Barbara Hepworth
Barbara Hepworth (1903–1975) war Bildhauerin. Sie arbeitete ab 1939 in St Ives an der Küste Cornwalls, wurde 1958 zum CBE und 1965 zur Dame Commander ernannt, und eines ihrer bekanntesten öffentlichen Werke steht in keinem Museum: Die Winged Figure hängt seit 1963 an der Seitenwand eines Kaufhauses an der Londoner Oxford Street.
Am Sonntag, dem 21. April 1963, wird an der Seitenwand des John-Lewis-Gebäudes an der Oxford Street in London eine Skulptur enthüllt. Sie ist knapp sechs Meter hoch und aus Aluminium gegossen. Zwei geschwungene Flügel sind durch eine Reihe von Stahlstäben verbunden, die wie Saiten verlaufen und sich fast in einem Punkt kreuzen. Die Figur hängt im offenen Straßenraum. Wer an dieser Ecke einkaufen geht, geht unter ihr vorbei, ohne ein Museum zu betreten und ohne Eintritt zu zahlen. Hepworth selbst hat gesagt, sie wäre sehr glücklich, wenn die Figur den Menschen an der Oxford Street in Regen, Sonnenlicht und Nachtlicht ein Gefühl des Schwebens gäbe ("if the Winged Figure in Oxford Street gives people a sense of being airborne in rain and sunlight and nightlight I will be very happy").
Fünf Jahre vor dieser Enthüllung arbeitete dieselbe Bildhauerin in einer Druckwerkstatt in St Ives. Die Galerie Goldmark schildert die Szene so: Ein Drucker hatte ihr Zinkplatten gegeben, eigens für den Druck aufgeraut, und aus Neugier schliff sie die Oberflächen ab.
Wo lernte eine Bildhauerin aus Wakefield ihr Handwerk?
Geboren wurde Hepworth am 10. Januar 1903 in Wakefield, West Riding of Yorkshire. 1920 und 1921 besuchte sie die Leeds School of Art, wo Henry Moore zu ihren Mitstudenten gehörte. Von 1921 bis 1924 studierte sie Bildhauerei am Royal College of Art in London; das Diplom erhielt sie bereits im Sommer 1923. Mit einem Reisestipendium des West Riding ging sie 1924 nach Italien. 1925 heiratete sie in Florenz den Bildhauer John Skeaping und zog mit ihm nach Rom, wo sie beim Steinbildhauer Giovanni Ardini lernte, Marmor zu behauen.
Mit Henry Moore teilte sie das Ideal "truth to materials": eine Form, die sich zum Teil aus den Eigenschaften des verwendeten Materials ergibt. Hepworth selbst hat das Behauen und Schnitzen dem Modellieren gegenübergestellt: Es interessiere sie mehr, weil es unbegrenzt viele Materialien gebe, aus denen sich Anregung ziehen lasse ("Carving to me is more interesting than modelling, because there is an unlimited variety of materials from which to draw inspiration").
Warum zog Hepworth 1939 nach Cornwall?
Den Ausschlag gab der Krieg: Hepworth und der Maler Ben Nicholson wichen aus London nach St Ives in Cornwall aus. Die beiden waren inzwischen verheiratet und hatten 1934 Drillinge bekommen. Bis 1939 hatte Hepworth in London gearbeitet, seit 1928 in einem Atelier in Hampstead. Am 25. August 1939, kurz vor Kriegsbeginn, kamen die beiden mit den Drillingen an, eingeladen von Adrian Stokes und dessen Frau Margaret Mellis.
Zehn Jahre später kaufte Hepworth das Trewyn Studio mitten im Ort, ab Dezember 1950 wohnte sie dort dauerhaft, bis zu ihrem Tod. Zum Haus gehört ein Garten, in dem ihre Arbeiten bis heute im Freien stehen. Das Anwesen heißt heute Barbara Hepworth Museum and Sculpture Garden.
Was hatte eine Reise nach Griechenland mit einem Verlust zu tun?
Paul Skeaping, Hepworths Sohn aus der Ehe mit John Skeaping, war Pilot der Royal Air Force. Am 13. Februar 1953 starb er in Thailand bei einem Flugzeugabsturz. Zu seinem Gedenken schuf Hepworth für die Kirche von St Ives die Skulptur "Madonna and Child".
