Georg Baselitz

Am Ende malte er auf dem Boden. Georg Baselitz war im hohen Alter auf den Rollstuhl angewiesen, und Elke baute ihm ein Podest, damit er mit dem Pinsel ans Papier reichen konnte. Die Bilder hingen dann wie immer verkehrt herum. Am 30. April 2026 starb er in Salzburg, 88 Jahre alt.

Was ihn bis zum letzten Tag arbeiten ließ, war nicht Routine. Es war eine Idee, die sich in jedem einzelnen Bild wiederholt: Zuerst die Form. Dann das Motiv.

Neben der Malerei hat Georg Baselitz ein Werk auf Papier hinterlassen, das über 1.000 Arbeiten umfasst, in einem vierbändigen Werkverzeichnis dokumentiert ist und dessen Blätter bei Auktionen regelmäßig hohe Preise erzielen. Ein einzelner früher Holzschnitt, "Großer Kopf" von 1966, erzielte 2006 bei Christie's London £85.000. Diese Marktpreise gelten für Originaldrucke, deren Druckform Baselitz selbst geschnitten oder geätzt hat. Wo die Linie zwischen Originaldruckgrafik und Reproduktion verläuft, ist auf der kategoriale Unterschied entwickelt.

Wer war Georg Baselitz?

Georg Baselitz wurde am 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz, einem kleinen Dorf in Sachsen, als Hans-Georg Bruno Kern geboren. Den Künstlernamen nahm er 1961 an, nach seinem Geburtsort.

Ernst Ludwig Kirchner, Sanatoriumsspaziergang, 1916, Holzschnitt. Expressionistischer Holzschnitt der Brücke-Tradition.
Ernst Ludwig Kirchner, Sanatoriumsspaziergang, 1916. Holzschnitt. Die Brücke-Künstler machten den Holzschnitt zur Ausdrucksform. Public Domain.

Kirchners Sanatoriumsspaziergang (1916) steht für die expressionistische Holzschnitt-Tradition, auf die auch Baselitz' eigenes Druckwerk später zurückgreift.

Seine erste Ausbildung begann 1956 an der Ost-Berliner Hochschule für bildende und angewandte Kunst. Ein Jahr später endete sie erzwungen: Die Hochschule verwies ihn wegen "gesellschaftspolitischer Unreife." Er wechselte in den Westteil der Stadt, studierte bei Hann Trier an der Hochschule für bildende Künste Berlin, und blieb.

Wer in der DDR von der Schule fliegt, weil er "gesellschaftspolitisch unreif" ist, bekommt damit einen Index für das, was danach kommt. Die erste Einzelausstellung 1963 bei Michael Werner in Berlin bestätigte das. Zwei der gezeigten Gemälde wurden als pornografisch eingestuft und beschlagnahmt. Baselitz arbeitete weiter. Ein Jahr später stand er in der Druckwerkstatt von Schloss Wolfsburg.

Wie kam Baselitz zur Inversion?

1965 erhielt Baselitz ein Stipendium an der Villa Romana in Florenz. Er nutzte die Zeit, um manieristische Malerei zu studieren: Parmigianino, Pontormo, Rosso Fiorentino. Künstler, die Form und Ausdruckswert voneinander entkoppelten. Die Idee, dass ein Bild etwas anderes sagen kann als sein Motiv zeigt, kam aus Florenz.

1969 entstand das erste umgedrehte Bild: "Der Wald auf dem Kopf." Die Inversion, die Baselitz seitdem nicht mehr losließ, ist kein formales Spielchen. Sie dient dazu, Form und Farbe von der erzählenden Funktion des Motivs zu befreien. Wer ein umgedrehtes Bild betrachtet, sieht zuerst Farbflächen, Linien, Rhythmus. Erst dann das Motiv.

Von 1975 bis 2006 lebte und arbeitete Baselitz auf Schloss Derneburg bei Hildesheim. Die Druckwerkstatt war im Untergeschoss des Neuen Ateliers eingerichtet. Dort entstanden viele der Holzschnitte der 1980er Jahre. Seit 2013 lebte er in Salzburg und nahm 2015 die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Georg Baselitz Druckgrafik: Wie fing es an?

