Artotheken in Deutschland: Der Atlas

Im achten Stock der Stuttgarter Stadtbibliothek liegt hinter Glas ein Raum voller Schubladen, und in den Schubladen liegen mehr als 2.500 Originalgrafiken. Du ziehst eine Radierung heraus, trägst sie zur Anmeldung, zahlst eine kleine Versicherungsgebühr und hängst sie dir für acht Wochen an die eigene Wand. Danach bringst du sie zurück oder nimmst die nächste mit. Das ist weder Ausnahme noch Geheimtipp einer einzelnen Stadt: Der Artothekenverband Deutschland listet über 130 Häuser. Schon 2005 waren es laut Wikipedia rund ebenso viele. Und die wenigsten Menschen wissen davon. Dieser Atlas sammelt die Artotheken des Landes mit ihren Trägern, Beständen und echten Leihgebühren. Batch 1 beginnt mit 17 Häusern in acht Bundesländern.

Wie funktioniert das Ausleihen in einer Artothek?

Die Ausleihe läuft fast überall nach demselben Muster ab: Du suchst ein Werk aus, zahlst eine überschaubare Gebühr, nimmst es für einen festgelegten Zeitraum mit nach Hause und gibst es danach zurück. Wer die Werke besitzt und verleiht, ist dagegen sehr unterschiedlich. Träger können öffentliche Bibliotheken, Kunstvereine, Kunstämter, Museen, Volkshochschulen, Stiftungen und Werkbibliotheken sein. Ebenso weit spannt sich der Umfang der Sammlungen, von über 400 Werken in Kassel über gut 900 in Nürnberg und rund 4.000 Objekten in Wiesbaden bis zu rund 6.000 Werken in der Berliner Graphothek. In Stuttgart läuft die Ausleihe seit 1976, gegen eine geringe Versicherungsgebühr. Am stärksten unterscheiden sich die Häuser bei der Leihfrist: Sie reicht von acht Wochen in Stuttgart über drei bis maximal zwölf Monate in Dortmund bis zu einem ganzen Jahr in der Berliner Graphothek. Vielerorts lässt sich diese anfängliche Frist noch einmal um Wochen oder Monate verlängern, je nach Haus.

Was du dafür bezahlst, ist fast immer eine Versicherungspauschale, kein Kaufpreis im Kleinformat. Du hängst das Werk auf, lebst ein paar Wochen mit ihm und entscheidest dann neu. Wo man in Deutschland stattdessen selbst an die Presse kann, sammelt der Druckwerkstätten-Atlas, wo man Druckgrafik direkt kauft, der Grafikmärkte-Atlas. Das Leihen ist die dritte Tür. Erfunden wurde sie allerdings nicht in Deutschland.

Schnellantwort: In über 130 öffentlichen Artotheken in Deutschland leihst du dir Originalkunst gegen eine kleine Gebühr aus, ähnlich wie ein Buch in der Bibliothek. Dieser Atlas verzeichnet 17 Häuser in acht Bundesländern.

  • 17 Artotheken in 8 Bundesländern (Batch 1 dieses Atlas)
  • über 130 Artotheken bundesweit laut Verband
  • Bestände von über 400 bis rund 6.000 Werken
  • Leihgebühren von 6 Euro je Werk und Quartal in Hamburg-Harburg bis rund 26 Euro je Halbjahr in Wiesbaden
  • viele Häuser mit Schwerpunkt Originalgrafik, mehrere heißen offiziell "Graphothek"

Fehlt eine Artothek? Schreib uns an hello@studiosonsu.de mit Name, Stadt, Träger, Website und Konditionen. Wir nehmen öffentlich zugängliche Häuser auf, die Originalkunst verleihen.

Alle Angaben basieren auf den Informationen der jeweiligen Artotheken. Gebühren, Leihfristen und Bestände können sich ändern. Aktuelle Infos gibt es direkt bei den jeweiligen Häusern.

Träger:

Woher kommt die Idee, Kunst wie ein Buch auszuleihen?

Der Anstoß kam aus London. 1966 reiste eine Delegation aus Berlin-Reinickendorf in die Partnerstadt Greenwich und lernte dort die "Print Collection" kennen, eine Bibliothek zum Ausleihen von Druckgrafik. Die Idee selbst war älter: Erste Kunstleih-Einrichtungen entstanden Ende des 19. Jahrhunderts in den USA, an der Forbes Library in Northampton und der Denver Public Library. 1966 löste die Artothek im schwedischen Tyresö-Bollmora eine sprunghafte Entwicklung in vielen europäischen Ländern aus. Zwei Jahre nach dem Greenwich-Besuch, am 19. April 1968, öffnete in der Stadtbücherei Tegel die Graphothek und Artothek Berlin, gegründet vom Volksbildungsstadtrat Horst Dietze und dem Künstler Siegfried Kühl. Bis heute gilt sie als die erste Artothek Deutschlands.

