Was kostet ein Kupferstich?

Ein Blatt aus dem Jahr 1504 liegt auf dem Tisch einer Auktion der Galerie Kornfeld in Bern: Albrecht Dürers „Adam und Eva", jede Linie mit dem Grabstichel direkt in blankes Kupfer geschnitten. Dieselbe Handbewegung, ein halbes Jahrtausend später: In einer Werkstatt in Washington sitzt Christopher Madden über einem Porträtstich für das US Bureau of Engraving and Printing. Er führt denselben Grabstichel, nur auf Stahl statt auf Kupfer, monatelang für ein einziges Gesicht, das am Ende in Millionen Geldbörsen landet, ohne dass je ein Käufer dafür einen eigenen Preis bezahlt hätte.

Beide Objekte entstehen aus derselben Handbewegung. Nur eines von beiden hat einen Preis, der sich in einer einzigen Zahl ausdrücken lässt. Warum?

Warum hat der Kupferstich keinen dritten Markt mehr?

Dürers „Adam und Eva" wurde am 17. September 2021 bei Kornfeld in Bern für 800.000 Schweizer Franken zugeschlagen, Aufgeld nicht eingerechnet. Das ist der höchste Preis in diesem Artikel, und er steht für ein Blatt, das seit mehr als fünf Jahrhunderten nur noch den nächsten Käufer sucht, nie den ersten. Die große Zeit des Kupferstichs als Künstlertechnik lag zwischen etwa 1470 und 1530, mit Schongauer, Dürer und Lucas van Leyden. Seine Materialphysik ist eigen: Eine sauber gearbeitete Platte liefert rund 200 Abzüge bester und danach noch 300 bis 400 in guter Qualität, ein Unterschied zur Radierplatte, den Kupferstich ausführlicher erklärt. Danach verlor der Stich an Boden gegen die Radierung, die für Künstler leichter zu erlernen war; das 17. Jahrhundert wurde das große Zeitalter der Radierung. Warum so viele Künstler zur säurebasierten Technik wechselten, zeigt Radierung vs. Kupferstich. Radierungen und Lithografien haben bis heute ein drittes, lebendiges Marktsegment: Werke, die aktuell in einer Werkstatt entstehen und zum ersten Mal verkauft werden, nicht auf einer Auktion, wie der Preis einer Radierung an heutigen Beispielen vorrechnet. Dem Kupferstich fehlt ein vergleichbares Galerie- und Erstverkaufs-Segment mit bezifferbaren Gegenwartspreisen, wie es Radierung und Lithografie haben.

Was von ihm bleibt, sind zwei entkoppelte Pole: der Alte-Meister-Auktionsmarkt für die historischen Blätter und, kaum sichtbar, ein Sicherheitsdruck-Markt, in dem einzelne Grabstichel-Spezialisten bis heute für Notenbanken und Postverwaltungen arbeiten, aber für keine einzige Galerie.

Wie fein der Grabstichel führen konnte, zeigt Dürers „Ritter, Tod und Teufel" von 1513.

Albrecht Dürer, Ritter, Tod und Teufel, 1513, Kupferstich: geharnischter Ritter zu Pferd, begleitet von Tod mit Stundenglas und dem Teufel.
Albrecht Dürer, Ritter, Tod und Teufel, 1513. Kupferstich. Public Domain.

Innerhalb dieses einen Pols bleibt die Preisspanne für ein einzelnes Blatt trotzdem riesig: Zwischen den 800.000 Franken für Dürers Meisterwerk und deutlich bescheideneren Summen für andere Blätter derselben Epoche liegt noch viel Raum. Was diesen Unterschied ausmacht, ist die nächste Frage.

Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Das Grid zeigt trotzdem verwandte Arbeit: zeitgenössische Radierungen, auf derselben Kupferplatte entstanden, nur mit Säure statt mit dem Stichel gezogen.

Was macht einen einzelnen Kupferstich zum 800.000-Franken-Objekt?

Zwei Dinge bestimmen den Preis eines einzelnen Kupferstichs: Der Name des Künstlers setzt die Größenordnung, und innerhalb dieser Größenordnung entscheidet der genaue Erhaltungszustand der Platte im Moment des Abzugs. Der Kornfeld-Katalog beschreibt Albrecht Dürers 1504 entstandenes „Adam und Eva" als „Prachtvoller Druck des höchst seltenen II. Zustandes vor dem Rindenspalt unter dem linken Arm des Adam". Diese eine Formulierung, ein früher Plattenzustand vor einem winzigen Materialschaden, brachte den Zuschlag auf das Doppelte der Kornfeld-Schätzung von 400.000 Franken.

Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504, Kupferstich: Adam und Eva am Baum der Erkenntnis mit der Schlange, umgeben von Tieren.
Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504. Kupferstich. Public Domain.

Ein anderer Kupferstich derselben Epoche zeigt, was am unteren Ende dieses Zustandsspektrums passiert. Israhel van Meckenems „The Angry Wife" (um 1500) kam 2017 bei Sotheby's als Los 26 der Auktion „Prints & Multiples" zum Aufruf, geschätzt auf 5.000 bis 7.000 Pfund. Der Katalogeintrag zeigt Abnutzungsspuren in den dicht schraffierten Bereichen, dazu fehlt laut Zustandsbericht der schmale Papierstreifen, der einmal das Monogramm des Künstlers trug. Der Namensunterschied erklärt den größten Teil des Preisabstands zu Dürer: van Meckenem war ein Zeitgenosse Schongauers und der produktivste Kupferstecher des 15. Jahrhunderts; sein Blatt wurde trotzdem auf einen mittleren vierstelligen Pfundbetrag geschätzt, nicht auf einen sechsstelligen. Zustand wirkt dagegen innerhalb eines einzigen Werks: Dürers Blatt ist laut Kornfeld ein Abzug im höchst seltenen II. Zustand vor dem Rindenspalt, einwandfrei erhalten und in dieser Druckqualität von extremer Seltenheit; van Meckenems Blatt zeigt laut Sotheby's Abnutzungsspuren in den dicht schraffierten Bereichen.

Zustand erklärt, warum ein einzelnes Blatt so viel kostet. Er erklärt noch nicht, warum vier Blätter desselben Meisters in derselben Auktion um ein Vielfaches auseinanderliegen.

Warum schwankt der Preis für denselben Kupferstich-Meister um das 35-Fache?

Bei der Bassenge-Auktion 122 am 29. November 2023, betitelt „Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts", kamen vier Kupferstiche von Martin Schongauer unter den Hammer. Die Ergebnisse inklusive Aufgeld laut Bassenge-Losseiten: „Die Schlacht von St. Jakobus dem Älteren bei Clavijo" (Los 5210) 35.000 Euro. „Der Evangelist Johannes auf Patmos" (Los 5211) 5.625 Euro. „Die dritte der klugen Jungfrauen" (Los 5212) 3.750 Euro. „Die zweite der klugen Jungfrauen" (Los 5695) 1.000 Euro. Zwischen dem teuersten und dem günstigsten dieser vier Blätter liegt der Faktor 35, am selben Auktionstag, vom selben Meister, aus derselben Werkstatt.

Darüber liegt ein deutlich stabileres mittleres Preisband. Weitere Schongauer-Kupferstiche aus den Bassenge-Auktionen 120 bis 124 liegen laut Bassenge-Künstlerindex meist im niedrigen bis mittleren vierstelligen Bereich, etwa „Christus vor Pilatus" (Los 5251, Auktion 120 am 7. Juni 2023) mit 4.000 Euro inklusive Aufgeld laut Losseite. Dort landen die meisten „normalen" Schongauer-Motive, weit weg von der 35.000-Euro-Ausnahme nach oben und ebenso weit weg von der 1.000-Euro-Ausnahme nach unten.

Schongauers „Der heilige Antonius, von Dämonen gepeinigt" (um 1470) zeigt die Liniendisziplin hinter diesen Preisen.

Martin Schongauer, Der heilige Antonius von Dämonen gepeinigt, um 1470, Kupferstich: der heilige Antonius wird von geflügelten Dämonen emporgehoben.
Martin Schongauer, Der heilige Antonius, von Dämonen gepeinigt, um 1470. Kupferstich. Public Domain.

Für jemanden ohne Alte-Meister-Etat liegt die reale Einstiegsschwelle trotzdem niedriger, als man vermuten würde: „Die zweite der klugen Jungfrauen" (Los 5695), ein echter Original-Kupferstich aus dem 15. Jahrhundert, aus derselben Epoche wie Dürers sechsstelliger Rekord, kostete 1.000 Euro inklusive Aufgeld. Was den Preis eines einzelnen Blatts formt, Papier, Technik, Auflage, Signatur, ordnet Druckgrafik Preise verstehen in genau diesem Vier-Faktoren-Raster technikübergreifend ein.