Im Frühjahr 1964 begann Baselitz seine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Druckgrafik in der Druckwerkstatt von Schloss Wolfsburg. Im selben Herbst stellte er die Radierungen bei Michael Werner aus.

Die erste Phase gehört der Radierung. Feine Linien in Kupferplatten geätzt, Druck auf schwerem Papier, der Plattenrand als sichtbare Grenze zwischen Bild und Blatt. Die frühen Baselitz Radierungen zeigen einen Künstler, der das Kupfer gerade erst kennenlernt. Dann, ab 1966, der Holzschnitt. Ab 1977 kamen Linolschnitte dazu. Jede dieser Techniken brachte neue formale Anforderungen mit sich, und Baselitz ließ sich von keiner in eine Richtung drängen.

Das druckgrafische Werkverzeichnis umfasst vier Bände. Die erste Ausgabe erschien 1983 bei Gachnang und Springer und dokumentierte 437 Werke aus den Jahren 1963 bis 1983. Spätere Bände erweiterten den Zeitraum bis in die 2020er Jahre.

Auflagen folgen einem klaren Muster: die meisten Drucke in Serien von 12 bis 40 Exemplaren, manche Serien bis zu 115 Drucken, einige Linolschnitte nur in 6 Exemplaren. Im Frühwerk waren Auflagen von 4 bis 30 üblich. Eine besondere Randnotiz: Die Werner-Mappe von 1964 mit 12 Radierungen wurde nie vollständig ausgedruckt. Fred Jahn, der Werkverzeichnis-Autor, beschrieb es wörtlich: "Da sind die Auflagen nicht einmal ausgedruckt worden. Es sind, glaube ich, nur zwei oder drei komplette Mappen erhalten."

Warum trifft der Baselitz Holzschnitt den Kern?

Der Holzschnitt lässt sich nicht lügen. Man schneidet weg, was weiß bleiben soll. Wer sich verschneidet, druckt den Fehler mit.

Für Baselitz ist das keine Einschränkung, sondern die Bedingung, unter der sein Arbeitsprinzip am reinsten sichtbar wird. Die Inversion verlangt im Holzschnitt absolute Vorentscheidung. Die umgedrehte Figur muss gedacht sein, bevor der erste Schnitt fällt. Das Stemmeisen folgt einer Entscheidung, die nicht mehr zu ändern ist. Dazu kommt eine zweite Verfremdungsebene: Der Druckstock zeigt das spätere Bild seitenverkehrt. Baselitz schneidet also eine Figur, die seitenverkehrt und umgekehrt ist. Zweifach verfremdet, bevor ein einziger Abdruck gezogen wird.

"Großer Kopf" von 1966 ist ein früher Beleg dafür, was das bedeutet. Drei Druckstöcke, ungefähr 20 Impressionen, katalogisiert als Jahn 54 II. Baselitz sagte dazu: "die Beständigkeit in meinem Denken und Arbeiten ist in der Grafik sichtbarer als in der Malerei." 1974 wurde ein Nachdruck gezogen. 2006 erzielte ein Exemplar bei Christie's London £85.000.

Der Expressionismus hatte den Holzschnitt ein halbes Jahrhundert früher wiederentdeckt. Die Brücke-Künstler um Ernst Ludwig Kirchner schätzten seine direkte Qualität: starke Kontraste, archaische Linienführung, nichts was zwischen Künstler und Ausdruck steht. Baselitz wusste das. Er begann nicht beim Holzschnitt, sondern beim Kupfer. Der Weg zum Holz war eine Entscheidung für Radikalität, für ein Verfahren, das keine Ausflüchte erlaubt.

Eine Übersicht der Druckgrafik-Verfahren macht die Unterschiede zwischen den Techniken greifbar.

Elke Baselitz: Wer druckte in Derneburg?

Die meisten Berichte über Baselitz' Druckgrafik erwähnen ihn als alleinigen Akteur. Die Druckbogen sagen etwas anderes.