Ihre Freundin Margaret Gardiner schlug eine Reise nach Griechenland vor, die das Museum The Hepworth Wakefield als Versuch beschreibt, gegen Hepworths Depression anzuarbeiten. Im August 1954 fuhr Hepworth durch den Peloponnes, die Ägäis und die Kykladen. Der Verlagstext zu Simon Martins Buch "Barbara Hepworth and Greece" überliefert einen Satz von unterwegs: Sie habe dreißig Jahre darauf gewartet, Griechenland zu sehen ("I have waited 30 yrs to see Greece").
Im selben Jahr erhielt sie eine große Lieferung Guarea-Holz aus Nigeria. In den Jahren nach der Reise entstanden viele Werke mit Titeln nach griechischen Orten, zahlreiche davon aus duftendem Guarea-Holz, darunter Corinthos (1954–55). Griechenland kam zuerst in Holz zurück.
Was passierte 1958 in der Druckwerkstatt in St Ives?
Im November 1958 wurde das Curwen Studio eröffnet, und als leitenden Drucker hatte man Stanley Jones aus dem Pariser Atelier Patris geholt. Zum Start gehörte ein Pilotversuch: eine Druckwerkstatt in St Ives. Hepworths erste Lithografie entstand 1958, da war sie Mitte fünfzig.
Nach Goldmarks Darstellung waren die Platten, die sie von Jones bekommen hatte, nach ihrer Schleifarbeit kaum noch zu gebrauchen. Auf Jones' Einwand, damit lasse sich vermutlich nichts anfangen, fragte sie laut Goldmark, ob man es nicht trotzdem versuchen könne ("Might we try anyway?").
Man versuchte es. Goldmark zufolge kamen aus den abgeschliffenen Platten zwei gelungene Drucke, einer davon ein Farbprobedruck.
Zehn Jahre lagen zwischen dem Pilotversuch in St Ives und Jones' nächstem Besuch.
Was brachte Stanley Jones 1968 zurück nach St Ives?
Um 1966 schrieb Herbert Simon, Manager der Curwen Press, an Hepworth und schlug ihr vor, Druckgrafik zu machen. Sein Argument: Drucke würden es Menschen mit bescheidenen Mitteln ermöglichen, etwas von Barbara Hepworth zu besitzen ("people of modest means to own something by Barbara Hepworth"). Ende 1968 fuhr Jones nach St Ives und arbeitete zwei Wochen lang mit Hepworth im oberen Werkstattraum des Trewyn Studios. 1970 kam er wieder. Im Studio sind Materialien aus seiner Zeit dort erhalten geblieben.
Aus dem Aufenthalt Ende 1968 entstand 1969 die Serie "Twelve Lithographs by Barbara Hepworth", darunter das Blatt "Squares and Circles". Nach Angaben der Hepworth Wakefield dominieren in der Serie geometrische Formen: Quadrate, Kreise und sich kreuzende Linien.
Nach der Schilderung der Galerie Goldmark arbeitete Hepworth dabei auf Umdruckbögen, von denen das Motiv auf die Druckplatte übertragen wird. Jones erinnerte sich laut Goldmark später, dass sie dafür sehr früh aufstand, gegen zwei oder drei Uhr morgens.
Wie endete die Reise, die dreißig Jahre auf sich warten ließ?
In den Jahren 1970 und 1971, sechzehn Jahre nach der Fahrt durch die Kykladen, entstand eine Folge von Blättern: begonnen in St Ives, fertiggestellt im Curwen Studio in London. Die Mappe heißt "The Aegean Suite". Sie enthält neun Lithografien, deren Titel vielfach griechische Ortsnamen tragen, darunter Delos, Itea und Olympus. Die Hepworth Wakefield ordnet die geometrischen Formen der Suite antiken griechischen Orten und der griechischen Kultur zu.
Delos hatte Hepworth 1955 schon einmal geformt, als Holzskulptur Oval Sculpture (Delos) aus Guarea. 1971 kehrte der Name als Lithografie wieder.
Die Auflage umfasst 90 nummerierte Exemplare, aufgeteilt in eine Home-Edition von 60 für den britischen Markt und eine Übersee-Edition von 30, dazu fünf Sets Künstlerabzüge. Zwei getrennte Zählungen. Als Auflagenhöhe steht auf der Auflagenkennzeichnung eines einzelnen Blattes deshalb 60 oder 30 statt der Gesamtzahl 90. Gedruckt ist die Suite auf handgeschöpftem Büttenpapier von Barcham Green mit dem Wasserzeichen BH.
Zwischen den Twelve Lithographs und der Aegean Suite wechselte Hepworth das Verfahren: Sie arbeitete im Siebdruck statt in der Lithografie. So entstand die Siebdruck-Folge "Opposing Forms", 1970 verlegt von Marlborough Fine Art. Vom Einzelblatt "Three Forms" aus dieser Folge erschienen 60 nummerierte Abzüge.
