Banksy
Am 14. Oktober 2021 wird bei Sotheby's London ein Werk für GBP 18.582.000 zugeschlagen. Der Künstler bleibt anonym, wie er es seit den frühen 1990er Jahren geblieben ist. Kein Name, kein Gesicht, kein Händedruck vor der Kamera. Und trotzdem: Eine Organisation namens Pest Control entscheidet, welche Werke auf dem Kunstmarkt als echt gelten und welche nicht.
In Wall and Piece (2005) erklärte Banksy: "Copyright is for losers." Trotzdem meldete er EU-Marken an. Das europäische Markenamt EUIPO erklärte mehrere davon für ungültig. Das Paradox ist kein Unfall.
Drei Jahre bevor dieser Preis fiel, war dasselbe Werk zum ersten Mal unter den Hammer gegangen, für GBP 1.042.000. Beim ersten Verkauf hatte ein im Rahmen verborgener Selbstzerstörungsmechanismus das Bild während der Auktion halb zerstört. Der Preis stieg beim zweiten Verkauf um knapp Faktor 18. Banksy hatte 2015 in Weston-super-Mare das "Dismaland" eröffnet, einen dystopischen Freizeitpark, der 36 Tage lang rund 150.000 Besucher anzog, und im März 2017 das Walled Off Hotel in Bethlehem, in unmittelbarer Nähe der Trennmauer. Wer hinter all dem steckt, ist bis heute nicht offiziell bestätigt. Robin Gunningham gilt als ein möglicher Kandidat. Banksy bestreitet nichts. Er bestätigt auch nichts. Pest Control existiert, stellt Zertifikate aus und schweigt über seinen Auftraggeber.
Das Pest-Control-Echtheitszertifikat, das jede Markttransaktion legitimiert, ist selbst ein Druckwerk. Pictures on Walls produzierte diese Offset-Lithografie 2004 und zerriss sie in zwei Hälften. Käufer und Verkäufer halten je eine Hälfte. Das Authentifizierungssystem ist ein Druckgrafik-System.
Was hat Blek le Rat zwanzig Jahre vorher gemacht?
Xavier Prou, der unter dem Namen Blek le Rat arbeitet, begann 1981 in Paris mit Stencil-Graffiti. An der Pariser École des Beaux-Arts hatte er Radierung, Lithografie und Siebdruck studiert. Das Verfahren, das er auf die Straße brachte, ist das Pochoir: eine Schablone, durch die Farbe gesprüht wird, schnell, wiederholbar, erkennbar.
Banksy begann Anfang der 1990er Jahre in Bristol. Er sprühte mit der DryBreadZ Crew, Freehand-Graffiti, ohne Schablone. Die Wende kam, als er das Stencil-Verfahren übernahm. Wann genau, ist nicht dokumentiert. Was dokumentiert ist: In Wall and Piece schrieb Banksy, er glaube, jedes Mal wenn ihm etwas leicht Originelles gelinge, stelle sich heraus, dass Blek le Rat es zwanzig Jahre früher schon gemacht habe ("Every time I think I've painted something slightly original, I find out that Blek le Rat has done it as well. Only twenty years earlier.")
Was Banksy aus dem Blek-le-Rat-Verfahren machte, ist etwas anderes als Prous Arbeit. Prou brachte das Druckerei-Wissen auf die Straße. Banksy brachte die Straße zurück ins Atelier und schließlich in die Auktionshäuser. Die Schablone ist dasselbe Werkzeug in beiden Händen. Wohin es führt, hängt davon ab, wer die Auflage kontrolliert. Prous Stencil-Street-Art blieb im öffentlichen Raum. Banksys Stencil wanderte in die Edition. Wo die Grenze zwischen Pop Art und Street Art verläuft, ist im Kern genau diese Frage nach Auflage und Markt.
Was verkaufte Steve Lazarides aus dem Kofferraum?
2002 erschien der erste kommerzielle Banksy-Druck. Der Titel: "Rude Copper". Ein Polizeibeamter zeigt den Mittelfinger, gesprühte Stencil-Ästhetik auf Papier gebracht. Die ursprünglich geplante Auflage von 100 Exemplaren wurde auf 250 erhöht. Erstverkaufspreis: GBP 40. Verkäufer: Steve Lazarides, Banksys damaliger Manager, aus dem Kofferraum seines Autos.
