Was kostet ein Kupferstich?
Ein Blatt aus dem Jahr 1504 liegt auf dem Tisch einer Auktion der Galerie Kornfeld in Bern: Albrecht Dürers „Adam und Eva", jede Linie mit dem Grabstichel direkt in blankes Kupfer geschnitten. Dieselbe Handbewegung, ein halbes Jahrtausend später: In einer Werkstatt in Washington sitzt Christopher Madden über einem Porträtstich für das US Bureau of Engraving and Printing. Er führt denselben Grabstichel, nur auf Stahl statt auf Kupfer, monatelang für ein einziges Gesicht, das am Ende in Millionen Geldbörsen landet, ohne dass je ein Käufer dafür einen eigenen Preis bezahlt hätte.
Beide Objekte entstehen aus derselben Handbewegung. Nur eines von beiden hat einen Preis, der sich in einer einzigen Zahl ausdrücken lässt. Warum?
Warum hat der Kupferstich keinen dritten Markt mehr?
Dürers „Adam und Eva" wechselte für 800.000 Schweizer Franken den Besitzer. Das ist der höchste Preis in diesem Artikel, und er steht für ein Blatt, das seit vier Jahrhunderten nur noch den nächsten Käufer sucht, nie den ersten. Als Künstlertechnik dominierte der Kupferstich die europäische Druckgrafik bis ins 17. Jahrhundert, mit einer eigenen Materialphysik: Eine gut gearbeitete Platte hielt über 500 Abzüge, deutlich mehr als eine Radierplatte, ein Unterschied, den Kupferstich ausführlicher erklärt. Im 18. Jahrhundert war er trotzdem nicht mehr die dominante Technik Europas: Die Radierung hatte ihn abgelöst; warum so viele Künstler zur säurebasierten Technik wechselten, zeigt Radierung vs. Kupferstich. Radierungen und Lithografien haben bis heute ein drittes, lebendiges Marktsegment: Werke, die aktuell in einer Werkstatt entstehen und zum ersten Mal verkauft werden, nicht auf einer Auktion, wie der Preis einer Radierung an heutigen Beispielen vorrechnet. Dem Kupferstich fehlt ein vergleichbares Galerie- und Erstverkaufs-Segment mit bezifferbaren Gegenwartspreisen, wie es Radierung und Lithografie haben.
Was von ihm bleibt, sind zwei entkoppelte Pole: der Alte-Meister-Auktionsmarkt für die historischen Blätter und, kaum sichtbar, ein Sicherheitsdruck-Markt, in dem einzelne Grabstichel-Spezialisten bis heute für Notenbanken und Postverwaltungen arbeiten, aber für keine einzige Galerie.
Wie fein der Grabstichel führen konnte, zeigt Dürers „Ritter, Tod und Teufel" von 1513.
Innerhalb dieses einen Pols bleibt die Preisspanne für ein einzelnes Blatt trotzdem riesig: Zwischen den 800.000 Franken für Dürers Meisterwerk und deutlich bescheideneren Summen für andere Blätter derselben Epoche liegt noch viel Raum. Was diesen Unterschied ausmacht, ist die nächste Frage.
Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Das Grid zeigt trotzdem verwandte Arbeit: zeitgenössische Radierungen, auf derselben Kupferplatte entstanden, nur mit Säure statt mit dem Stichel gezogen.
Was macht einen einzelnen Kupferstich zum 800.000-Franken-Objekt?
Zwei Dinge bestimmen den Preis eines einzelnen Kupferstichs: Der Name des Künstlers setzt die Größenordnung, und innerhalb dieser Größenordnung entscheidet der genaue Erhaltungszustand der Platte im Moment des Abzugs. Der Kornfeld-Katalog beschreibt Albrecht Dürers 1504 entstandenes „Adam und Eva" als „Prachtvoller Druck des höchst seltenen II. Zustandes vor dem Rindenspalt unter dem linken Arm des Adam". Diese eine Formulierung, ein früher Plattenzustand vor einem winzigen Materialschaden, hebt das Blatt an die Spitze dessen, was ein Dürer-Kupferstich überhaupt erzielt.
Ein anderer Kupferstich derselben Epoche zeigt, was am unteren Ende dieses Zustandsspektrums passiert. Israhel van Meckenems „The Angry Wife" (um 1500) kam 2017 bei Sotheby's als Los 26 der Auktion „Prints & Multiples" zum Aufruf, geschätzt auf 5.000 bis 7.000 Pfund. Der Katalogeintrag zeigt Abnutzungsspuren in den dicht schraffierten Bereichen, dazu fehlt laut Zustandsbericht der schmale Papierstreifen, der einmal das Monogramm des Künstlers trug. Der Namensunterschied erklärt den größten Teil des Preisabstands zu Dürer: van Meckenem gehört zwar zur selben Generation wie Dürer und Schongauer; sein Blatt bewegt sich trotzdem im mittleren vierstelligen statt im sechsstelligen Bereich. Zustand wirkt dagegen innerhalb eines einzigen Werks: Dürers Blatt ist ein früher, makelloser Abzug im höchst seltenen II. Zustand vor dem Rindenspalt, der seinen eigenen Aufpreis trägt; van Meckenems Blatt liegt umgekehrt am unteren Ende seiner Preisspanne, mit denselben Abnutzungsspuren in den dicht schraffierten Bereichen.
