Tamarind Institute: zwei Chops und ein Dokumentationsblatt pro Edition

Jede freigegebene Auflage des Tamarind Institute trägt zwei Blindstempel, einen der Werkstatt und einen des Druckers, der sie gezogen hat. Abzüge, die dem freigegebenen Probedruck nicht entsprechen, können vernichtet werden. Getragen wird die Werkstatt seit 1970 vom College of Fine Arts der University of New Mexico in Albuquerque.

Ein frisch gedruckter Abzug liegt auf dem Prüftisch, daneben der Probedruck, den die Künstlerin freigegeben hat. Nur was diesem Vergleich standhält, bekommt die beiden Prägungen: eine für die Werkstatt, eine für den Drucker, der die Auflage gezogen hat. Was nicht standhält, kann vernichtet werden, bevor es überhaupt eine Nummer bekommt.

Ein Zertifikatsprogramm bildet in Albuquerque Drucker aus; regulär läuft es über zwei Semester, 2026/27 pausiert es zugunsten einwöchiger Intensivkurse und kehrt 2027 zurück. 1960 begann alles in Los Angeles.

Wie stand es 1960 um die künstlerische Lithografie in den USA?

Nach der eigenen Geschichtsschreibung des Hauses galt die künstlerische Lithografie in den USA zu diesem Zeitpunkt als eine Praxis am Ende ihrer Kräfte ("was thought to be on its last legs"). June Wayne gründete Tamarind im Sommer 1960 an der Tamarind Avenue in Los Angeles und leitete es als Gründungsdirektorin. Die Werkstatt hieß Tamarind Lithography Workshop und begann mit Unterstützung der Ford Foundation. Das Haus nennt Clinton Adams und Garo Antreasian Mitgründer. Wikipedia führt Adams als Associate Director und Antreasian als Technical Director. In der Dekade bis 1970 belebte die Werkstatt die Lithografie in den USA wieder.

Farblithografie von 1874, Werkstattinnenraum mit vier Arbeitern, einer schleift einen Stein, einer zeichnet an einem aufgestellten Stein mit Frauenkopf, einer steht an einer grünen gusseisernen Handpresse, einer im Hintergrund an einer größeren Maschine
American 19th Century (L. Prang & Co.), "Lithographer", 1874, Farblithografie aus der Reihe "Prang's Aids for Object Teaching". National Gallery of Art, Rosenwald Collection, CC0. Eine amerikanische Lithografie-Anstalt des 19. Jahrhunderts, nicht das Tamarind Institute.

Ihren Ehrgeiz formulierte Wayne im Förderantrag an die Ford Foundation ohne Umschweife: Für eine Erneuerung in einer Kunstform genüge eine Handvoll Menschen ("A handful of people is all that is needed for a renaissance in an art").

Wie amerikanische Lithografie-Werkstätten fast neunzig Jahre vor Wayne arbeiteten, zeigt ein Lehrblatt von 1874. Vier Männer an vier Stationen: einer schleift einen Stein auf dem Holztisch, einer sitzt an einem aufgestellten Stein mit einem Frauenkopf darauf, ein dritter steht an einer grün lackierten gusseisernen Handpresse, ein vierter arbeitet im Hintergrund an einer größeren Maschine.

Getöntes Reklameblatt von Wagner und McGuigan, Philadelphia, mit sechs Vignetten: Fabrikgebäude, ein Zeichner am Stein, ein zweiter am Stehpult, Handpresse, Walzenpresse und unten groß eine dampfgetriebene Presse mit Schwungrad
Reklameblatt der "Steam Lithographic Printing Establishment" von Wagner & McGuigan, Philadelphia. Historisches Gewerbedokument, kein Tamarind-Material.

Dieselbe Technik trug in den USA auch ein Gewerbe. Ein getöntes Reklameblatt aus Philadelphia wirbt für Zeichnungen jeder Art auf Stein und zeigt unten die dampfgetriebene Presse mit ihrem großen Schwungrad.