Im September 2020 erzielte ein Exemplar des "Rude Copper" bei Forum Auctions GBP 125.000. Das Blatt hatte sich in 18 Jahren um das Dreitausendfache verteuert. Siebdrucktinte auf Papier. Verkauft aus dem Kofferraum.
Lazarides und Banksy arbeiteten ab etwa 1997 zusammen. Was ihnen fehlte, war eine Infrastruktur, die nicht vom persönlichen Vertrauen eines einzelnen Händlers abhing. Den GBP-40-Blättern fehlte alles: kontrollierte Auflagenbücher, Blindstempel, eine externe Verlagsstruktur. Sie brauchten einen Verleger.
Wie funktionierte Pictures on Walls ohne Galerie?
2003 entstand Pictures on Walls, kurz POW, als Verlags- und Druckstruktur für Banksy und andere Street-Art-Künstler. Die Organisation existierte bis 2017.
Ben Eine, selbst ein bekannter Street-Art-Künstler, druckte bei POW. Ab einem bestimmten Punkt trug jeder neu publizierte Druck den Totenkopf-und-Knochen-Blindstempel von POW, eingedrückt in die Papieroberfläche. Der Blindstempel ist kein dekoratives Element, er ist Provenienznachweis.
Im September 2006 reiste Banksy nach Los Angeles für "Barely Legal", eine dreitägige Ausstellung. Der Siebdrucker Richard Duardo von Modern Multiples produzierte sechs Motive, je 100 Exemplare, auf Arches-Papier, in zehn Tagen. Nach Ende der Ausstellung erhielt Duardo die Anweisung, alle Druckplatten für die sechs Motive zu vernichten. Die Auflage war damit nicht nur numerisch begrenzt, sie war physikalisch unlösbar geschlossen.
Dasselbe Prinzip in anderen Materialien: "Stop and Search" (2007, 500 signierte Exemplare) wurde auf Arches 88 Wove Paper gedruckt, einem säurefreien Spezialpapier, mit POW-Blindstempel. "Flag (Silver)" (2006, 1.000 unsignierte Exemplare) erschien auf silbernem Chromolux-Papier, einem Material so dünn und leicht beschädigbar, dass Exemplare in gutem Erhaltungszustand selten sind. Es blieb die einzige Banksy-Edition auf Chromolux.
2008 trennte sich Lazarides von Banksy nach rund einem Jahrzehnt Zusammenarbeit. Lazarides beschrieb das letzte Gespräch: Banksy habe sich über zu viel Kohlessen beklagt. Kein Streit, sie gingen einfach getrennte Wege: "Years and years ago: He was complaining about eating too much cabbage. We didn't have a big argument, we just parted ways." Die Infrastruktur brauchte nach dieser Trennung ein neues Stück.
Was passiert, wenn Banksy kein Eigentum hat?
2003 sprühte Banksy den "Flower Thrower" auf eine Wand an der Seite einer Garage auf dem Highway von Beit Sahour, nahe Bethlehem. Nicht auf die Trennmauer, wie häufig berichtet wird. Ein maskierter Mann wirft einen Blumenstrauß. Das Wandbild gehört dem Hauseigentümer. Banksy hat darüber keine Kontrolle.
Dasselbe Motiv existiert als Siebdruck-Edition. Und als Leinwand. Und als Massenfoto auf Produkten weltweit, die Banksy weder autorisiert hat noch rechtlich verhindern kann, solange er anonym bleibt.
Die Unterscheidung zwischen Wandbild und Editions-Druck ist nicht akademisch, sie bestimmt den Preis und die Frage der Echtheit. "Girl and Balloon" (2002/2003) ist eine Stencil-Arbeit auf Leinwand, 40x40 cm, 25 Exemplare. Kein Siebdruck. "Girl with Balloon" als Siebdruck-Edition erschien 2004: 150 signierte, 600 unsignierte und 88 Artist Proofs in vier Farbvarianten. Zwei verschiedene Werke, ein ähnliches Motiv, grundverschiedene Realitäten, die der Unterschied zwischen Original und Kunstdruck konkret macht. Ein Colour AP in Lila erzielte im September 2020 bei Christie's GBP 791.250.
