Risograph
Risograph ist ein Schablonendruck-Verfahren, bei dem eine Maschine Farbschicht für Farbschicht auf Papier drückt. Was ein Risograph von anderen Drucktechniken unterscheidet, ist nicht seine Funktionsweise, sondern sein Verhältnis zur Kontrolle. Der natural drift (die minimale Farbschicht-Verschiebung zwischen den Durchgängen), die körnigen Tinten, die leichten Abweichungen zwischen den Abzügen: Das ist kein Nebenprodukt. Das ist die Technik.
Zwei Blätter einer Riso-Edition nebeneinander auf dem Tisch. Dasselbe Motiv, dieselbe Maschine, dieselben Farben. Blatt 1 und Blatt 8. Sie sind nicht identisch. Das Teal sitzt auf dem achten Blatt zwei Millimeter höher. Eine Schicht liegt leicht versetzt. Kein Qualitätsprüfer hätte das aussortiert. Der Künstler hat es so gewollt.
Wer fragt, was ein Risograph ist, fragt nach einer Maschine. Aber die Antwort handelt von einer Entscheidung. Ein Risograph ist eine japanische Druckmaschine, ursprünglich für Schulkopien und Behördenformulare gebaut. Dass Künstler weltweit heute damit Editionen drucken, liegt nicht daran, dass der Risograph durch Zufall in die falschen Hände geraten ist. Es liegt daran, dass er eine Eigenschaft hat, die kein anderes Verfahren bietet: Er produziert zuverlässig das Unwiederholbare.
Wie funktioniert ein Risograph?
Ein Thermodruckkopf verbrennt die Bildinformation in ein Mastersheet: einen dünnen Kunststofffilm auf einem Trägerpapier, das Bananenfasern enthält. Dieses Mastersheet wickelt sich um eine Farbtrommel. Das Papier zieht unter der Trommel durch, Tinte drückt durch die Schablone hindurch auf das Papier. Pro Farbdurchgang wird das Papier einmal durch die Maschine geführt. Für ein dreifarbiges Bild: drei Durchgänge.
Bis hierhin klingt das nach einem effizienten Verfahren. Bis zu 150 Blatt pro Minute lässt der Risograph durch. Das ist Büromaschinengeschwindigkeit, keine Ateliergeschwindigkeit. Anders als die klassischen Druckverfahren im Vergleich — siehe Siebdruck vs. Lithografie — arbeitet der Risograph nicht mit Sieb oder Stein, sondern mit einem thermisch gebrannten Mastersheet.
Zwischen den Farbdurchgängen liegt die entscheidende Stelle. Das Papier wird manuell neu eingelegt. Oder liegt gestapelt und zieht durch einen Einzug. In beiden Fällen: Die Papierposition ist nie exakt dieselbe wie beim letzten Durchgang. Ein, zwei Millimeter Abweichung. Die zweite Farbschicht trifft nicht haargenau auf die erste. Dieses Phänomen heißt in der Riso-Szene natural drift.
Georgia Green, die mit dem Risographen Serien wie Dartmoor Tiger entwickelt, beschreibt den Effekt so: "as though the machine is a collaborative partner".
Bei Dartmoor Tiger liegt in der Entwurfsskizze bereits fest, welche Bildteile in welcher Farbe gedruckt werden. Natural drift verstärkt das Traumhafte dieser Bildwelt: Die leichte Verschiebung zwischen den Farbschichten erzeugt genau die Unschärfe, die einen Riso-Druck von einem sauber registrierten Digitaldruck unterscheidet.
Die Reihenfolge dieser Farbdurchgänge ist selbst eine künstlerische Entscheidung. Wer das Teal vor dem Rot druckt, bekommt ein anderes Bild als wer das Rot vor dem Teal druckt, selbst mit identischen Farbwerten. Im digitalen Layout ist diese Reihenfolge beliebig umkehrbar. Beim Risograph ist sie Teil der Signatur jedes Werks.
Alle Riso-Drucke in diesem Sortiment sind handsignierte Originale: Georgia Green mit ihrer surrealen Tierwelt, Inga Eicaite mit geometrisch-abstrakten Kompositionen. Zwei Bildsprachen, ein Verfahren.
Woher kommt eine Maschine, die nie für Kunst gebaut wurde?
Noboru Hayama gründete seine Firma im September 1946 in Setagaya, Tokio. "Riso" bedeutet auf Japanisch "ideals", Riso-Sha also: die ideale Firma.