Die folgenden Blätter aus dem Sortiment sind Lithografien.

Was geschah 1970 mit der Werkstatt?

1970 trat June Wayne als Direktorin zurück. Der Betrieb zog von Los Angeles nach Albuquerque. Dort lief er als Tamarind Institute weiter, als Abteilung des College of Fine Arts der University of New Mexico. Die Leitung übernahm Clinton Adams.

In dieselbe Phase fällt das Lehrbuch: Garo Antreasian und Clinton Adams veröffentlichten 1971 "The Tamarind Book of Lithography: Art and Techniques". Drei Jahre später kam eine eigene Zeitschrift dazu, "The Tamarind Papers".

Was bedeuten die zwei kleinen Stempel am Blattrand?

Der eine Stempel steht für die Werkstatt, der andere für die Person, die die Auflage gezogen hat. Beide werden als Blindprägung ins Papier gedrückt. Die englischsprachige Wikipedia beschreibt den doppelten Chop als Anerkennung der wichtigen Rolle des Druckers.

Der Werkstatt-Chop zeigt nach einem Feature des Fachmagazins Southwest Art von 1997 das alchemistische Zeichen für Stein ("an alchemist's symbol for stone").

Farblithografie-Plakat Moulin Rouge La Goulue von 1891, Tänzerin in weißem Unterrock, davor die braune Silhouette eines Mannes mit Zylinder, unten rechts ein kleiner Drucker-Vermerk
Henri de Toulouse-Lautrec, "Moulin Rouge: La Goulue", 1891, Farblithografie. Unten rechts der gedruckte Drucker-Vermerk "Affiches Americaines CH. LEVY 10 Rue Martel PARIS". Pariser Plakatdruck, kein Tamarind-Material.

Den Drucker auf dem Blatt zu nennen, ist älter als Tamarind. Auf Toulouse-Lautrecs Plakat "Moulin Rouge: La Goulue" von 1891 steht unten links die Signatur des Künstlers, unten rechts klein der Vermerk "Affiches Americaines CH. LEVY 10 Rue Martel PARIS". Dieser Vermerk ist gedruckt, nicht geprägt. Die Prägung kommt erst nach dem Druck ins Papier.

Wie wird aus einem Trainee ein zertifizierter Master Printer?

Bill Lagattuta schloss 1979 sein Drucker-Zertifikatstraining am Tamarind Institute in Albuquerque ab. Ein Feature des Fachmagazins Southwest Art schreibt, dass er sich zum Abschluss sein eigenes Zeichen entwarf, ein laufendes Rentier ("running reindeer"). 1988 kehrte er als Master Printer und Shop Manager zurück und blieb bis zu seinem Ruhestand 2015.

Technische Strichillustration einer gusseisernen lithografischen Andruckpresse von 1839 in Dreiviertelansicht, mit langem Hebelarm, Zahnrad, Handkurbel und flachem Druckbett
Gusseiserne lithografische Andruckpresse von Erasmus Sutter, 1839. Technische Illustration, Vorlage Archiv für Drucktechnik Berlin, gemeinfrei. Keine Aufnahme aus Albuquerque.

Der Einstieg war bis 2026 das Professional Printer Training Program, ein Zertifikatsprogramm über zwei Semester von August bis Mai mit mehr als 60 bis 70 Stunden pro Woche. Für 2026/27 bietet Tamarind einwöchige Intensivkurse an, und das reguläre Programm kehrt 2027 zurück. Zum Programm gehört im Herbstsemester ein Kurs zum praktischen Werkstattbetrieb mit Verwaltung, Marketing und rechtlichen Fragen. Im Frühjahrssemester folgen Kurse zu kollaborativer Lithografie und zur Geschichte der Grafik. Die Association of Print Scholars veröffentlichte Tamarinds Ausschreibung für das Printer Training Program 2024/25. Sie sah eine begrenzte Zahl von Plätzen vor und setzte Vorkenntnisse in Lithografie voraus.

