aluminium oder Holz, bespannt mit feinem Gewebe aus Polyester oder Nylon. Die Maschenweite bestimmt, wie viel Farbe durchkommt und wie fein die Details werden können. Gröberes Gewebe lässt mehr Farbe passieren und erzeugt dickere, deckendere Schichten. Feines Gewebe mit hoher Fadendichte ermöglicht detaillierte Motive, lässt dafür weniger Pigment durch. Viele Druckwerkstätten arbeiten mit verschiedenen Maschenweiten innerhalb eines einzigen Drucks: feines Gewebe für Konturen, grobes für Farbflächen.
2. Emulsion beschichten und belichten
Auf das Gewebe wird eine lichtempfindliche Emulsion aufgetragen, gleichmäßig, in dünner Schicht. Dann wird das Motiv als Film (eine transparente Folie mit dem Druckbild in Schwarz) auf das beschichtete Sieb gelegt und mit UV-Licht belichtet. Wo das Licht auf die Emulsion trifft, härtet sie aus. Wo der Film das Licht blockiert, bleibt die Emulsion weich und lässt sich mit Wasser auswaschen. Zurück bleibt die Schablone: Farbe kann nur dort durchs Sieb, wo das Gewebe frei liegt. Was bei diesem Schritt alles schiefgehen kann und warum professionelle Werkstätten ihre Emulsion anders behandeln als ein YouTube-Tutorial, erklärt die Seite zur Fotoemulsion im Siebdruck.
3. Mit der Rakel drucken
Dann der Druck selbst. Das Sieb wird auf das Papier gelegt, Farbe auf die Oberkante gegeben. Der Drucker zieht eine Rakel (ein Gummiwischer in einem Holz- oder Metallgriff) mit gleichmäßigem Druck über das Sieb. Die Rakel presst die Farbe durch die offenen Maschen ins Papier. Ein Zug, eine Farbschicht. Der Bogen kommt auf ein Trockengestell, und erst wenn die Farbe vollständig getrocknet ist, folgt der nächste Durchgang mit dem nächsten Sieb.
4. Farbschichten registrieren
Die Registrierung, also das exakte Ausrichten der Farbschichten zueinander, ist der kritischste Moment im Prozess. Jeder Bogen wird an denselben Markierungen angelegt, oft mithilfe von Stiften oder Anschlagleisten am Drucktisch. Verschiebt sich eine Schicht um einen halben Millimeter, verschiebt sich das gesamte Bild. Bei einem Druck mit acht Farben addieren sich kleinste Abweichungen. Deshalb kontrollieren Drucker nach jedem Durchgang die Position, korrigieren bei Bedarf und sortieren Bögen aus, bei denen die Passgenauigkeit nicht stimmt. Fehler in einem späten Farbdurchgang betreffen die gesamte bisherige Arbeit.
Die Farbschicht ist 10- bis 100-mal dicker als beim Offsetdruck. Beim Offsetdruck oder Digitaldruck liegt die Farbe hauchdünn auf der Oberfläche, wenige Mikrometer. Beim Siebdruck wird sie durch das Gewebe gedrückt und bleibt als kompakte Schicht auf dem Papier. Deshalb sind die Farben so deckend, dass selbst Weiß auf schwarzem Grund leuchtet, und blaue Siebdrucke wirken intensiver als dasselbe Blau aus einer Lithografie. Halte ein Poster und einen Siebdruck nebeneinander ins Licht: Beim Poster siehst du die Papierstruktur durch die Farbe hindurch. Beim Siebdruck nicht.
Wie kam der Siebdruck in die Galerie?