Diese Preise gelten für Blätter, die längst ihren Markt gefunden haben. Für ein Handwerk, das bis heute praktiziert wird, muss man den Auktionssaal komplett verlassen.

Was kostet ein Kupferstich, der nie zum Verkauf steht?

In Washington arbeitete Christopher Madden als Banknotengraveur beim US Bureau of Engraving and Printing. Seine zehnjährige Lehre begann 1988, als letzter Lehrling dieses Programms, so der Christian Science Monitor 2006. Ein einzelnes Porträt braucht Monate Gravurarbeit; der Illustrator James Gurney, der Madden 2012 in seiner Werkstatt besuchte, nennt rund fünf Monate pro Gesicht und zählte dort drei Meistergraveure und drei Lehrlinge. Beim Gravieren in Stahl gibt es, anders als bei der Radierung, keinen Ätzgrund und keine zweite Chance: Jede Linie, die der Stichel einmal aus dem Metall hebt, bleibt so, wie sie entstanden ist. Madden selbst beschreibt die Arbeit gegenüber Gurney als das zeitaufwendigste und schwierigste grafische Verfahren der Welt ("It's the most time-consuming and difficult graphic process in the world.").

Madden ist kein Einzelfall: Czesław Słania war seit 1972 Königlicher Hofgraveur Schwedens und gravierte, ebenfalls mit dem Grabstichel, über eine Karriere von mehr als 50 Jahren über 1.000 Briefmarken, eine davon die größte je herausgegebene gravierte Briefmarke überhaupt.

Weder Maddens Porträt noch Słanias Marken haben einen Stückpreis. Ein Geldschein-Porträt wird gedruckt, nicht verkauft; sein Preis ist keine Zahl, sondern eine Ausbildung: zehn Jahre Lehrzeit statt eines Zuschlagspreises. Für den Banknotendruck entwickelte der Amerikaner Jacob Perkins den Stahlstich, der im Sicherheitsdruck an die Stelle des Kupferstichs trat; Maddens Arbeit mit dem Grabstichel auf Stahl steht in direkter Linie dieser Entwicklung.

Ein Porträt wie dieses wechselt nie den Besitzer über eine Auktion. Was es dagegen kostet, einen alten Kupferstich zu besitzen, der das noch tut, hängt nicht am Handwerk, sondern am Finanzamt.

Was zahlt man an Steuer, wenn ein alter Kupferstich den Besitzer wechselt?

Wer einen historischen Kupferstich über ein Auktionshaus oder einen Kunsthändler kauft, zahlt in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen nicht die volle Umsatzsteuer auf den Kaufpreis. Nach §25a UStG kann bei Kunstgegenständen, Sammlungsstücken und Antiquitäten im Wiederverkauf die Differenzbesteuerung angewendet werden, wenn der Händler das Blatt ohne ausgewiesene Vorsteuer erworben hat, etwa von privat: Umsatzsteuer fällt dann nur auf die Handelsspanne an, den Unterschied zwischen Ein- und Verkaufspreis des Händlers, nicht auf den vollen Betrag. Ein alter Kupferstich zählt dabei umsatzsteuerlich zu den Kunstgegenständen: Anlage 2 Nr. 53 des Umsatzsteuergesetzes nennt ausdrücklich Originalstiche, -schnitte und -steindrucke. „Antiquität" ist in dieser Regel ein eigener Begriff für andere Gegenstände, die älter als 100 Jahre sind; Schongauers Auktionsblätter fallen als Originalstiche unter die Kunstgegenstände.

Das betrifft den Wiederverkauf durch Auktionshäuser und Kunsthändler, nicht den Ersterwerb eines neu entstandenen Werks bei einer Galerie wie Studio Sonsu, die nach der regulären Umsatzbesteuerung arbeitet. Ob ein Blatt als Original gilt, entscheidet die Urheberschaft der Druckform selbst, nicht Signatur oder Auflagenhöhe, eine Unterscheidung, die Original vs. Kunstdruck durchzieht. Wer ein Werk im geschäftlichen Kontext kauft, kann es unter bestimmten Voraussetzungen als Betriebsausgabe geltend machen, wie Kunst steuerlich absetzen einordnet.