Sie wuchs schnell. „Die Leihe begann mit 160 Werken, 1972 waren es bereits 1200", erzählt Ricarda Vinzing, die heutige Leiterin. „Eine beachtliche Steigerung, bedenkt man, dass es damals keinen Ankaufsetat gab."

Im Osten lief eine ganz eigene Geschichte, losgelöst vom westdeutschen Modell. Die erste Artothek der DDR entstand 1969 in der Ost-Berliner Stadtbibliothek. Die Leipziger Stadt- und Bezirksbibliothek baute ihre ab 1974 auf, und beide waren keine eigenständigen Häuser, sondern Teil von Staatlichen Allgemeinbibliotheken, Gewerkschaftsbibliotheken und Einrichtungen der Nationalen Volksarmee, wie eine Fachrezension der Arbeit von Barbara Röhner festhält. Verliehen wurden dort überwiegend fotomechanische Reproduktionen, nicht Originalkunst. Ein Schwarzweißfoto von Kurt Schwarz zeigt im Oktober 1969 Besucher in der Artothek der Berliner Stadtbibliothek an der Breiten Straße. Was das Wort "Artothek" eigentlich meinen sollte, war damit eine offene Frage.

Artothek Stadt Träger Konditionen
Graphothek der Stadtbibliothek Stuttgart Stuttgart Öffentliche Bibliothek Geringe Versicherungsgebühr, 8 Wochen
Artothek Nürnberg e.V. Nürnberg Städtisch gefördert 7 € für 3 Monate
Graphothek und Artothek Berlin Berlin Bezirksamt Reinickendorf Max. 1 Jahr, gerahmt und sofort mitnehmbar
Artothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin Öffentliche Bibliothek (ZLB) Kostenlos mit Bibliotheksausweis, 84 Tage
Graphothek Bremen Bremen Städtische Galerie 3 Monate (privat), 6 Monate (gewerblich)
Kunstleihe Harburg Hamburg Gemeinnütziger Verein 12 € Ausweis + 6 € je Werk pro Quartal
Artothek Frankfurt am Main Frankfurt am Main Nicht abschließend geklärt 5 € Aufnahme + 11 € / 8 Wochen (Stand 2011)
Artothek der Stadtbibliothek Kassel Kassel Öffentliche Bibliothek 10 € inkl. Versicherung / 2 Monate
Artothek Wiesbaden Wiesbaden Landeshauptstadt Wiesbaden Gestaffelt, Privatpersonen ~26 € / Halbjahr
artothek Hannover e.V. Hannover Gemeinnütziger Verein 60 €/Jahr, 4 Bilder, 3 Monate
Artothek Kunstverein Göttingen Göttingen Kunstverein Göttingen 3–5 € je Leihe + 8 €/Jahr, 3 Monate
Artothek Oldenburg Oldenburg Stadt Oldenburg 20 €/Jahr (10 € erm.), 8 Wochen
artothek – Raum für junge Kunst Köln Kulturamt Stadt Köln 5 €/Jahr Ausweis + 7 € je Ausleihe, 10 Wochen
Artothek des Bonner Kunstvereins Bonn Bonner Kunstverein Mitgliedschaft nötig, Sätze für Mitglieder
Kunst Aus(leihe) Dortmund Dortmund Stadt- und Landesbibliothek 3 bis 12 Monate
Artothek Münsterland Münsterland Nicht verifiziert Nicht verifiziert
Artothek der Stadtbibliothek Rheda-Wiedenbrück Rheda-Wiedenbrück Öffentliche Bibliothek BIBCard, 12 € Ausleihgebühr pro Kunstwerk, 6 Monate, Kauf über Vermittlung

Baden-Württemberg

Graphothek der Stadtbibliothek Stuttgart

Stadtbibliothek am Mailänder Platz, 8. Stock, Stuttgart
Seit 1976 verleiht die Stuttgarter Stadtbibliothek Kunst aus ihrer Graphothek. Der Bestand stammt von mehr als 1.100 Künstlerinnen und Künstlern, insgesamt über 2.500 Originalgrafiken, Unikate, Zeichnungen und Fotografien. Die Versicherungsgebühr fällt gering aus. Die Leihfrist beträgt acht Wochen.
Bibliothek 8 Wochen Seit 1976

Bayern

Artothek Nürnberg e.V.