Noch deutlicher wird das Spannungsfeld beim "Di-Faced Tenner" (2004): Im August 2004 ließ Banksy mindestens 100.000 Exemplare drucken, Offset-Lithografie auf beidseitig bedrucktem Papier, fast identisch mit einem britischen Zehn-Pfund-Schein, mit dem Porträt von Lady Diana statt Queen Elizabeth. Die Scheine wurden in Koffern beim Notting Hill Carnival und beim Reading Festival in die Menge geworfen. Gleichzeitig publizierte POW dieselbe Grafik als signierte Galerie-Edition: 50 signierte Blatt plus 32 signierte Artist Proofs in Pink.
Dasselbe Druckwerk. Einmal als politisches Massenmaterial, einmal als Galerie-Objekt.
Das Pest-Control-Zertifikat, das den Unterschied zwischen einem echten und einem unechten Banksy markiert, funktioniert nach dem mittelalterlichen Chirograph-Prinzip: ein zerrissener Di-Faced Tenner, dessen Reißkante den Echtheitsbeweis erbringt. Käufer und Verkäufer halten je eine Hälfte. Nur wenn die Zähne der zerrissenen Kante ineinandergreifen, ist die Transaktion authentifiziert. Pest Control wurde Ende der 2000er Jahre gegründet (Quellen nennen 2008 und 2009 unterschiedlich), die Authentifizierungsgebühr beträgt GBP 50 für Siebdrucke, GBP 100 für Originale.
Die Frage, wem ein Banksy gehört, stellte sich noch einmal, als ein Amt in Alicante die Antwort gab.
Warum verliert Banksy vor dem Markenamt?
Das EUIPO, das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum mit Sitz in Alicante, erklärte mehrere von Banksys EU-Marken für ungültig. Der Grund: böser Glaube. Die Marken seien nicht in Nutzungsabsicht angemeldet worden, sondern um ein fehlendes Urheberrecht zu kompensieren.
Das Argument gegen Banksy stützte sich unter anderem auf sein eigenes Buch. In Wall and Piece (2005) schrieb Banksy: "Copyright is for losers." Das EUIPO referenzierte diese Aussage bei der Prüfung seiner Markenanmeldungen. Wer öffentlich erklärt, Urheberrecht sei für Verlierer gedacht, kann schwerlich glaubhaft machen, dass seine Markenanmeldungen einer echten Schutzabsicht dienen.
Die "Laugh Now"-Marke wurde nach Berufung im Oktober 2022 bestätigt. Das Verfahren zeigt, dass der Markenrechtsweg für einen anonymen Künstler funktionieren kann, aber mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Banksy kann seinen Namen nicht als Urheber einsetzen, ohne die Anonymität preiszugeben. Markenrecht ist der Versuch, dieses strukturelle Problem zu umgehen. Das EUIPO entscheidet von Fall zu Fall.
Wie groß ist das gedruckte Werk?
Im Oktober 2025 erschien bei Thames & Hudson "Banksy: The Prints" von Roberto Campolucci-Bordi, das erste umfassende Werkverzeichnis aller Banksy-Editionen. Rund 51 offizielle Editionen, über 170 Variationen, rund 30.000 Einzeldrucke. Die Forschung entstand ohne Kooperation von Banksy oder Pest Control.
Prof. Paul Coldwell von der University of the Arts London ordnete Banksy in der Einleitung des Bands in die Tradition britischer politischer Satiregrafik ein: William Hogarth, James Gillray, die Kupferstiche und Radierungen des 18. Jahrhunderts, die moralische und politische Kritik in Massenauflagen verteilten. Hogarth druckte seine "Industry and Idleness"-Serie 1747 in einer Auflage, die London durchflutete. Gillray ätzte seine Karikaturen in Kupfer und verteilte sie über Druckhändler in der ganzen Stadt. Banksy zieht Siebdruckfarbe durch Gewebe und nennt sein Authentifizierungssystem nach einem Schädling.
Von 2013 bis 2022 stand Banksy fast jedes Jahr auf Platz eins der meistgesuchten lebenden Künstler in Deutschland. 2023 fiel er aus den Top Ten.
Was den Markt betrifft: Unsignierte Banksy-Editionen erzielen nach verfügbaren Marktdaten GBP 20.000 bis 35.000, signierte Exemplare GBP 40.000 bis über 100.000. Neue Drucke sind seit 2017 nicht erschienen. Die Auflage ist damit nicht gestiegen, die Nachfrage hat den Markt trotzdem verändert.
