Museum für Druckkunst Leipzig
Das Museum für Druckkunst Leipzig ist ein Werkstattmuseum in der Nonnenstraße 38 im Leipziger Stadtteil Plagwitz. Zur Sammlung gehören rund 100 funktionierende Maschinen und Pressen, und funktionierend heißt hier wörtlich: In der Schriftgießerei werden bis heute Bleibuchstaben gegossen, von Hand oder maschinell. Gegründet wurde das Haus im Jahr 1994.
Seine Art-déco-Fassade bekam das Gebäude 1922/23. Ab 1954 arbeitete darin ein Betrieb mit dem Namen VEB Offizin Andersen Nexö, und erst 1994 zog das Museum selbst ein.
Was ist das Museum für Druckkunst Leipzig eigentlich?
Der Münchner Sammler Eckehart Schumacher-Gebler gründete das Museum für Druckkunst Leipzig 1994 als Werkstattmuseum in der Nonnenstraße 38 in Leipzig-Plagwitz, dem ehemaligen Industrieviertel der Stadt. Getragen wird es inzwischen von einer privaten Stiftung, der Stiftung Werkstattmuseum für Druckkunst Leipzig. Zur Sammlung gehören rund 100 funktionierende Maschinen und Pressen für historische Guss-, Satz- und Drucktechniken, mit dem Schwerpunkt auf dem Hochdruck, zu dem der traditionelle Buchdruck zählt.
Dazu kommen rund 4.000 Schriftarten europäischer und orientalischer Herkunft. Nach eigener Darstellung deckt der Rundgang auf vier Etagen 550 Jahre Druckkultur ab, vorgeführt an funktionsfähigen Maschinen. Das Haus ist Teil der Sächsischen Route der Industriekultur und der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH). Im Atlas der Druckwerkstätten steht das Haus bei den Adressen mit Kursbetrieb.
Auf dem Gehäuse einer Druckmaschine sitzt ein Messingschild: "Condor-Maschine 1963 / restauriert von Auszubildenden der Werkberufsschule Koenig & Bauer / Im Jahr 2011". Das Museum hat einen umfangreichen Bestand an Pressen und Maschinen, und die meisten davon sind einsatzbereit. Als besonders schöne Exemplare nennt es eine Columbia Press von 1842, eine Paragon Press von 1832 und einen Original Heidelberger Tiegel von 1926. An den historischen Druckpressen entsteht vor den Augen der Besucher auch zeitgenössische Druckgrafik.
Freischaffende Künstler können die Einrichtungen des Hauses für ihre Arbeit nutzen. Wie sich solche Zugänge zwischen offener Druckwerkstatt, Fachgesellschaft, Akademie und Kupferstichkabinett unterscheiden, sortiert die Übersicht der Druckgrafik-Institutionen. Gemeinsam mit dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) hat sich das Haus um die Anerkennung künstlerischer Drucktechniken als Kulturerbe beworben, und im März 2018 wurden die Techniken in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Was war in diesem Gebäude, bevor hier ein Museum einzog?
Das Leipziger Bildlexikon datiert das Gebäude auf die Zeit um 1876 und nennt als erste Nutzerin eine Firma für Strickmaschinen. Das Stadtmagazin urbanite verortet diese Fabrik in einem Vorgängerbau und datiert den heutigen vierflügeligen Bau auf 1908. Ab 1921, als die Dr. Karl Meyer GmbH neuer Eigentümer wurde, diente der Komplex beinahe durchgehend als Druckerei- und Verlagshaus. Ein Jahr später eröffnete sie hier Buch- und Kunstverlag, Druckerei und Buchbinderei unter einem Dach. Der Architekt Edgar Röhrig gestaltete 1922/23 die Fassade zur Nonnenstraße um, und was dabei entstand, zählt zu den seltenen Beispielen des Art déco in Leipzig.
Das Unternehmen wurde 1953 zwangsweise in die Offizin Andersen Nexö eingegliedert. Der Betrieb hieß ab 1954 VEB Offizin Andersen Nexö, und zu ihm gehörten mehrere Druckereien in ganz Leipzig. Das Museum für Druckkunst hat sein Zuhause in den ehemaligen Produktions- und Verlagsräumen des Komplexes.