Zustand erklärt, warum ein einzelnes Blatt so viel kostet. Er erklärt noch nicht, warum vier Blätter desselben Meisters an einem einzigen Nachmittag um ein Vielfaches auseinanderliegen.
Warum schwankt der Preis für denselben Kupferstich-Meister um das 35-Fache?
Bei der Bassenge-Auktion 122, betitelt „Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts", kamen im selben Verkaufstermin vier Kupferstiche von Martin Schongauer unter den Hammer. „Die Schlacht des heiligen Jakobus des Älteren bei Clavijo" (Los 5210) erzielte 35.000 Euro. „Der Evangelist Johannes auf Patmos" (Los 5211) erzielte 5.625 Euro. „Die dritte der klugen Jungfrauen" (Los 5212) erzielte 3.750 Euro. „Die zweite der klugen Jungfrauen" (Los 5695) erzielte 1.000 Euro. Zwischen dem teuersten und dem günstigsten dieser vier Blätter liegt der Faktor 35, an einem einzigen Nachmittag, vom selben Meister, aus derselben Werkstatt.
Darüber liegt ein deutlich stabileres mittleres Preisband. Weitere Schongauer-Kupferstiche aus den Bassenge-Auktionen 120 bis 124 bewegen sich zwischen 3.000 und 5.000 Euro, etwa „Christus vor Pilatus" (Los 5251, Auktion 120) für 4.000 Euro. Dort landen die meisten „normalen" Schongauer-Motive, weit weg von der 35.000-Euro-Ausnahme nach oben und ebenso weit weg von der 1.000-Euro-Ausnahme nach unten.
Schongauers „Der heilige Antonius, von Dämonen gepeinigt" (um 1470) zeigt die Liniendisziplin hinter diesen Preisen.
Für jemanden ohne Alte-Meister-Etat liegt die reale Einstiegsschwelle trotzdem niedriger, als man vermuten würde: „Die zweite der klugen Jungfrauen" (Los 5695), ein echter Original-Kupferstich aus dem 15. Jahrhundert, aus derselben Werkstatt wie die sechsstelligen Dürer-Rekorde, kostete 1.000 Euro. Was den Preis eines einzelnen Blatts formt, Papier, Technik, Auflage, Signatur, ordnet Druckgrafik Preise verstehen in genau diesem Vier-Faktoren-Raster technikübergreifend ein.
Diese Preise gelten für Blätter, die längst ihren Markt gefunden haben. Für ein Handwerk, das bis heute praktiziert wird, muss man den Auktionssaal komplett verlassen.
Was kostet ein Kupferstich, der nie zum Verkauf steht?
In Washington arbeitete Christopher Madden als einer von nur drei Meistergraveuren beim US Bureau of Engraving and Printing. Seine zehnjährige Lehre begann 1988; er ist der letzte, der diese zehnjährige Lehre komplett durchlief. Ein einzelnes Porträt braucht rund fünf Monate Gravurarbeit. Beim Gravieren in Stahl gibt es, anders als bei der Radierung, keinen Ätzgrund und keine zweite Chance: Jede Linie, die der Stichel einmal aus dem Metall hebt, bleibt so, wie sie entstanden ist. Madden selbst beschreibt die Arbeit als das zeitaufwendigste und schwierigste grafische Verfahren der Welt ("It's the most time-consuming and difficult graphic process in the world.").
Madden ist kein Einzelfall: Czesław Słania war seit 1972 Königlicher Hofgraveur Schwedens und gravierte, ebenfalls mit dem Grabstichel, über eine Karriere von mehr als 50 Jahren über 1.000 Briefmarken, eine davon die größte je herausgegebene gravierte Briefmarke überhaupt.
Weder Maddens Porträt noch Słanias Marken haben einen Stückpreis. Ein Geldschein-Porträt wird gedruckt, nicht verkauft; sein Preis ist keine Zahl, sondern eine Ausbildung: zehn Jahre Lehrzeit statt eines Zuschlagspreises. Für Massenauflagen entwickelte Jacob Perkins ab 1792 den Stahlstich, der im Sicherheitsdruck an die Stelle des Kupferstichs trat; Maddens Arbeit mit dem Grabstichel auf Stahl steht in direkter Linie dieser Entwicklung.
Ein Porträt wie dieses wechselt nie den Besitzer über eine Auktion. Was es dagegen kostet, einen alten Kupferstich zu besitzen, der das noch tut, hängt nicht am Handwerk, sondern am Finanzamt.
Was zahlt man an Steuer, wenn ein alter Kupferstich den Besitzer wechselt?