Künstlerhaus Nürnberg
Die Artothek ging einst mit 120 Bildern im Pilatushaus am Tiergärtnertor an den Start (vermutlich um 1990; das genaue Gründungsjahr ist unsicher). Heute umfasst der Bestand rund 930 Bilder, Grafiken, Fotografien und Skulpturen. Für sieben Euro leiht man ein Werk drei Monate. Die Stadt fördert das Haus mit rund 29.500 Euro im Jahr.
Städtisch gefördert 3 Monate ca. 930 Werke

Berlin

Graphothek und Artothek Berlin

Bezirksamt Reinickendorf, Fontane-Haus, Berlin
Sie gilt als erste Artothek Deutschlands, eröffnet 1968. Der Bestand begann mit einer Spende von sieben Berliner Künstlern, darunter Waldemar Grzimek und Wolfgang Petrick, und umfasste anfangs nur 27 Grafiken; heute sind es rund 6.000 originale Kunstwerke, vorwiegend Druckgrafik. Die Leihfrist beträgt maximal ein Jahr. Die Werke sind gerahmt und sofort mitnehmbar.
Kommunal Max. 1 Jahr Seit 1968 ca. 6.000 Werke

Artothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB)

Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Die Artothek der ZLB wurde 1969 gegründet. Sie umfasst rund 2.000 Originalkunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Berlin. Die Ausleihe ist kostenlos mit einem Bibliotheksausweis. Ein Werk lässt sich 84 Tage entleihen und zweimal um 28 Tage verlängern.
Bibliothek Kostenlos 84 Tage Seit 1969

Bremen

Graphothek Bremen

Städtische Galerie Bremen, Buntentorsteinweg 112, Bremen
Die Graphothek gehört zur Städtischen Galerie und wurde 1975 als eine der ersten Einrichtungen dieser Art in der Bundesrepublik gegründet. Der Bestand umfasst mehr als 3.500 Grafiken, Unikate, Fotografien, Objekte und Videos. Die Leihfrist beträgt für private Nutzer drei Monate, für Firmen und Praxen sechs Monate. Eine Verlängerung ist möglich.
Kommunal 3 Monate Seit 1975 3.500+ Werke

Hamburg

Kunstleihe Harburg

Harburg/Heimfeld, Hamburg
Ein gemeinnütziger Verein mit rund 400 Werken aus Malerei, Zeichnung, Grafik und Fotografie. Der Ausweis kostet einmalig zwölf Euro. Danach zahlt man sechs Euro je Werk pro Quartal. Umgerechnet sind das zwei Euro im Monat.
Verein 6 € / Quartal ca. 400 Werke

Hessen

Artothek Frankfurt am Main

Klappergasse 12, Sachsenhausen, Frankfurt am Main
Die Trägerschaft ließ sich nicht abschließend klären. Der Bestand umfasst rund 1.000 Werke von etwa 300 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Zeichnungen, Aquarelle, Original-Druckgrafik und Fotografie. Bei einer einmaligen Aufnahmegebühr von fünf Euro kostete die Ausleihe für acht Wochen elf Euro. Die Preisangabe stammt aus einem Bericht von 2011 und ist womöglich veraltet.
Träger unklar 8 Wochen Stand 2011

Artothek der Stadtbibliothek Kassel

Stadtbibliothek Kassel
Die Kasseler Artothek umfasst über 400 Kunstwerke, unter anderem von Bernhard Balkenhol, Karl Oskar Blase und Fritz Winter. Die Ausleihe kostet inklusive Versicherungsgebühr zehn Euro pro Exponat für zwei Monate. Voraussetzung ist ein Mindestalter von 18 Jahren.
Bibliothek 10 € / 2 Monate 400+ Werke

Artothek Wiesbaden

Kunsthaus Wiesbaden, Landeshauptstadt Wiesbaden
Rund 4.000 Objekte aus Malerei, Grafik, Fotografie, Skulptur- und Objektkunst. Die Ausleihe läuft halbjährlich und lässt sich bis zu zweimal verlängern. Die Gebühr ist gestaffelt: Studierende und Rentnerinnen zahlen etwa zehn Euro, Privatpersonen rund 26 Euro, Unternehmen etwa 51 Euro je Halbjahr.
Kommunal Halbjährlich ca. 4.000 Objekte

Niedersachsen

artothek Hannover e.V.