Der erste Risograph kam 1980 auf den japanischen Markt, ein Bürodrucker für Schulen und Behörden, gebaut für Formulare und Schulflyer. Die digitale Version folgte 1986. Niemand dachte an Kunst.
Heute ist Riso Kagaku Corporation ein börsennotierter Konzern, der weltweit Bürogeräte verkauft: rund 2.859 Mitarbeiter, über eine halbe Milliarde US-Dollar Jahresumsatz. Kein Kunstbetrieb.
In Japan stehen heute ca. 90 Prozent aller Risographen in Schulen, Krankenhäusern und Behörden. Die Maschine, die in Europa als Kunstmedium gehandelt wird, ist in ihrem Herkunftsland ein Bürogerät geblieben.
Die erste Umnutzung dieser Büromaschine zur Kunst passierte nicht in Tokyo. Sie passierte 1983 in Nijmegen, in einem besetzten Haus namens "De Westland". Dort gründete Jan Dirk de Wilde Knust Extrapool. Nach Wildes eigener Aussage war Knust bis ca. 2000 mehr oder weniger die einzige nicht-kommerzielle Riso-Druckerei der Welt. Danach brach die Szene auf.
Auch nach der Knust-Einzelkämpfer-Phase blieben Riso-Studios lange isoliert. We Make It in Berlin und RISOTTO in Glasgow, beide 2012 gegründet, das RisoLAB an der School of Visual Arts in New York ab 2015. Bis Mitte der 2010er Jahre blieb die Riso-Szene innerhalb der Druckgrafik-Familie ein Fußnotenphänomen, nicht anerkannt, aber auch nicht ernsthaft diskutiert.
2017 trafen sich Riso-Druckerinnen und -Drucker aus ganz Nordamerika zur ersten North American Risograph Conference (NARC) in Chicago. Es war der Moment, in dem die Szene ihre eigenen Namen lernte: George Wietor von Issue Press traf Nick Bernal von Burn All Books. Die einzelnen Studios erkannten sich als Teil eines Netzes, nicht mehr als Einzelkämpfer, die zufällig dieselbe Maschine benutzen.
Und 2022 passierte etwas Seltsames: Riso Kagaku selbst erschien als Ko-Sponsor der Tokyo Art Book Fair, präsentierte die Geschichte des Geräts und ehrte im Programm "Risopioneers" die Pioniere seiner künstlerischen Nutzung. Der Hersteller hat seinen eigenen Bürodrucker offiziell als Kunstinstrument anerkannt.
Ist ein Riso-Druck ein Original?
Das ist die Frage, die Riso-Drucke von anderen gedruckten Bildern trennt. Beim Riso-Druck trifft die wesentliche Entscheidung der Künstler, nicht die Maschine.
Georgia Greens Badger in the Willows entsteht genau so: aus getrennten Farbflächen, die nacheinander durch die Trommel laufen.
Schauen wir uns an, was bei anderen Techniken als selbstverständlich gilt. Bei der Radierung ritzt der Künstler jede Linie eigenhändig in eine Kupferplatte, die Ätzung verstärkt den Eingriff, jeder Abzug ist eine physische Spur dieser Arbeit. Ein Siebdruck: Der Künstler zieht die Rakel über das Sieb, die Qualität des Drucks hängt von Handdruck, Winkel und Geschwindigkeit ab. Jede Farbe, eine bewusste Geste. Beim Riso-Druck sind es die Farbseparation, die Wahl der Farbtöne aus über 20 Volltonfarben, das Papiergewicht, die Reihenfolge der Schichten: alles vor der Maschine entschieden. Dann übernimmt der Risograph und bringt den natural drift. Das Ergebnis ist limitiert, handsigniert, nummeriert. Und nicht reproduzierbar, nicht im digitalen Sinn, nicht im Sinne eines Offsetdrucks.
Zur Frage der Originalität aus Künstler-Perspektive:
"Risography is one of my favourite techniques, but it is often overlooked by traditional printmakers due to its modern and mechanised origins."
— Georgia Green
Das Übersehen kommt nicht von ungefähr. Wenn eine Maschine am Prozess beteiligt ist, ist die reflexartige Reaktion: weniger Originalität. Aber die Maschine ist auch an einer Radier-Druckpresse beteiligt. An einer Lithografie-Presse. Die Frage ist nie, ob Maschinen beteiligt sind. Die Frage ist, wer die wesentlichen künstlerischen Entscheidungen trifft.