Jahrzehntelang war der Siebdruck ein reines Gebrauchsverfahren. Plakate, Schilder, Verpackungen. In den 1930ern führten amerikanische Künstler den Begriff Serigraphy ein, um genau diese Trennung sichtbar zu machen. Die Works Progress Administration (WPA), ein Arbeitsprogramm der Roosevelt-Regierung, hatte Künstler angestellt, um öffentliche Gebäude auszustatten. Einige von ihnen entdeckten den Siebdruck als künstlerisches Medium und brauchten ein Wort, das ihre Arbeit vom Werbedruck unterschied. Im Deutschen hat sich daraus Serigrafie entwickelt. In den 1940ern experimentierten vereinzelte Drucker in Europa damit. Aber als Kunstform ernst genommen wurde die Technik erst, als Andy Warhol sie in den frühen 1960ern in seine Factory holte.
Warhol hatte als Werbegrafiker gearbeitet und kannte den Siebdruck aus dem kommerziellen Alltag. Er nutzte das Verfahren nicht trotz, sondern wegen seiner industriellen Herkunft. Die Wiederholbarkeit war kein Nachteil, sie war das Konzept: dasselbe Porträt, variiert durch Farbe, Druck um Druck. Sein Marilyn-Monroe-Portfolio von 1967 (zehn Blatt, Auflage 250) machte die Serigrafie zum Inbegriff der Pop Art.
Warhol war nicht allein. In Deutschland nutzte Joseph Beuys den Siebdruck als politisches Kommunikationsmittel und entwickelte ihn zum Instrument seiner Multiples-Praxis. Roy Lichtenstein übertrug seine Comic-Motive in Serigrafien und baute mit Tyler Graphics eine Atelierinfrastruktur auf, die sich grundlegend von Warhols Modell unterschied (der Vergleich beider Werkstätten: Warhol und Lichtenstein im Siebdruck). Robert Rauschenberg kombinierte fotografische Vorlagen mit gedruckten Farbflächen. In Deutschland arbeitete der Maler Willi Baumeister ab 1950 mit dem Drucker Luitpold Domberger in Stuttgart zusammen. Domberger druckte später für Josef Albers, Victor Vasarely und Max Bill und machte Stuttgart zu einem Zentrum der europäischen Siebdruckkunst. In London übernahm Kelpra Studio eine vergleichbare Rolle und druckte für beide Seiten der 1960er: Pop Art und Op Art nutzten dasselbe Sieb, mit entgegengesetzter Absicht. Bei Bridget Riley wurde der Siebdruck zur Präzisionsmaschine für optische Wahrnehmungseffekte. Zeitgenössisch arbeitet Antonia Reber in der Werkstatt des Künstlerhauses Stuttgart, deren urbane Serigrafien an diese Stuttgarter Drucktradition anknüpfen. John Simpson arbeitet in Bath mit Erdpigmenten und Kohlestaub im Siebdruck, sodass jedes Exemplar einer Auflage minimal verschieden ausfällt. Banksy nutzt den Siebdruck seit 2002 für limitierte Editionen, die parallel zu seinen Stencil-Wandbildern ein kontrolliertes Editions-Werk bilden.
Die Pop Art hat den Siebdruck nicht erfunden. Aber sie hat ihn aus der Druckerei in die Galerie geholt und gezeigt, dass ein Verfahren aus der Industrie genauso viel künstlerische Aussagekraft haben kann wie eine Radiernadel auf Kupfer. Damien Hirst nutzte den Siebdruck für seine Spot Paintings und Schmetterlingsserien, die den Abstand zwischen Massenware und Unikat systematisch durchmessen. In Deutschland trieb Hundertwasser den Siebdruck in eine andere Richtung: bis zu 22 Farben über Silberfolie, Glasstaub aus Straßenverkehrszeichen, jedes Exemplar bewusst anders als das nächste.
"The printing of my pieces are a big part of my creative process, I don't see it as a separate thing. I make adjustments to colours and artwork along the way." -- Maxine Gregson, Siebdruck-Künstlerin
Das fertige Werk entsteht am Sieb, nicht am Computer.
Woran erkennt man einen originalen Siebdruck?