Der MFA in Collaborative Lithography lässt sich in der Regel in drei Jahren abschließen. Voraussetzung für den Beginn der MFA-Kurse ist das erste Jahr des Printer Training Program. Wer das Printer Training Program abgeschlossen hat, kann sich danach für das Master Printer Apprentice Program bewerben.

Neben dem Blatt entsteht bei jeder Edition ein zweites Dokument, das gar kein Bild trägt.

Was gehört eigentlich zu einer Tamarind-Edition dazu?

Nach der Prozessbeschreibung des Hauses zählen zu einer Auflage alle nummerierten Abzüge, die Artist's Proofs und der Bon à Tirer, das Freigabe-Exemplar. Dieses Exemplar gehört nach derselben Definition dem Drucker, nicht der Künstlerin oder dem Künstler. Dazu kommen Archivexemplare, die am University of New Mexico Art Museum verwahrt werden.

Kreidelithografie Selbstbildnis von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1924, Kopf einer älteren Frau im Dreiviertelprofil nach links, gesenkter Blick, grobes Kreidekorn, unten rechts Bleistiftsignatur
Käthe Kollwitz, "Selbstbildnis", 1924, Kreidelithografie. Unten rechts mit Bleistift signiert, darunter die Jahreszahl. Europäische Kreidelithografie, kein Tamarind-Material.

Zu jeder Auflage erstellt das Haus eine vollständige Dokumentation der Fertigungsschritte, unterschrieben von Künstler und Drucker. Herausgegeben wird sie jedem, der danach fragt. Käthe Kollwitz beglaubigte ihr Selbstbildnis 1924 mit zwei Zeilen, dem eigenen Namen in Bleistift und der Jahreszahl darunter. Wo diese knappe Form der Beglaubigung genügte, stellt Tamarind ein eigenes, unterschriebenes Dokument daneben.

Vor einem Blatt mit Prägung im Rand geht es um dieselben Merkmale, die Originalgrafik erkennen durchgeht: Signatur, Nummerierung, Stempel. Das unterschriebene Dokumentationsblatt kommt bei Tamarind als weitere Ebene dazu.

Wie kommt man an Tamarinds Meisterdrucker heran?

Die Hauptwege, am Tamarind Institute Lithografie zu drucken, sind eine Einladung, ein bezahlter Auftrag oder eine Gastkünstler-Residenz. Über das Publishing-Programm erarbeiten jährlich mehrere Künstlerinnen und Künstler eine Edition. Über Contract Printing lässt sich eine Auflage kostenpflichtig in Auftrag geben. Beim dritten Weg, einer zweiwöchigen Gastkünstler-Residenz, arbeiten die Künstlerinnen und Künstler mit studentischen Druckerteams unter enger Aufsicht eines Tamarind Master Printers. Tamarind schrieb solche Residenzen für das Frühjahrssemester 2020 aus. Veröffentlicht hat die Ausschreibung die Association of Print Scholars. Die Blätter daraus sollten den Chop des Druckers und einen neuen Tamarind-Chop tragen, der sie als Auftragsprojekt ausweist.

In der Typologie der Druckgrafik-Institutionen steht daneben ein anderer Haustyp, die offene Mitgliederwerkstatt, etwa Edinburgh Printmakers.

Für Sammlerinnen und Sammler gibt es seit 1981 den Tamarind Collectors Club, dessen Jahresbeitrag 2026 bei 1.000 US-Dollar liegt. Mitglieder bekommen dafür eine exklusive Lithografie. Sie entsteht jährlich in einer Residenz, ein Künstler arbeitet direkt mit Tamarinds Master Printer.

Nach Angaben des Krannert Art Museum der University of Illinois haben seit der Gründung 1960 über 600 Künstlerinnen und Künstler in irgendeiner Funktion am Tamarind Institute gearbeitet.