Wie viele Maschinen laufen hier?
Auf der Sammlungsseite des eigenen Webauftritts steht der Satz: "Rund 100 funktionierende Maschinen und Pressen namhafter Hersteller." Auf der Seite Über uns desselben Webauftritts ist von "rund 90 funktionsfähigen Maschinen" die Rede.
Die Sammlungsseite ordnet den Bestand den drei wichtigsten historischen Drucktechniken zu, Hochdruck, Tiefdruck und Flachdruck. Das Leipziger Bildlexikon rechnet für dasselbe Haus den Durchdruck hinzu und kommt so auf die vier Druckprinzipien.
Was hier steht, lässt sich genau benennen. Zur Sammlung gehören eine funktionsfähige Schriftgießerei, eine voll funktionsfähige Werkstatt für Holzstich aus der Zeit um 1900, eine komplett ausgestattete Handbuchbinderei und ein Kabinett zum Musiknotendruck. Dazu kommt eine Präsenzbibliothek mit rund 3.500 Bänden Fachliteratur.
In Vorführungen zeigt das Fachpersonal ein Handgießinstrument und eine Gießmaschine in Betrieb, und daran wird sichtbar, wie aufwändig die Herstellung von Bleilettern gewesen ist. Aus den alten Matrizen lassen sich in der Schriftgießerei jederzeit neue Bleilettern für den Handsatz gießen, mit Maschinen von Foucher aus Paris, von Küstermann und von Berthold aus Berlin. Die Komplettgießmaschinen liefern die Lettern druckfertig.
Die Universal-Komplettgießmaschine "KüCo" von Küstermann & Comp. wurde um 1950 gebaut und läuft im Inventar unter der Nummer MO-44. Der Sammlungsdatensatz notiert dazu Betriebsdaten: Beheizt wird sie mit Gas, die Temperatur regelt sie elektrisch, und als Universal-Gießmaschine kann sie Schriften von 6 bis 72 Punkt gießen.
Wie selten ist Lichtdruck heute noch?
Um 1900 gab es in Deutschland über 200 Lichtdruckereien, deren Zahl ab der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Verbreitung des Offsetdrucks stark zurückging. Das Museum nennt das Verfahren heute äußerst selten und sich selbst einen der wenigen Orte weltweit, an denen es noch ausgeübt wird.
Gedruckt wird von einer Glasplatte, und das Bild sitzt in einer speziellen Gelatineschicht darauf. Belichtet wird die Gelatineschicht mit einem Negativ, das anders als bei den meisten Druckverfahren nicht gerastert ist. Die Chromatsalze in der Gelatine setzen das Negativbild dann in ein Gelatinerelief um. Das "Geheimnis" des Verfahrens ist nach Auskunft des Museums das sehr feine, natürliche Runzelkorn, das die Gelatineschicht dabei bildet.
Maschinen und Geräte der Lichtdruckwerkstatt stammen nach Angaben des Museums aus der Sammlung Schumacher-Gebler. Ende 2013 ging das komplette Ensemble durch eine Zustiftung in die Sammlung des Museums über.
Janine Kittler übernahm 2014 eine Lichtdruckwerkstatt aus DDR-Zeiten, die zum Museum gehört. Das Philosophie Magazin porträtierte sie als "jüngste und nahezu letzte Lichtdruckerin". Die Glasplatten, von denen dabei gedruckt wird, sind schwer.
Es ist ein körperliches Arbeiten. Man wird fast selbst Teil der Maschine. — Janine Kittler
Was hat es mit dem angeblich ersten Lithografiestein der Welt auf sich?
Ein heller Lithografiestein steht aufrecht vor grauem Grund, an den Kanten gewellt. Auf seiner Oberfläche liegen vier Notenzeilen mit Text, links daneben eine kleine Vignette: ein brennendes Haus mit Rauchwolke. Zwei Objektschilder stehen daneben.