Ein originaler Siebdruck lässt sich an drei Merkmalen erkennen: einer Bleistiftsignatur des Künstlers, einer handgeschriebenen Editionsnummer und einem Echtheitszertifikat. Diese Merkmale unterscheiden das Original von einer Reproduktion.
Signatur. Der Künstler signiert mit Bleistift, üblicherweise rechts unter dem Druck. Bleistift, nicht Kugelschreiber, nicht gedruckt. Gedruckte Signaturen (also solche, die Teil des Motivs sind) zählen nicht als Originalsignatur. Der Bleistift ist bewusst gewählt: Er ist alterungsbeständig und lässt sich nicht mit dem Druckprozess verwechseln.
Editionsnummer. Links unter dem Druck steht die Nummer der Auflage, ebenfalls in Bleistift. 5/25 bedeutet: fünftes Blatt einer Auflage von 25 Stück. Die Nummer sagt beim Siebdruck nichts über die Qualität des einzelnen Blatts. Anders als bei der Radierung, wo die Kupferplatte sich mit jedem Abzug abnutzt, bleibt das Sieb konstant. Blatt 1 und Blatt 25 sind technisch identisch.
Echtheitszertifikat. Seriöse Galerien und Druckwerkstätten liefern ein Zertifikat, das Künstler, Titel, Technik, Auflagenhöhe und Jahr dokumentiert. Im Markt für Originalgrafik gehört dieses Dokument zur Standardausstattung.
Praxistipp: Streiflicht. Leg den Druck flach auf einen Tisch und beleuchte ihn schräg von der Seite. Bei einem echten Siebdruck siehst du die Farbschichten als leicht erhabene Flächen. Je nach Farbanzahl ergibt sich ein regelrechtes Relief. Ein Offset-Poster bleibt unter Streiflicht flach. Noch genauer geht es mit einer einfachen Lupe: Beim Siebdruck sind die Farbbereiche homogen und scharf begrenzt, beim Offset-Druck erkennst du ein feines Rastermuster. Limitierte Siebdrucke tragen außerdem immer eine handgeschriebene Editionsnummer, die bei Reproduktionen fehlt.
Wer den Unterschied zwischen einem Original und einem Kunstdruck genauer verstehen will: Original vs. Kunstdruck.
Wie unterscheidet sich Siebdruck von anderen Druckverfahren?
Unter den klassischen Druckverfahren ist der Siebdruck das einzige, bei dem die Farbe aktiv durch ein Gewebe auf das Papier gepresst wird, statt von einer Oberfläche übertragen zu werden.
| Siebdruck | Radierung | Lithografie | Linolschnitt | Holzschnitt | |
|---|---|---|---|---|---|
| Druckprinzip | Farbe wird durch ein Sieb gepresst (Durchdruck) | Farbe sitzt in eingeritzten Vertiefungen (Tiefdruck) | Fett-Wasser-Abstoßung auf Kalkstein (Flachdruck) | Farbe auf erhabenen Flächen (Hochdruck) | Farbe auf erhabenen Flächen (Hochdruck) |
| Typisches Erscheinungsbild | Leuchtende Farbflächen, deckend, scharfe Konturen | Feine Linien, filigrane Details, oft Schwarz-Weiß | Weiche Farbverläufe, malerische Qualität | Kräftige Kontraste, klare Formen, grafisch | Starke Kontraste, Holzmaserung sichtbar, archaisch |
| Farbschicht | Dick, tastbar, Relief bei Streiflicht | Dünn, leicht erhaben am Plattenrand | Dünn, glatt | Mittel, gleichmäßig | Mittel bis dick, je nach Farbauftrag |
| Typische Auflage | 15-50 | 30-100 | 20-75 | 15-50 | 10-30 |
| Besonderes Merkmal | Kann Weiß auf Schwarz drucken | Plattenrand im Papier sichtbar | Tonale Abstufungen wie Aquarell | Reduktion: mehrere Farben aus einem Block | Ältestes Druckverfahren (seit ca. 1400) |
Diese Tabelle vereinfacht. In der Praxis kombinieren Künstler Techniken oder variieren innerhalb eines Verfahrens so stark, dass die Grenzen verschwimmen. Die Druckgrafik-Übersicht erklärt die vier Druckprinzipien (Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck, Durchdruck) ausführlicher.