Beim Riso-Druck trifft sie der Künstler. Jeden Tag aufs Neue. Die Maschine führt aus, was kein Computer präzise vorhersagen und kein Digitaldrucker reproduzieren kann. Das macht den Riso-Druck zu einem Original im klassischen Sinn der Druckgrafik, nicht zu einer digital reproduzierbaren Kopie.
Riso vs. Siebdruck: Kontrolle vs. Kollaboration
Innerhalb der Druckgrafik-Familie teilt sich der Risograph die Durchdruck-Kategorie mit dem Siebdruck. Beim Siebdruck drückt die Rakel Tinte durch ein feinmaschiges Gewebe, das im Nicht-Druckbereich abgedichtet ist. Beim Risograph drückt die Trommel Tinte durch ein Mastersheet, dessen Trägerpapier Bananenfasern enthält.
Die technische Verwandtschaft ist nah. Die ästhetische Wirkung ist weit entfernt.
Siebdruck arbeitet mit Präzision. Druckfarben sind pastos, deckend und werden fest auf dem Papier abgelegt. Eine gut montierte Siebdruckmaschine registriert die Lagen auf den Hundertstel-Millimeter genau. Der Künstler hat volle Kontrolle über Druckdruck, Farbmenge, Passergenauigkeit. Siebdruckfarben leuchten satt und grenzen scharf aneinander.
Riso-Tinte ist anders. Die gängigen Riso-Tinten sind sojabasiert und halbtransparent, sie legen sich auf das Papier, dringen aber nicht vollständig ein. Wo zwei Riso-Farben übereinander liegen, mischen sie sich optisch zu einer dritten, die weder in der Ausgangspalette steht noch auf einem Farbdisplay exakt darstellbar ist. Jede Schicht trägt zur Transparenz der nächsten bei.
Hinzu kommt: Riso-Farben sind Volltonfarben, kein CMYK. Was das Auge als natürliche Farbe sieht, entsteht durch optische Überlagerung, nicht durch Mischung. Der Riso-Raster liegt bei 75–85 lpi, deutlich gröber als die 150 lpi eines Offsetdrucks. Unter der Lupe sieht man einzelne Druckpunkte, eine Matrix aus kleinen Farbdots, die zusammen die Tonwerte des Bilds bilden. Diese Körnung ist Teil des Bilds, kein Produktionsmerkmal, das man toleriert.
Wann Siebdruck, wann Riso? Siebdruck wenn Präzision zum Werk gehört: klare Kanten, homogene Flächen, Reproduzierbarkeit. Riso wenn Offenheit Teil des Werks ist: die leichte Verschiebung, das optische Farbspiel, der Drift als ästhetisches Mittel. Den vollständigen Technik-Vergleich mit Farbschicht, Passer und Erkennungsmerkmalen am fertigen Blatt erklärt die Seite Siebdruck vs. Risograph.
Was macht Riso-Tinten, -Papier und -Farben besonders?
Riso-Tinte verhält sich ungewöhnlich. Die Tinte fixiert nicht vollständig auf dem Papier, Fingerabdrücke auf der Oberfläche sind möglich. Kein Produktionsfehler, sondern eine Eigenschaft der halbtransparenten Schichtoptik: genau die, die Riso-Drucken ihre charakteristische Oberfläche gibt.
Für Riso-Drucke funktioniert nur ungestrichenes Papier. Gestrichene Papiere nehmen die Tinte nicht auf, verschmieren sie. Das Gewicht kann zwischen 60 und 350 gsm liegen, das maximale Druckformat ist A3+.
Das Papier ist kein neutrales Trägermaterial. Es verändert das Bild aktiv. Leichteres Papier (80 bis 100 gsm) schluckt die Tinte schneller, die Töne wirken weicher. Schweres Papier ab 200 gsm trägt die Tintenschicht auf seiner Oberfläche wie ein Relief: die Körnung ist schärfer, die Farben treten stärker heraus. Das Papiergewicht ist Teil der ästhetischen Entscheidung, nicht anders als die Wahl der Farben oder die Schichtenreihenfolge.
