Siebdruck vs. Lithografie: Farbe auf dem Papier oder Farbe im Papier

Siebdruck und Lithografie sind zwei grundverschiedene Druckverfahren. Beim Siebdruck (einem Durchdruckverfahren, auch Serigrafie genannt) passiert die Farbe ein Gewebe und landet als dicke, deckende Schicht auf der Papieroberfläche. Bei der Lithografie (einem Flachdruckverfahren, auch Steindruck genannt) überträgt ein Kalkstein eine hauchdünne Farbschicht, die ins Papier einsinkt.

Legen Sie einen Siebdruck und eine Lithografie nebeneinander auf den Tisch und drehen Sie beide Blätter ins Streiflicht. Beim Siebdruck wirft die Farbschicht einen Schatten. Sie können die Kante der Farbe mit dem Fingernagel ertasten, ein feines Relief, fast wie getrockneter Lack. Bei der Lithografie bleibt die Oberfläche flach. Kein Schatten, kein Relief. Die Farbe ist nicht auf dem Papier, sie ist im Papier. Beim Druck ist sie in die Fasern eingesunken, so dünn, dass der weiße Grund durchschimmert.

Der eine deckt, die andere atmet. Wer Druckgrafik sammelt oder sich zum ersten Mal mit Originalen statt Reproduktionen beschäftigt, steht oft genau vor diesem Vergleich: Siebdruck vs. Lithografie – welche Technik passt?

Wie unterscheiden sich die Druckprozesse?

Siebdruck vs. Lithografie – das ist auch ein Unterschied im Werkzeug: hier ein Gewebe, dort ein Kalkstein. Das Ergebnis hängt davon ab, wie die Farbe aufs Papier kommt: gepresst durch eine Schablone oder übertragen von einer chemisch präparierten Steinoberfläche. Der Prozess bestimmt, wie dick die Farbschicht wird und wie sie sich anfühlt.

Antonia Reber zieht die Rakel über einen Siebdruckrahmen, Farbe wird durch das Sieb auf das Papier gedrückt
Antonia Reber beim Siebdruck: Die Rakel drückt Farbe durch das Sieb. Bildrechte: Antonia Reber.

Beim Siebdruck zieht eine Rakel Farbe über ein gespanntes Gewebe und drückt sie durch die offenen Stellen der Schablone auf das Papier darunter. Nicht-druckende Bereiche sind mit einer lichtgehärteten Fotoemulsion blockiert. Pro Farbe ein eigener Durchgang. Fünf Farben bedeuten fünf Schichten übereinander, jede einzeln getrocknet und exakt positioniert. Die Gesamtschicht wird dicker als bei jedem anderen klassischen Druckverfahren. Warhol nannte den Prozess 1962 "quick and chancy": schnell, dem Zufall überlassen.

Bei der Lithografie zeichnet der Künstler mit fetthaltiger Kreide direkt auf einen Kalkstein. Der Stein wird angefeuchtet, eingefärbt und durch eine Presse gezogen. Die Zeichnung nimmt die Farbe an, die feuchten Bereiche stoßen sie ab. Die Presse überträgt diese hauchdünne Schicht auf das Papier. Kein Schichtaufbau, keine Schablone. Der Stein gibt ab, das Papier nimmt auf. Jim Dine beschrieb das Zeichnen auf Lithosteine als "sensuous physical pleasure", ein sinnliches, körperliches Vergnügen.

Wie unterscheiden sich die Farben?

Beim Siebdruck trifft das Licht auf eine opake Farbfläche und prallt direkt zurück. Die Farbe leuchtet, sie dominiert. Beim lithografischen Druck durchdringt das Licht die dünne Farbschicht, trifft auf die Papierfaser darunter und wird dort gestreut. Das Papier mischt sich optisch ins Bild. Derselbe Blauton wirkt im Siebdruck kühl und satt, in der Lithografie wärmer und heller. Auch Farbmischungen verhalten sich unterschiedlich: Im Siebdruck überlagern sich Farbschichten physisch, die untere Farbe wird von der oberen verdeckt. In der Lithografie mischen sich die Farben optisch im Papier, ähnlich wie bei einem Aquarell.

Stephen Lawlor, Artemis, Lithografie. Weiche Kreidetextur, in die das Papier optisch mit einfließt.
Stephen Lawlor, Artemis, Lithografie. Die hauchdünne Kreidezeichnung sinkt ins Papier ein, der weiße Grund schimmert durch.

Stephen Lawlors Lithografie »Artemis« zeigt genau diesen Effekt: Die Kreidekörnung des Steins überträgt sich aufs Papier, das Licht durchdringt die dünne Schicht, statt von ihr abzuprallen. Das hat praktische Konsequenzen für die Wandplatzierung. In einem Raum mit bodentiefen Fenstern bleibt ein Siebdruck visuell präsent, die dicke Farbschicht hält dem hellen Umfeld stand. Eine Lithografie würde dort optisch zurücktreten. Umgekehrt braucht eine Lithografie weniger Konkurrenz: In einem ruhigen Flur oder neben einer Leselampe zeigt sich die Kreidetextur des Steins, die bei grellem Licht untergehen würde.