Die zwei Objekte vom Anfang lassen sich jetzt nebeneinanderlegen, nicht mehr nur gleichzeitig gedacht, sondern eingeordnet. Dürers Blatt ging 2021 an einen neuen Besitzer, mit Zuschlagsprotokoll, Zustandsbeschreibung und einer Provenienz, die Kornfeld bis zur Sammlung Liphart und deren Versteigerung bei Boerner in Leipzig 1876 zurückverfolgt. Maddens Porträt zirkuliert unterdessen in Millionen Geldbörsen, ohne dass irgendwo ein Kaufpreis dafür verzeichnet wäre. Beide Objekte sind aus derselben Handbewegung entstanden. Nur eines von beiden gehört zu einem Markt mit Auktionshaus, Katalog und Wiederverkauf. Das andere existiert in einem Markt, in dem nie ein Käufer einen eigenen Preis zahlt und nie ein Zweitverkauf folgt.

Was kostet ein Kupferstich bei Studio Sonsu?

Keinen, weil wir keine im Programm haben. Kupferstich als eigenständiges Sammelgebiet lebt heute fast nur im Alte-Meister-Auktionshandel, nicht im Programm einer zeitgenössischen Galerie. Wer dieselbe Materialbasis sucht, Kupferplatte, feine Linienführung, findet sie im Sortiment als Radierung.

Wie viel kostet ein echter historischer Kupferstich mindestens?

Rund 1.000 Euro, wie ein Bassenge-Ergebnis von 2023 für ein Nebenmotiv aus dem 15. Jahrhundert zeigt, deutlich unterhalb der sechsstelligen Preise für die bekannten Hauptwerke derselben Epoche.

Wovon hängt der Kupferstich-Wert bei historischen Blättern ab?

Am stärksten vom Plattenzustand zum Zeitpunkt des Abzugs. Ein Abzug aus einer frühen Phase der Platte, vor dem Verschleiß feiner Linien, kann ein Vielfaches eines späteren Abzugs desselben Motivs erzielen, selbst innerhalb derselben Auflage.

Wird der Kupferstich heute noch praktiziert?

Ja, aber nicht als Kunstmarkt-Technik. Banknoten- und Briefmarkengraveure arbeiten bis heute mit dem Grabstichel, meist in Stahl statt Kupfer, in wenigen Werkstätten weltweit, ohne dass Sammler ihre Arbeit einzeln erwerben könnten.

Welche Steuer fällt beim Kauf eines alten Kupferstichs an?

Unter bestimmten Voraussetzungen die Differenzbesteuerung nach §25a UStG statt der vollen Umsatzsteuer: Sie greift, wenn der Händler das Blatt ohne ausgewiesene Vorsteuer erworben hat, etwa von privat. Besteuert wird dann nur die Handelsspanne des Händlers, nicht der komplette Kaufpreis.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Galerie Kornfeld, Bern, Auktion 17.09.2021, Los 40: Albrecht Dürer „Adam und Eva" (1504), Zuschlag, Zustand, Provenienz
  • Bassenge Berlin, Künstlerindex Martin Schongauer, Auktionen 101 bis 124, Ergebnisse inklusive Aufgeld; Katalog Auktion 122 (29.11.2023)
  • Sotheby's, „Prints & Multiples" 2017, Los 26, Israhel van Meckenem „The Angry Wife": Schätzung, Zustandsbericht
  • The E-Sylum (American Numismatic Bibliomania Society), Auszüge aus dem Christian Science Monitor, 2. März 2006: Interview mit Christopher Madden; James Gurney, „Banknote Engraver" (Oktober 2012)
  • Wikipedia (EN und DE), Czesław Słania; Australia Post Collectables, Czeslaw Slania (1921–2005): stamp engraver
  • Wikipedia (EN), Engraving, Etching, Steel engraving, Israhel van Meckenem; Wikipedia, Kupferstich
  • Gesetze im Internet, § 25a UStG Differenzbesteuerung; Haufe, Differenzbesteuerung Antiquitäten und Kunstgegenstände (UStAE 25a.1)

Zuletzt aktualisiert am 07.09.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlerinnen und Künstlern, kuratiert statt eingekauft. Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de