Städtische Galerie KUBUS, Theodor-Lessing-Platz 2, Hannover
Ein gemeinnütziger Verein im Untergeschoss der Städtischen Galerie KUBUS. Für 60 Euro Fördermitgliedschaft im Jahr leiht man vier Bilder, jeweils drei Monate. Voraussetzungen sind ein Wohnsitz in der Region Hannover und ein Mindestalter von 18 Jahren.
Verein 60 €/Jahr 3 Monate

Artothek Kunstverein Göttingen

Kunstverein Göttingen
Der Kunstverein Göttingen betreibt eine Artothek, in der sich Werke für drei bis fünf Euro je Leihe entleihen lassen. Dazu kommt eine Jahresmitgliedschaft von acht Euro. Die Leihdauer beträgt drei Monate.
Kunstverein 3–5 € je Leihe 3 Monate

Artothek Oldenburg

PFL, Petersstraße 1, Oldenburg
Die Artothek der Stadt Oldenburg sitzt im PFL über der Kinderbibliothek und ist nach eigenen Angaben die größte Artothek Niedersachsens. Der Bestand liegt bei rund 2.000 Werken. Die Angaben schwanken zwischen etwa 1.800 und 2.100. Der Jahresbeitrag beträgt 20 Euro (ermäßigt zehn Euro). Leihbar sind drei Bilder oder eine Skulptur für acht Wochen.
Kommunal 20 €/Jahr 8 Wochen

Nordrhein-Westfalen

artothek – Raum für junge Kunst (Köln)

Kulturamt der Stadt Köln
Die Kölner artothek wird seit 2008 vom Kulturamt getragen und von einem Förderverein begleitet. Der Bestand umfasst mehr als 1.500 Werke. Der Leihausweis kostet fünf Euro im Jahr, jede Ausleihe sieben Euro inklusive Versicherung. Die Leihdauer beträgt zehn Wochen.
Kommunal 5 €/Jahr + 7 € je Leihe 10 Wochen

Artothek des Bonner Kunstvereins

Bonner Kunstverein, Bonn
Der Bonner Kunstverein gründete seine Artothek 1987. Sie umfasst über 2.000 Werke aus Druckgrafik, Fotografie, Zeichnung und Malerei aus der Zeit von 1960 bis heute. Die Ausleihe ist an eine Mitgliedschaft geknüpft. Mitglieder leihen zu günstigen Sätzen. Die Werke werden für den Transport sicher verpackt.
Kunstverein Mitgliedschaft nötig Seit 1987 2.000+ Werke

Kunst Aus(leihe) Dortmund

Stadt- und Landesbibliothek Dortmund
Die Ausleihe wird über die Stadt- und Landesbibliothek organisiert. Vom Gesamtbestand der Stadt Dortmund sind knapp 2.500 Kunstwerke ausleihbar. Ein Werk lässt sich drei bis maximal zwölf Monate behalten, zusammen mit der Berliner Graphothek die längste Frist im Batch.
Bibliothek 3 bis 12 Monate ca. 2.500 Werke

Artothek Münsterland

Münsterland-Region
Der Bestand liegt bei rund 650 Werken von 155 Künstlerinnen und Künstlern. Träger und Konditionen erfragst du am besten direkt vor Ort.
Träger unklar ca. 650 Werke

Artothek der Stadtbibliothek Rheda-Wiedenbrück

Stadtbibliothek Rheda-Wiedenbrück
Seit 2001 verleiht die Stadtbibliothek rund 450 Werke aus Malerei und Skulptur. Man braucht die BIBCard und ein Mindestalter von 16 Jahren. Die Ausleihe kostet 12 Euro Ausleihgebühr pro Kunstwerk. Die Leihfrist beträgt sechs Monate ohne Verlängerung. Wer ein geliehenes Werk behalten will, kann es kaufen. Die Bibliothek stellt den Kontakt zum Künstler her.
Bibliothek 12 € / Werk 6 Monate Kauf über Vermittlung Seit 2001

Was steckt hinter dem Namen "Graphothek"?