Wer einen historischen Kupferstich über ein Auktionshaus oder einen Kunsthändler kauft, zahlt in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen nicht die volle Umsatzsteuer auf den Kaufpreis. Nach §25a UStG kann bei Kunstgegenständen, Sammlungsstücken und Antiquitäten im Wiederverkauf die Differenzbesteuerung angewendet werden, wenn der Händler das Blatt ohne ausgewiesene Vorsteuer erworben hat, etwa von privat: Umsatzsteuer fällt dann nur auf die Handelsspanne an, den Unterschied zwischen Ein- und Verkaufspreis des Händlers, nicht auf den vollen Betrag. „Antiquität" ist dabei kein Gefühl, sondern eine Zahl: Ein Gegenstand gilt in diesem Sinn als Antiquität, wenn er älter als 100 Jahre ist. Ein Kupferstich aus dem 15. oder 16. Jahrhundert wie Schongauers Auktionsblätter erfüllt diese Grenze um Jahrhunderte.
Das betrifft den Wiederverkauf durch Auktionshäuser und Kunsthändler, nicht den Ersterwerb eines neu entstandenen Werks bei einer Galerie wie Studio Sonsu, die nach der regulären Umsatzbesteuerung arbeitet. Ob ein Blatt als Original gilt, entscheidet die Urheberschaft der Druckform selbst, nicht Signatur oder Auflagenhöhe, eine Unterscheidung, die Original vs. Kunstdruck durchzieht. Wer ein Werk im geschäftlichen Kontext kauft, kann es unter bestimmten Voraussetzungen als Betriebsausgabe geltend machen, wie Kunst steuerlich absetzen einordnet.
Die zwei Objekte vom Anfang lassen sich jetzt nebeneinanderlegen, nicht mehr nur gleichzeitig gedacht, sondern eingeordnet. Dürers Blatt liegt heute in einer Sammlung oder einem Auktionsarchiv, mit Zuschlagsprotokoll, Zustandsbeschreibung und einer Kette von Vorbesitzern, die sich bis 1504 zurückverfolgen lässt. Maddens Porträt zirkuliert unterdessen in Millionen Geldbörsen, ohne dass irgendwo ein Kaufpreis dafür verzeichnet wäre. Beide Objekte sind aus derselben Handbewegung entstanden. Nur eines von beiden gehört zu einem Markt mit Auktionshaus, Katalog und Wiederverkauf. Das andere existiert in einem Markt, in dem nie ein Käufer einen eigenen Preis zahlt und nie ein Zweitverkauf folgt.
Was kostet ein Kupferstich bei Studio Sonsu?
Keinen, weil wir keine im Programm haben. Kupferstich als eigenständiges Sammelgebiet lebt heute fast nur im Alte-Meister-Auktionshandel, nicht im Programm einer zeitgenössischen Galerie. Wer dieselbe Materialbasis sucht, Kupferplatte, feine Linienführung, findet sie im Sortiment als Radierung.
Wie viel kostet ein echter historischer Kupferstich mindestens?
Rund 1.000 Euro, wie ein aktuelles Bassenge-Ergebnis für ein Nebenmotiv aus dem 15. Jahrhundert zeigt, deutlich unterhalb der sechsstelligen Preise für die bekannten Hauptwerke derselben Epoche.
Wovon hängt der Kupferstich-Wert bei historischen Blättern ab?
Am stärksten vom Plattenzustand zum Zeitpunkt des Abzugs. Ein Abzug aus einer frühen Phase der Platte, vor dem Verschleiß feiner Linien, kann ein Vielfaches eines späteren Abzugs desselben Motivs erzielen, selbst innerhalb derselben Auflage.
Wird der Kupferstich heute noch praktiziert?
Ja, aber nicht als Kunstmarkt-Technik. Banknoten- und Briefmarkengraveure arbeiten bis heute mit dem Grabstichel, meist in Stahl statt Kupfer, in einer Handvoll Werkstätten weltweit, ohne dass Sammler ihre Arbeit einzeln erwerben könnten.
Welche Steuer fällt beim Kauf eines alten Kupferstichs an?
Unter bestimmten Voraussetzungen die Differenzbesteuerung nach §25a UStG statt der vollen Umsatzsteuer: Sie greift, wenn der Händler das Blatt ohne ausgewiesene Vorsteuer erworben hat, etwa von privat. Besteuert wird dann nur die Handelsspanne des Händlers, nicht der komplette Kaufpreis, sofern das Blatt zusätzlich als Antiquität (älter als 100 Jahre) oder Kunstgegenstand eingestuft ist.
Quellen und weiterführende Literatur
- Galerie Kornfeld, Bern, Auktionsergebnis Albrecht Dürer „Adam und Eva" (1504)
- Gurney Journey Blog, „Banknote Engraver" (Oktober 2012)
- The E-Sylum (American Numismatic Bibliomania Society), Interview mit Christopher Madden
- Sotheby's, „Prints & Multiples", Los 26, Israhel van Meckenem „The Angry Wife" (2017)
- Bassenge Berlin, Auktionsarchiv Martin Schongauer, Auktionen 120 bis 124
- Wikipedia, Czesław Słania; Australia Post Collectables, Werksbiografie Czesław Słania
- Haufe, Differenzbesteuerung Antiquitäten und Kunstgegenstände (§25a UStG)
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlerinnen und Künstlern, kuratiert statt eingekauft. Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de