Wer das selbst prüfen will, braucht kein Streiflicht. Es reicht, aus zwei Metern Entfernung auf beide Drucke zu schauen. Der Siebdruck behauptet sich gegen den Raum, auch bei hellem Tageslicht. Zur Lithografie muss man hingehen. Besonders bei Blautönen in der Druckgrafik wird dieser Unterschied auffällig, weil Blau je nach Schichtdicke zwischen kühl-grafisch und warm-atmosphärisch kippt.

Georgia Green arbeitet mit beiden Verfahren und bringt den Gegensatz auf den Punkt:

"I am particularly interested in the interplay between modern, mechanised forms of print production and their traditional, hands-on counterparts." – Georgia Green, Druckgrafikerin

Für wen ist was?

Wer großflächige, kräftige Farben will, die sich auch in hellen Räumen behaupten, greift zum Siebdruck. Wer feine Texturen, weiche Verläufe und die Qualität einer Handzeichnung schätzt, wird bei der Lithografie fündig.

Wer einen farbintensiven Wandakzent für ein modernes Wohnzimmer sucht, der auch bei bodentiefen Fenstern und hellem Tageslicht nicht zurücktritt, landet beim Siebdruck. Wer subtile Tonwerte und klassische Motive bevorzugt, etwa eine Kreidezeichnung auf Stein, die in einem ruhigen Flur oder neben der Leselampe ihre Textur entfaltet, findet das in der Lithografie.

Beide Techniken produzieren handsignierte, limitierte Originaldrucke. Die Frage ist nicht, welche besser ist. Die Frage ist, was Sie an der Wand sehen wollen.

Farbpräsenz und große Flächen: Siebdrucke füllen Wandflächen. Die deckenden Farben tragen auch in Räumen mit viel Tageslicht. Ein großformatiger Siebdruck über einem Sofa ist das Erste, was man beim Betreten des Zimmers sieht. Siebdrucke ansehen

Zeichnung und Textur: Lithografien belohnen den zweiten Blick. Die Kreidekörnung des Steins überträgt sich auf das Papier, jeder Strich hat die Qualität einer Handzeichnung. In ruhigeren Räumen, bei Kunstlicht oder in kleineren Formaten spielen Lithografien ihre Stärke aus. Lithografien ansehen

Siebdruck Lithografie
Druckprinzip Durchdruck: Farbe passiert ein Sieb Flachdruck: Fett-Wasser-Abstoßung auf Kalkstein
Material Siebrahmen, Polyester-/Nylongewebe, Rakel Solnhofer Kalkstein, Lithokreide und -tusche
Farbschicht Dick, deckend, tastbar. Farbe auf dem Papier Hauchdünn, transparent. Farbe im Papier
Charakter Flächige Farben, klare Kanten, grafisch Weiche Verläufe, Kreidekörnung, malerisch
Typische Auflage 15–50 20–75
Populär seit Künstlerisch ab 1930er, Durchbruch mit Warhol 1962 Erfunden 1798 von Senefelder in München
Erkennungsmerkmal Farbrelief im Streiflicht, tastbare Schicht Flache Oberfläche, Kreidekörnung unter der Lupe

FAQ

Siebdruck oder Lithografie – was ist wertvoller?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Der Wert hängt vom Künstler, der Auflagenhöhe, dem Zustand und der Nachfrage ab. Siebdrucke bekannter Pop-Art-Künstler erzielen auf Auktionen teils sechsstellige Summen, ebenso Lithografien von Picasso oder Toulouse-Lautrec. Entscheidend ist das einzelne Werk, nicht die Technik.

Kann man Siebdruck und Lithografie nebeneinander hängen?

Ja. Der Kontrast zwischen der deckenden Farbfläche eines Siebdrucks und der transparenten Zeichnungsqualität einer Lithografie kann eine Wand beleben. Achten Sie auf ein verbindendes Element, etwa eine gemeinsame Farbfamilie oder ein ähnliches Format.

Welche Technik eignet sich besser für großformatige Wandbilder?

Siebdruck. Das Verfahren erlaubt große Formate ohne Qualitätsverlust, weil die Farbe gleichmäßig durch das Gewebe gelangt. Lithografien sind durch die Steingröße begrenzt. Wer Farbe will, die einen ganzen Raum trägt, landet beim Siebdruck.

Woran erkennt man, ob ein Druck ein Siebdruck oder eine Lithografie ist?

Drehen Sie den Druck ins Streiflicht. Beim Siebdruck sehen Sie ein leichtes Farbrelief, die Schicht liegt spürbar auf dem Papier. Bei der Lithografie bleibt die Oberfläche flach. Unter der Lupe zeigt eine Lithografie oft die typische Kreidekörnung des Steins. Beim Siebdruck erkennen Sie gleichmäßige Farbflächen mit scharfen Kanten.

Zuletzt aktualisiert am 28.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Tate, Art Terms: Screenprint (Siebdruck-Geschichte, Serigrafie-Begriff, Technik). https://www.tate.org.uk/art/art-terms/s/screenprint
  • Tate, Art Terms: Lithography (Flachdruckverfahren, Kalkstein, Fett-Wasser-Prinzip). https://www.tate.org.uk/art/art-terms/lithography
  • Encyclopaedia Britannica: Alois Senefelder (Erfindung der Lithografie, 1796–1798). https://www.britannica.com/biography/Alois-Senefelder
  • MoMA, Collection Terms: Screenprint. https://www.moma.org/collection/terms/screenprint