In Derneburg, wo Baselitz von 1975 bis 2006 lebte und arbeitete, war die Druckwerkstatt im Untergeschoss des Neuen Ateliers eingerichtet. Elke Baselitz, seine Frau, ist in vielen Drucken aus den 1980er Jahren namentlich als Druckerin kreditiert. In den Werkakten des MoMA ist "Frau am Strand" (1981) so verzeichnet: gedruckt von Elke Baselitz, Derneburg, Auflage 50. Das ist keine Fußnote. In der Druckgrafik trägt die Qualität des Abzugs genauso zur Arbeit bei wie die Qualität des Druckstocks. Baselitz schnitt, Elke druckte.

Baselitz selbst experimentierte mit unkonventionellen Materialien. Statt konventioneller Druckfarbe verwendete er gelegentlich Ölfarbe. Manche Drucke wurden danach noch von Hand weiterbearbeitet. Er druckte, dann griff er zum Pinsel. Die Grenze zwischen Druck und Malerei war für ihn eine Arbeitshypothese, keine Regel.

Was sammelte Baselitz und warum?

Baselitz sammelte manieristischen Clair-obscur-Holzschnitt des 16. Jahrhunderts. Eine Technik, die mehrere Druckstöcke für Tonabstufungen nutzt, ohne Linie für Linie zu arbeiten.

Ugo da Carpi nach Parmigianino, Diogenes, ca. 1524-27, Chiaroscuro-Holzschnitt aus vier Druckstöcken. Aus der Sammlung von Georg Baselitz.
Ugo da Carpi (nach Parmigianino), Diogenes, ca. 1524-27. Chiaroscuro-Holzschnitt, vier Druckstöcke. Ein Werk aus Baselitz' Sammlung. Public Domain.

Ugo da Carpi ist ein Kernname in dieser Sammlung. Sein "Diogenes" von ca. 1524-27 wird aus vier Druckstöcken gedruckt: weicher Ton, atmosphärische Tiefen, keine schematischen Konturen. Carpi arbeitete nach Vorlagen von Parmigianino und Raffael. Das Ergebnis war ein Druckverfahren, das Malerei simulierte, indem es Licht und Schatten statt Linie als Hauptmittel einsetzte.

Hendrick Goltzius, Hercules tötet Cacus, 1588, Chiaroscuro-Holzschnitt. Teil der Baselitz-Sammlung.
Hendrick Goltzius, Hercules tötet Cacus, 1588. Chiaroscuro-Holzschnitt. Teil der Baselitz-Sammlung. Public Domain.

Hendrick Goltzius' "Hercules Killing Cacus" von 1588 war ebenfalls Teil dieser Sammlung. 2014 zeigte die Royal Academy of Arts London unter dem Titel "Renaissance Impressions" mehr als 150 seltene Drucke aus den Sammlungen von Georg Baselitz und der Albertina Wien, vom 15. März bis 8. Juni.

Baselitz' eigene Holzschnitte verzichten auf genau das, was Carpi und Goltzius perfektioniert haben: Tonabstufungen, atmosphärische Übergänge, Tiefenwirkung. Was interessiert ihn dann an dieser Sammlung? Beide arbeiteten mit mehreren Druckstöcken, um Raum und Atmosphäre zu erzeugen, ohne das Motiv vollständig auszuformulieren. Was zählt, ist das Weggelassene, nicht das Gezeigte. Vier Jahrhunderte dazwischen, dieselbe Logik.

Wie steht Baselitz im Neo-Expressionismus?

"Neo-Expressionismus" ist ein Schubladenbegriff, wie die meisten Schubladenbegriffe zu eng für das, was er fassen soll. Er beschreibt eine Strömung in der deutschen Malerei der 1970er und 1980er Jahre, die Figuration zurückbrachte, nachdem zwei Jahrzehnte Abstraktion und Konzeptkunst das Feld dominiert hatten. Die Encyclopædia Britannica führt Baselitz als pioneering Neo-Expressionist, oft genannt in einem Atemzug mit Kiefer, Lüpertz und Penck.

Das Etikett passt so weit, wie Etiketten passen: es erklärt die Epoche, nicht den Einzelfall. Baselitz hat von Anfang an betont, dass seine Inversion kein expressiver Akt ist. Die Figur auf dem Kopf ist kein Ausdruck von Leid. Sie steht einfach falsch herum, und wer lange genug hinschaut, sieht zuerst die Formen. Das ist das Gegenteil von Expressionismus als Methode, auch wenn es im selben historischen Moment entstand.