Die Hepworth Wakefield nennt die Druckgrafik den vermutlich am wenigsten bekannten Teil von Hepworths Werk. Das Museum plädiert dafür, die Druckgrafik im Zusammenhang mit Skulptur und Zeichnung zu sehen statt als Randthema.
Auch nach der Aegean Suite entstanden noch einzelne Blätter: mehrere späte "Mond"-Drucke mit dem Motiv eines Kreises, den horizontale und vertikale Linien durchschneiden, etwa Moon Play (1972) und Moon Landscape (1973).
Am 20. Mai 1975 starb Hepworth mit 72 Jahren bei einem Brand im Trewyn Studio, in dem sie seit Dezember 1950 gewohnt hatte.
Wem gehört dieses Werk heute?
Das Urheberrecht an ihrem Werk läuft in Großbritannien 70 Jahre über das Ende ihres Todesjahres hinaus, also bis zum 31. Dezember 2045. Die Tate führt die Aegean Suite unter dem Copyright-Vermerk "Barbara Hepworth © Bowness". Bowness ist der Familienname ihrer Tochter Sarah.
Trotz dieses Schutzes erlaubt Paragraf 62 im britischen Copyright, Designs and Patents Act jedem, die Winged Figure an der Oxford Street zu fotografieren. Voraussetzung ist, dass sich das Werk dauerhaft im öffentlichen Raum oder in öffentlich zugänglichen Gebäuden befindet. Für die neun Blätter der Aegean Suite greift dieser Paragraf nicht: Er gilt für Gebäude, Skulpturen, Gebäudemodelle und kunsthandwerkliche Werke, nicht für Arbeiten auf Papier.
Häufige Fragen zu Barbara Hepworth
Was ist die Aegean Suite?
Eine Mappe mit neun Lithografien, die 1970 und 1971 zwischen St Ives und dem Curwen Studio in London entstand. Die Auflage liegt bei 90 nummerierten Exemplaren, 60 davon für den britischen Markt und 30 für Übersee, dazu kommen fünf Sets Künstlerabzüge.
Wo kann man Werke von Barbara Hepworth sehen?
Das Trewyn Studio in St Ives, in dem Hepworth ab 1949 arbeitete und ab Dezember 1950 wohnte, ist heute das Barbara Hepworth Museum and Sculpture Garden. Dort sind Werke von ihr dauerhaft ausgestellt. Die Winged Figure hängt an der Seitenwand des John-Lewis-Gebäudes an der Oxford Street.
Ist Barbara Hepworths Werk gemeinfrei?
Noch nicht. In Großbritannien endet der Urheberrechtsschutz 70 Jahre nach dem Ende ihres Todesjahres, für Hepworth also mit dem 31. Dezember 2045. Erst danach ist ihr Werk gemeinfrei.
Quellen und weiterführende Literatur
- Tate, Künstlereintrag Dame Barbara Hepworth (Biografie, Ehrungen, Trewyn Studio)
- Hepworth Estate (barbarahepworth.org.uk), Biografie, St-Ives-Chronik und Zitatsammlung (Lebensdaten, Winged Figure, Werkstattaufenthalte von Stanley Jones)
- The Hepworth Wakefield, Barbara Hepworth as Print Maker und Greek Diary (Google Arts & Culture), Barbara Hepworth: Graphic Works sowie Sammlungstext zu Winter Solstice
- Victoria and Albert Museum, Sammlungseintrag zur Aegean Suite (Auflage, Künstlerabzüge, Papier)
- Government Art Collection, Objekteintrag zu einem Blatt aus Opposing Forms (Auflagennummer)
- Curwen Print Study Centre, Werkstattgeschichte
- Stanley Jones im Interview mit dem Printmakers Council
- Simon Martin, Barbara Hepworth and Greece (zitiert nach dem Verlagstext von Yale University Press)
- Goldmark Gallery, Barbara Hepworth: Printmaker (Werkstatt-Szenen in St Ives, im Text als Goldmarks Schilderung ausgewiesen)
- Eames Fine Art und Bonhams, Katalogtexte zu Opposing Forms
- UK Government, Copyright, Designs and Patents Act (1988, § 12 Schutzdauer und § 62 Fotografieren öffentlich aufgestellter Skulpturen)
Zuletzt aktualisiert am 11.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
Das Foto der Winged Figure stammt von George Rex und steht auf Wikimedia Commons unter der Lizenz CC BY-SA 2.0.
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