Eine auf Grafik spezialisierte Artothek trägt oft einen zweiten Namen: Graphothek, mancherorts auch "Bilderei". Der Oberbegriff dahinter hat einen benennbaren Ursprung: Die Prägung des Wortes Artothek wird Karl-Heinz Bolay zugeschrieben, 1966, ausdrücklich für Einrichtungen, die Originalkunst verleihen. Der Mann hinter dem Wort hatte eine ungewöhnliche Biografie: 1951 wanderte er aus Protest gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung nach Helsinki aus, wo er bis 1957 als Diplombibliothekar lebte.

Drei Häuser in diesem Batch tragen den Namen: die Graphothek und Artothek Berlin, die Graphothek der Stadtbibliothek Stuttgart und die Graphothek Bremen. Bei zweien belegt die Selbstbeschreibung den Grafik-Schwerpunkt: Die Berliner Graphothek beschreibt ihre rund 6.000 Werke selbst als "vorwiegend Druckgrafik". In Stuttgart lagern mehr als 2.500 Originalgrafiken. Ein Filter ist der Name trotzdem nicht: Auch ohne Grafik im Namen sind die Bestände groß, Köln kommt auf mehr als 1.500 Werke, der Bonner Kunstverein auf über 2.000 aus Druckgrafik, Fotografie, Zeichnung und Malerei.

Was du dort in die Hand nimmst, ist Druckgrafik im Wortsinn: eine Radierung mit ihren feinen, in die Druckplatte geätzten Linien und dem sichtbaren Plattenrand, ein Holzschnitt mit harten Schwarz-Weiß-Kontrasten, eine Lithografie mit weichen, malerischen Verläufen, ein Linolschnitt mit klaren Flächen oder ein Siebdruck mit satten, flächigen Farben. An einem geliehenen Blatt kannst du in Ruhe prüfen, woran man ein Original überhaupt erkennt: den Plattenrand, die Signatur, die Nummerierung der Auflage, mit Bleistift notiert. Acht Wochen an der eigenen Wand sind dafür mehr Zeit, als dir eine Galerie üblicherweise gibt.

Genau hier steckt der Grund, warum das Leihen mehr ist als ein netter Service. Wer ein Objekt eine Weile besitzt, bewertet es höher: In einem klassischen Experiment verlangten Teilnehmer für eine Kaffeetasse, die sie eine halbe Stunde besessen hatten, im Median 5,25 Dollar, während Kaufinteressierte nur 2,25 bis 2,75 Dollar zahlen wollten. Was acht Wochen mit einem Kunstwerk an der eigenen Wand machen, hat die Studie nicht gemessen. Aber wenn schon eine halbe Stunde mit einer Kaffeetasse den Preis verdoppelt, kannst du dir ausrechnen, warum manche Blätter nur ungern zurückgebracht werden.

Was kostet das Ausleihen wirklich, und wer zahlt den Rest?

Die Gebühren sind niedrig, und sie schwanken stärker, als man denkt, vor allem weil die Modelle kaum vergleichbar sind. Ganz kostenlos leiht die Berliner ZLB mit Bibliotheksausweis. Die Kunstleihe Harburg verlangt sechs Euro je Werk und Quartal, der Kunstverein Göttingen drei bis fünf Euro je einzelner Leihe, Wiesbaden rund 26 Euro je Halbjahr für Privatpersonen, und die Fördermitgliedschaft in Hannover 60 Euro im Jahr für vier Bilder. Dazwischen liegt das meiste: Kassel nimmt zehn Euro inklusive Versicherung für zwei Monate, Köln fünf Euro im Jahr für den Leihausweis plus sieben Euro je Ausleihe. Rechnet man das auf den Monat herunter, zahlen die meisten Häuser zwischen zwei und fünf Euro für ein Original an der Wand.

Kostendeckend ist das jedenfalls in Berlin nicht. Eine empirische Diplomarbeit von Elisabeth Reichert befragte 2008 insgesamt 126 Artotheken. 63 schickten den Fragebogen zurück, also die Hälfte. Für die Graphothek Berlin hielt die Arbeit fest, dass Einnahmen und Leihgebühren nur etwa ein Sechstel der Kosten decken. Den Rest tragen ein Förderkreis und das Land Berlin. Die Leihgebühr ist also eher Symbolik als Rechnung: Sie deckt die Versicherung, nicht den Ankauf. Bezahlt wird die Kunst über Ankäufe, Schenkungen und Dauerleihgaben von Banken und Versicherungen.