In der zeitgenössischen Kunst gibt es kaum eine andere Position, die über Jahrzehnte hinweg so konsequent einem einzigen formalen Prinzip folgte und dabei ein vollständiges grafisches Oeuvre neben der Malerei aufbaute.

Wie erkennt man ein Baselitz-Original?

Das vierbändige Werkverzeichnis von Fred Jahn ist die primäre Referenz. Jeder dokumentierte Druck trägt eine Jahn-Nummer mit Zustandsbeschreibung. Die handschriftliche Bleistiftsignatur sitzt unten rechts, die Editionsnummer unten links. Drucke aus der Derneburg-Zeit (1975-2006) lassen sich oft zusätzlich über Elke Baselitz als kreditierte Druckerin zuordnen. Die allgemeinen Kriterien zum Originalgrafik erkennen gelten auch hier. Bei Baselitz ist das Feld besonders gut dokumentiert.

Häufige Fragen zu Georg Baselitz

Warum malte Georg Baselitz Bilder auf den Kopf?

Das erste umgedrehte Bild entstand 1969: "Der Wald auf dem Kopf." Baselitz' Erklärung für die Inversion war, dass er Form und Farbe von der erzählenden Funktion des Motivs trennen wollte. Ein Bild auf dem Kopf zeigt zuerst Farbe und Form. Wer die Geschichte dahinter lesen will, muss aktiv nachschauen.

"Es entsteht eine gewisse Irritation beim Betrachten, und die ist gewollt. Wenn man irritiert ist, schaut man genauer hin." Georg Baselitz im Gespräch mit CBS News, 2018. (Original: "There's some sort of irritation, the view of them, and that's intentional. When you're irritated, you pay closer attention.")

Baselitz auf den Kopf bedeutet also: der Betrachter muss selbst entscheiden, was er sieht.

Wie viele druckgrafische Werke hat Baselitz geschaffen?

Seit seinen ersten Radierungen 1963/64 entstanden über 1.000 grafische Werke. Das vierbändige Werkverzeichnis dokumentiert allein die erste Ausgabe von 1983 mit 437 Werken aus den Jahren 1963 bis 1983. Die meisten Drucke erschienen in Auflagen von 12 bis 40 Exemplaren.

Was ist das Besondere an Baselitz' Holzschnitten?

Holzschnitt verlangt absolute Vorentscheidung: Was weggeschnitten ist, bleibt weg. Für Baselitz, der eine auf dem Kopf stehende Figur schnitt, war das doppelt komplex: der Druckstock ist seitenverkehrt und auf dem Kopf zu lesen. Er hat trotzdem geschnitten. Die ersten Holzschnitte entstanden ab 1966. "Großer Kopf" von 1966 ist ein Schlüsselwerk: drei Druckstöcke, ungefähr 20 Impressionen, Auktionsrekord bei Christie's 2006 mit £85.000.

Wann und wo wurde Georg Baselitz geboren?

Georg Baselitz wurde am 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz, Sachsen, als Hans-Georg Bruno Kern geboren. Den Künstlernamen nahm er 1961 nach seinem Geburtsort an. Er starb am 30. April 2026 im Alter von 88 Jahren in Salzburg.

Wo sind Baselitz-Druckgrafiken zu sehen?

Baselitz-Druckgrafiken sind unter anderem in der Sammlung des Museum of Modern Art New York vertreten, weitere Bestände führt die Tate London. Galerien wie Gagosian und Thaddaeus Ropac vertreten sein Werk. Auktionshäuser wie Christie's und Sotheby's führen seine Drucke regelmäßig durch den Markt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Studio International, Rezension "Georg Baselitz: A Life in Print" (KODE Bergen, 2025)
  • Galerie Boisserée, Werkverzeichnis und Auflagenübersicht Georg Baselitz
  • Encyclopædia Britannica, Biografie Georg Baselitz
  • Museum of Modern Art New York, Collection Records (Druckgrafik Georg Baselitz)
  • Fred Jahn/Christian Gachnang, Werkverzeichnis der Druckgrafik (Gachnang & Springer, ab 1983)

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

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