Auf dem unteren Objektschild steht: "Lithografiestein und Abzug ... Refrain des Liedes zu 'Der Brand in Neuötting'. Faksimile der vermutlich weltweit ersten Lithografie von Alois Senefelder aus dem Jahr 1797. 2010 (Faksimile)." Der Stein, der hier steht, ist also von 2010.
Dass Noten auf dem Stein stehen, passt zu Senefelders eigener Erinnerung: Ein Stückchen äußerst schlecht gedruckter Musiknoten aus einem alten Gesangbuch brachte ihn auf die Idee, mit seiner neuen Druckart Musikalien "weit schöner als bleierne Lettern" zu liefern.
Welche Rolle spielte Leipzig für den Notendruck?
Der Leipziger Musikverleger J. G. I. Breitkopf entwickelte 1755 ein Notentypensystem für den Hochdruck. Im Kabinett zum Musiknotendruck steht es neben zwei anderen Verfahren, dem Notenstich im Tiefdruck und dem Notendruck mittels Lithografie im Flachdruck.
Wie diese Rolle aussah, zeigt eine Laufbahn. Carl Gottlieb Röder arbeitete zunächst als Bäcker, bevor er ab 1836 beim Musikverlag Breitkopf und Härtel das Notenstich-Handwerk lernte. Ein Notenstecher übertrug Noten, Schlüssel, Linien und Liedtexte durch Einschlagen oder Einstechen auf Metallplatten, die dann als Druckform dienten. Im Oktober 1846 gründete Röder in Leipzig eine eigene Werkstatt zum Stechen und Drucken von Musiknoten.
Eine Firmenbeschreibung von 1893 im Sammelband „Die Groß-Industrie des Königreichs Sachsen in Wort und Bild“ zählt im späteren Betrieb rund 800 Beschäftigte. Von ihnen arbeitete jeder Vierte, etwa 200 Menschen, als Notenstecher, weitere rund 40 arbeiteten als Zeichner und Lithografen. Im Maschinenbestand standen daneben 56 Steindruckschnellpressen und vier Lichtdruckschnellpressen. Mit diesem Umfang, heißt es dort, dürfte die Anstalt "in ihrem jetzigen Umfange wohl die erste Stelle unter den Musikalien-Druckereien der ganzen Welt einnehmen". In der Lichtdruckwerkstatt des Museums sind die letzten technischen Zeugnisse aus der Ära dieses Unternehmens ausgestellt.
Auf seiner Seite zum Musiknotendruck führt das Museum ein "Setzkastenschema für Musiknotensatz" von Julius Klinkhardt, Leipzig, um 1860. Überschrieben ist es in Fraktur mit "Setzkasten für Musik-Noten", darunter steht "Satz der Julius Klinkhardt'schen Buch- und Notendruckerei in Leipzig". Das Blatt zeigt ein Raster aus über zweihundert Fächern, überwiegend mit einem eigenen Notenzeichen und einer Nummer, von Notenköpfen über Balken und Bindebögen bis zu Vorzeichen, Schlüsseln und Pausen. Am Fuß stehen die Maße des Kastens: "Höhe: 0,71 Meter. ... Tiefe der Fächer: 3,5 Centimeter."
Wer entscheidet heute über die Werkstatt?
Direktorin des Museums ist seit dem 1. September 2025 Gunda Luyken. Sie hatte zuvor 15 Jahre lang die Graphische Sammlung im Kunstpalast Düsseldorf geleitet.
Die Trägerschaft übernahm um die Jahrtausendwende die Stiftung Werkstattmuseum für Druckkunst Leipzig. Als Gründerin wird Verena von Mitschke-Collande bei print.de und in einer Pressemitteilung des Unternehmens Giesecke+Devrient genannt. Das Leipziger Bildlexikon nennt daneben das Unternehmen selbst als Mitgründer.
Auf Initiative von Mitschke-Collande entstand 2010 eine weitere Stiftung, die Giesecke+Devrient Stiftung, die das Museum seitdem fördert. Mitschke-Collande erhielt 2019 für ihr Engagement rund um das Museum die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig. Neben der Giesecke+Devrient Stiftung unterstützt auch die Stadt Leipzig die Stiftung des Museums.