Der Siebdruck ist ein Nachfolger älterer Schablonentechniken: der Pochoir-Druck arbeitete mit handgeschnittenen Metallschablonen, der Siebdruck automatisierte das Prinzip über ein Gewebe. Beide Techniken im direkten Vergleich stellt Pochoir vs. Siebdruck gegenüber. Wer sich für eine jüngere Verwandte der Technik interessiert, findet im Risograph ein Verfahren, das Siebdruck-Ästhetik mit schnellem Schablonendruck verbindet.
Der Siebdruck steht stilistisch der Pop Art und der geometrischen Abstraktion am nächsten. Wer sich für die kunsthistorische Verbindung zwischen Drucktechnik und Kunstbewegung interessiert, findet in der Seite zu Expressionismus das Gegenstück: dort dominierten Holzschnitt und Linolschnitt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Siebdruck und Serigrafie?
Kein inhaltlicher. Serigrafie (oder Serigraphie) ist der kunsthistorische Fachbegriff für den Siebdruck auf Papier. Er wurde in den 1930er Jahren in den USA eingeführt, um den künstlerischen Siebdruck vom kommerziellen Textil- und Werbedruck abzugrenzen. In Galerien und Auktionskatalogen ist Serigrafie der gebräuchliche Begriff.
Ist ein Siebdruck ein Original?
Ja, sofern der Künstler das Motiv selbst konzipiert hat, die Auflage limitiert ist und jedes Blatt in Bleistift signiert und nummeriert wurde. Ein Siebdruck aus einer Auflage von 25 Stück ist kein Unikat, aber ein Original. Originalgrafik meint ein Werk, das vom Künstler für den Druck geschaffen wurde, nicht die Reproduktion eines bestehenden Bildes.
Wie pflegt man einen Siebdruck?
Nicht in direktes Sonnenlicht hängen. UV-Strahlung bleicht die Pigmente über Jahre aus. Bei Rahmung: UV-Schutzverglasung und säurefreies Passepartout verwenden. Siebdruckfarben auf Acrylbasis sind grundsätzlich lichtbeständiger als viele andere Druckfarben, aber dauerhafte UV-Exposition schadet jedem Pigment. Im Innenraum, abseits direkter Sonne, halten die Farben Jahrzehnte.
Warum sind Siebdrucke teurer als Poster?
Ein Poster ist eine maschinelle Reproduktion in unbegrenzter Stückzahl. Ein Siebdruck wird in Handarbeit gedruckt, wobei jede Farbschicht einen eigenen Arbeitsgang erfordert. Die Auflage ist auf wenige Exemplare limitiert, jedes Blatt vom Künstler signiert und nummeriert. Der Preis reflektiert den Aufwand: Material, Druckzeit, künstlerische Kontrolle über jeden einzelnen Bogen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Tate, Art Terms: Screenprint (Serigrafie-Geschichte, WPA, Warhol). https://www.tate.org.uk/art/art-terms/s/screenprint
- MoMA, Collection Terms: Screenprint. https://www.moma.org/collection/terms/screenprint
- Encyclopaedia Britannica: Printmaking (Siebdruck-Technik, Editionierung, Signaturkonventionen). https://www.britannica.com/art/printmaking
- Deutsche UNESCO-Kommission: Künstlerische Drucktechniken des Hoch-, Tief-, Flach- und Durchdrucks – Immaterielles Kulturerbe seit 2018. https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/drucktechniken
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
Alle Siebdrucke ansehen | Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de