Die Farbpalette umfasst über 20 Volltonfarben, darunter Leuchtfarben (Fluorescent Pink, Fluorescent Orange), Metallic-Töne (Matte Gold) und Sondertöne (Federal Blue, Hunter Green). CMYK gibt es nicht. Was auf dem Bildschirm als Weiß erscheint, ist auf dem Riso-Druck das Papier selbst.
Inga Eicaites 3I Atlas zeigt, was die Volltonpalette in abstrakten Geometrien leisten kann: Kreise und Punktraster in einem dichten, tiefen Blau, das in dieser Sattheit kein Digitaldrucker erzeugen würde. Das Körnerige des Rasters ist bei geometrisch-abstrakten Kompositionen sichtbarer als bei figürlichen Motiven, weil keine Bildinformation davon ablenkt.
FAQ
Was ist ein Risograph?
Ein Risograph ist eine Schablonendruck-Maschine, bei der Tinte durch eine feine Schablone auf Papier gedrückt wird. Für mehrfarbige Bilder wird das Papier einmal pro Farbe durch die Maschine geführt. Das Verfahren gehört zur Druckgrafik und produziert handsignierte, nummerierte Originale in limitierten Auflagen.
Was bedeutet "natural drift" beim Risograph?
Natural drift beschreibt die minimale Positionsverschiebung der Farbschichten zwischen den Druckdurchgängen. Da das Papier zwischen den Farbdurchgängen neu eingelegt wird, sitzt jede Farbschicht leicht versetzt. Diese Verschiebung ist bei Riso-Drucken kein Fehler, sondern ein charakteristisches Merkmal, das jeden Abzug zu einem Einzelstück macht.
Welche Farben kann ein Risograph drucken?
Ein Risograph druckt aus einer Palette von über 20 Volltonfarben, darunter Leuchtfarben wie Fluorescent Pink und Fluorescent Orange, klassische Töne wie Schwarz, Rot und Blau sowie Sondertöne wie Matte Gold und Federal Blue. CMYK-Druck ist nicht möglich. Mehrfarbdrucke entstehen durch optische Überlagerung der Volltonschichten, die dabei neue Farbtöne erzeugen.
Wie langlebig sind Riso-Drucke?
Riso-Tinte ist sojabasiert und fixiert nicht vollständig auf der Papieroberfläche. Riso-Drucke sollten unter Glas gelagert und aufgehängt werden. Direkter Hautkontakt mit der Druckoberfläche kann Abdrücke hinterlassen. Bei korrekter Lagerung und Rahmung hinter Glas ist die Lebensdauer vergleichbar mit anderen Druckgrafik-Techniken.
Ist ein Riso-Druck ein Original?
Ja, in dem Sinn, in dem die Kunstwelt Druckgrafik als Original führt: Jeder Abzug wird vom Künstler persönlich gezogen, signiert und nummeriert, meist in einer Auflage im unteren zwei- bis dreistelligen Bereich, und die Master-Schablone wird nach dem Druck unbrauchbar. Der Unterschied zum Kunstdruck oder Offsetreproduktion liegt also nicht nur in der Optik, sondern in der Kette zwischen Künstler und Blatt: Beim Original hat der Künstler jedes Exemplar in der Hand gehabt, beim Reproduktionsdruck niemand.
Quellen und weiterführende Literatur
- Riso Kagaku Corporation, Unternehmensgeschichte (Gründung 1946, erster Risograph 1980, RISOGRAPH 007 DIGITAL 1986). riso.co.jp/english/company/history/
- RISOTTO Studio Glasgow, "What is Risograph Printing?" — Tinten, Papier, Unwiederholbarkeit. risottostudio.com/pages/what-is-risograph-printing
- Georgia Green, Q&A bei Art Pistol Glasgow — natural drift, Künstler-Perspektive, "overlooked by traditional printmakers". artpistol.co.uk/qa-with-georgia-green
- KPBS "The Finest", "Risograph revival: How a forgotten printer built a global DIY art movement" — Knust-Extrapool-Historie, NARC 2017 Chicago. kpbs.org/podcasts/the-finest/risograph-revival-how-a-forgotten-printer-built-a-global-diy-art-movement
Der Künstler legt das achte Blatt neben das erste und entscheidet, dass beide bleiben. Das ist der Moment, in dem ein Riso-Druck aufhört, Kopie zu sein. Nicht weil die Maschine etwas getan hat, das ein Mensch nicht könnte. Sondern weil der Mensch etwas stehen lässt, das eine Maschine nie so vorhergesehen hätte.
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
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