Von 2007 an leitete Susanne Richter das Museum, bis sie im Oktober 2022 zum Zweckverband Sächsische Industriemuseen wechselte. In den knapp drei Jahren danach hat die Leitung zweimal gewechselt, zunächst auf Katharina Walter, dann auf Gunda Luyken.
Häufige Fragen
Wo befindet sich das Museum für Druckkunst Leipzig?
Das Museum liegt in der Nonnenstraße 38 in Leipzig-Plagwitz, dem ehemaligen Industrieviertel der Stadt. Die Fassade wurde 1922/23 vom Architekten Edgar Röhrig im Stil des Art déco umgestaltet.
Wie viele Maschinen stehen im Druckkunst-Museum Leipzig?
Das Museum nennt auf seiner Sammlungsseite rund 100 funktionierende Maschinen und Pressen, auf der Seite Über uns dagegen rund 90 funktionsfähige Maschinen. Zu den Maschinen gehören die Gießmaschinen der Schriftgießerei, mit denen aus alten Matrizen jederzeit neue Bleilettern für den Handsatz gegossen werden können.
Was ist an der Lichtdruckwerkstatt des Museums besonders?
Die Maschinen und Geräte dieser Werkstatt entstammen nach Angaben des Museums der Sammlung Schumacher-Gebler, und Ende 2013 wurde das komplette Ensemble per Zustiftung in die Sammlung des Museums für Druckkunst überführt. Das Museum zählt sich zu den wenigen Orten weltweit, an denen das Verfahren noch ausgeübt wird, und nennt es äußerst selten. Als Druckform dient eine Glasplatte mit einer Gelatineschicht, in der das Bild sitzt.
Wer leitet das Museum für Druckkunst Leipzig?
Seit dem 1. September 2025 ist Gunda Luyken Direktorin. Zuvor leitete sie 15 Jahre lang die Graphische Sammlung im Kunstpalast Düsseldorf. Vor ihr führte Katharina Walter das Haus ab Februar 2023, davor Susanne Richter von 2007 bis Oktober 2022.
Kann man im Museum für Druckkunst selbst drucken?
Ja, und nicht nur an einem Termin: Nach dem Programm des Museums öffnet die Offene Werkstatt LETTERPRESS jeden Donnerstag ab 13:30 Uhr. Dazu kommen Kreativkurse rund um Drucken und Schrift, darunter Radierung, Stempelbau und Linolschnitt. Das Fachpersonal erklärt die Maschinen und führt sie vor. Nach der Führung "Ran an den Setzkasten" lässt sich separat ein Workshop in der Setzerei buchen, in dem mit Bleilettern und Winkelhaken eigene Texte entstehen, ab Grundschulalter. Vorschulkinder drucken in einem eigenen Workshop an einfach zu bedienenden Handpressen Postkarten. Für Erwachsene gibt es Führungen und Workshops ab fünf Teilnehmern. Mehrmals im Jahr gibt es außerdem sonntags Familienworkshops, in denen unter anderem kurze Texte im Handsatz entstehen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Museum für Druckkunst Leipzig, Sammlungs-, Werkstatt- und Stiftungsseiten des Museums (Sammlung, Schriftgießerei, Lichtdruck, Musiknotendruck, Vermittlungsangebote, Die Stiftung, Über uns, Impressum; abgerufen September 2026)
- Sächsischer Museumsbund, Museumsporträt Museum für Druckkunst Leipzig (Museumsverzeichnis, abgerufen September 2026)
- museum-digital, Objektdatensatz Universal-Komplettgießmaschine KüCo von Küstermann & Comp. (Inventarnummer MO-44) und Sammlungsseite Lichtdruck des Museums für Druckkunst Leipzig
- Wikisource, zeitgenössische Firmenbeschreibung C. G. Röder, Leipzig, Notenstecherei, Notendruckerei, Lithographie, Steindruckerei, Buchdruckerei, Lichtdruckerei (aus: Die Groß-Industrie des Königreichs Sachsen in Wort und Bild, Zweiter Teil, 1893)
Studio Sonsu
Zuletzt aktualisiert am 12.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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