Studio Sonsu, eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover, führt keine Tamarind-Editionen, sondern Lithografien aus anderen Werkstätten.

Häufige Fragen zum Tamarind Institute

Was ist das Tamarind Institute?

Das Tamarind Institute ist eine Werkstatt für künstlerische Lithografie in Albuquerque, New Mexico, die seit 1970 als Abteilung des College of Fine Arts der University of New Mexico geführt wird. Gegründet wurde sie 1960 von June Wayne als Tamarind Lithography Workshop an der Tamarind Avenue in Los Angeles.

Was bedeuten die Chops auf einem Tamarind-Druck?

Ein Tamarind-Blatt trägt zwei Blindprägungen, eine der Werkstatt und eine des Druckers, der die Auflage gezogen hat. Die englischsprachige Wikipedia beschreibt das als Anerkennung der Rolle des Druckers. Der Werkstatt-Chop zeigt nach einem Feature von Southwest Art von 1997 das alchemistische Zeichen für Stein. Geprägt wird nur, was dem freigegebenen Probedruck entspricht.

Wie wird man Master Printer am Tamarind Institute?

Der Einstieg führte bis 2026 über das Professional Printer Training Program, ein Zertifikatsprogramm über zwei Semester von August bis Mai mit mehr als 60 bis 70 Wochenstunden. Für 2026/27 bietet Tamarind einwöchige Intensivkurse an, und das reguläre Programm kehrt 2027 zurück. Die Association of Print Scholars veröffentlichte Tamarinds Ausschreibung für das Printer Training Program 2024/25. Sie sah eine begrenzte Zahl von Plätzen vor und setzte Vorkenntnisse in Lithografie voraus. Wer das Printer Training Program abgeschlossen hat, kann sich danach für das Master Printer Apprentice Program bewerben.

Kann man das Tamarind Institute besuchen?

Die Galerie an der 2500 Central Avenue SE in Albuquerque ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, bei freiem Eintritt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Tamarind Institute, Seiten zu Geschichte, Prozess, Workshop, Galerie und Kontakt (Gründung 1960, Leitungs-Chronologie, Chop-Vergabe, Dokumentationspflicht, Zugangswege, Adresse und Öffnungszeiten)
  • University of New Mexico, College of Fine Arts, Seite zum Tamarind Institute (Adresse, freier Eintritt, Parkplatz)
  • Tamarind Institute, Timeline der 1970er Jahre (Rücktritt June Waynes, Umzug nach Albuquerque, Publikationen 1971 und 1974)
  • Wikipedia, Tamarind Institute (Rollentitel von Adams und Antreasian, Doppel-Chop)
  • Hyperallergic, Jordan Karney Chaim über June Wayne (Förderantrag, Wiederbelebung der Lithografie zwischen 1960 und 1970)
  • Krannert Art Museum, University of Illinois, Ausstellungstext "Tamarind Institute and the Rebirth of Lithography" (über 600 beteiligte Künstlerinnen und Künstler)
  • Southwest Art, Feature über Chop Marks (alchemistisches Steinzeichen als Werkstatt-Chop, Bill Lagattutas laufendes Rentier)
  • Turchin Center for the Visual Arts, Ausstellungstext zu Bill Lagattuta (Zertifikat 1979, Rückkehr 1988, Ruhestand 2015)
  • Association of Print Scholars, zwei dort veröffentlichte Ausschreibungen Tamarinds zum Printer Training Program und zur Zusammenarbeit mit studentischen Druckern (Jahrgangsgröße, Residenzstruktur, Contract-Chop)
  • Edinburgh Printmakers, Seiten zu Geschichte und Werkstatt (offener Zugang, Jahresmitgliedschaft)
  • Antreasian, Garo Z. und Clinton Adams: The Tamarind Book of Lithography. Art and Techniques, Tamarind Lithography Workshop, 1971

Zuletzt aktualisiert am 11.09.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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