Wer die Kunst am Ende doch besitzen will, findet dafür andere Wege: die Jahresgaben der Kunstvereine, bei denen Mitglieder einmal im Jahr eine Edition erhalten, oder die Museumseditionen ohne Mitgliedschaft. In der Artothek selbst ist der Kauf die Ausnahme. Manche Häuser vermitteln ihn: Die Stadtbibliothek Rheda-Wiedenbrück stellt den Kontakt zum Künstler her, wenn du ein geliehenes Werk behalten willst, und bei der kommerziell arbeitenden "die artothek" in Hamburg werden gezahlte Leihgebühren vollständig auf den Kaufpreis angerechnet. Die Regel ist das nicht.

Häufige Fragen

Was ist eine Artothek?

In einer Artothek leihst du dir Originalkunst aus, so wie du in einer Bibliothek ein Buch ausleihst. Gegen eine kleine Gebühr nimmst du ein Werk für einige Wochen oder Monate mit nach Hause und gibst es danach zurück. Getragen werden diese Häuser von Bibliotheken, Kunstvereinen, Museen oder Kommunen. Viele verleihen Druckgrafik: Radierungen, Holzschnitte, Lithografien.

Was kostet es, ein Kunstwerk in einer Artothek zu leihen?

Die Spanne ist groß: Bei der Artothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin ist die Ausleihe mit Bibliotheksausweis kostenlos. In Wiesbaden zahlen Privatpersonen 26 Euro je Halbjahr. Die meisten Häuser dazwischen verlangen eine überschaubare Gebühr, dazu oft eine einmalige Ausweis- oder Jahresgebühr. Diese Gebühr deckt in der Regel die Versicherung des Werks, nicht seinen Kaufwert.

Wie lange darf man ein geliehenes Werk behalten?

Das hängt vom Haus ab. In Stuttgart sind es acht Wochen, in Kassel zwei Monate, in Hannover und Göttingen drei Monate. Dortmund erlaubt drei bis zwölf Monate, die Berliner Graphothek bis zu einem Jahr. Verlängerungen sind vielerorts möglich.

Kann man ein geliehenes Werk kaufen?

In der Regel nicht: Eine Artothek verleiht, verkauft aber nicht. Willst du ein geliehenes Werk trotzdem behalten, läuft das über eine Vermittlung. Einzelne Häuser stellen auf Anfrage den Kontakt zur Künstlerin oder zum Künstler her, und kommerzielle Leihanbieter rechnen mitunter die gezahlte Leihgebühr auf den Kaufpreis an. Beides bleibt die Ausnahme, nicht die Regel.

Was unterscheidet eine Artothek von einem Kunstverein oder Museum?

Eine Artothek verleiht. Ein Kunstverein und ein Museum verkaufen oder zeigen. Bei einem Kunstverein kannst du über die Mitgliedschaft günstig eine Jahresgabe erwerben. Ein Museum bietet Editionen zum Kauf. In der Artothek geht das Werk nach der Leihfrist zurück und steht danach wieder zur Ausleihe bereit.

Fehlt eine Artothek in diesem Atlas?

Sehr wahrscheinlich. Batch 1 deckt 17 Häuser in acht Bundesländern ab. Bundesweit gibt es über 130. Schreib uns an hello@studiosonsu.de mit Name, Stadt, Träger und Konditionen. Dann nehmen wir das Haus auf.

Zurück nach Stuttgart, in den gläsernen Raum im achten Stock. Die acht Wochen sind um. Die Radierung hängt immer noch an deiner Wand, und du merkst, dass du sie nicht mehr hergeben willst. In den meisten Häusern hilft das nichts: Du bringst sie zurück. Das Blatt geht ins Regal. Jemand anderes nimmt es mit. Ein paar Häuser wie die Stadtbibliothek Rheda-Wiedenbrück machen aus dem Wunsch einen Anruf beim Künstler. Und dann stehst du doch wieder vor den Schubladen im achten Stock, ziehst die nächste Radierung heraus und fängst von vorn an.

Zuletzt aktualisiert am 29.07.2026.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Graphothek und Artothek Berlin, Profil und Chronik der Einrichtung (Gründung 1968, Selbstauskunft des Hauses)
  • artspring berlin, Die Artothek: Ein Gespräch mit Ricarda Vinzing, Leiterin der Graphothek Berlin (Interview)
  • Elisabeth Reichert, Marketingkonzeption für Artotheken, Diplomarbeit, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (2008)
  • KUNSTFORM, Rezension zu Barbara Röhner, Kunst im Bestand: Artotheken und Kunstverleih in der DDR (2021)
  • Artothekenverband Deutschland, Verzeichnis der Mitgliedseinrichtungen (laufend gepflegt)

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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