Was Campolucci-Bordi katalogisiert hat, ist eine Hälfte des Werks. Die andere Hälfte hängt noch an Hauswänden.
Der Auktionssaal 2021, noch einmal
Am 14. Oktober 2021 zahlten Bieter bei Sotheby's GBP 18.582.000 für ein Werk auf Leinwand, das 2018 halb zerstört wurde. Das System, das diesen Preis trägt und diese Transaktion legitimiert, besteht aus Papier und Drucktinte: rund 51 Editionen, ein Chirograph aus Offset-Lithografie, eine Authentifizierungsstelle, deren Auftraggeber unbekannt geblieben ist.
"Copyright is for losers" steht in einem Buch, das im Markenrechtsverfahren zitiert wird. Der Satz steht in Wall and Piece. Banksys Name steht in keinem Handelsregister. Die Druckgrafik trägt das System. Das Zertifikat, die Editionen, die Authentifizierung. Das Markenrecht trägt es nicht vollständig, wie das EUIPO in seinen Entscheidungen gezeigt hat.
Die beiden Hälften des Di-Faced Tenner passen zusammen. Das COA-System funktioniert. Die Rechtsgrundlage, auf der es steht, bleibt porös.
FAQ
Was ist ein originaler Banksy-Druck?
Ein originaler Banksy-Druck ist eine vom Künstler autorisierte, nummerierte Edition, meist als Siebdruck auf Papier, publiziert über Pictures on Walls (2003–2017) oder über spätere autorisierte Kanäle. Ohne ein gültiges Pest-Control-Zertifikat gilt ein Werk im Kunstmarkt nicht als authentisch.
Wie viele Banksy-Editionen gibt es?
Roberto Campolucci-Bordi zählte in seinem 2025 bei Thames & Hudson erschienenen Werkverzeichnis rund 51 offizielle Editionen mit über 170 Variationen und rund 30.000 Einzeldrucken. Die letzte neue Edition erschien 2017. Wandbilder und andere Werkformen sind in dieser Zahl nicht enthalten.
Was ist Pest Control?
Pest Control ist Banksys offizielle Authentifizierungsstelle, gegründet Ende der 2000er Jahre. Sie zertifiziert Werke über ein Chirograph-Verfahren und gibt keine Auskunft über Banksys Identität.
Warum wurden Banksys EU-Marken für ungültig erklärt?
Das EUIPO erklärte mehrere Banksy-EU-Marken für ungültig, weil die Anmeldungen in bösem Glauben erfolgten: Sie dienten nicht dem Markenschutz, sondern sollten ein fehlendes Urheberrecht kompensieren, das Banksy wegen seiner Anonymität nicht geltend machen kann. Das EUIPO zitierte dabei auch Banksys eigenes Buch Wall and Piece (2005), in dem er schrieb, Urheberrecht sei für Verlierer. Die "Laugh Now"-Marke wurde nach Berufung im Oktober 2022 bestätigt.
Was kostet ein Banksy-Druck?
Banksy-Drucke sind auf dem Sekundärmarkt erhältlich. Unsignierte Exemplare erzielen dort nach verfügbaren Marktdaten GBP 20.000 bis 35.000, signierte Exemplare GBP 40.000 bis über 100.000. Erstverkaufspreise lagen bei frühen Editionen wie "Rude Copper" (2002) bei GBP 40. Die Preisentwicklung seitdem ist dokumentiert. Studio Sonsu führt keine Banksy-Editionen; wer Siebdrucke zeitgenössischer Künstler sucht, findet Weiteres unter zeitgenössische Kunst und unter berühmte Druckgrafiker.
Quellen und weiterführende Literatur
- Roberto Campolucci-Bordi, Banksy: The Prints (Thames & Hudson, 2025)
- Paul Coldwell, Einleitung zu Banksy: The Prints (University of the Arts London)
- Scholarly Kitchen / SSPNET, Art Authentication: Banksy's Chirograph System (2019)
- Bonhams, Auktionskataloge: Lots zu Stop and Search (2007) und Flag Silver (2006)
- Steve Lazarides, Interview (Irish Times, 2015)
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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