Francis Seymour Haden
Am 26. April 1867 geraten in einem Pariser Café zwei Schwäger aneinander. Es geht um eine Beerdigung, die drei Tage vorher stattgefunden hat. Der eine Mann ist Francis Seymour Haden, Chirurg in London. Der andere heißt James McNeill Whistler, und Hadens Frau ist dessen Halbschwester.
Der Streit wird laut, dann splittert Glas: Haden fällt durch eine Fensterscheibe, oder er wird hindurchgestoßen, und die Quellen widersprechen sich darin bis heute. In einer zweiten Lesart wirft Whistler ihn selbst durch die Scheibe.
Haden steht auf. Er klopft sich das Glas vom Mantel. Er geht.
Siebenundzwanzig Jahre später wird derselbe Mann zum Ritter geschlagen. Er ist dann Präsident einer Künstlergesellschaft, die er selbst gegründet hat, und Verfasser der Schrift, die der Radiernadel ihren eigenen Rang zuspricht. Zwischen der Fensterscheibe und dem Ritterschlag liegen mehrere Felder, in denen Haden dieselbe Rolle einnimmt. Er entscheidet, was echt und was zulässig ist, und er macht sein Urteil für andere verbindlich.
Wie wurde Haden 1857 im selben Jahr Fellow und Radierer?
Francis Seymour Haden war Chirurg, geboren am 16. September 1818, gestorben am 1. Juni 1910. Dazwischen liegen zwei Laufbahnen, die sich fast vollständig überlagern. 1842 wurde er Mitglied des Royal College of Surgeons, 1857 dessen Fellow. In genau diesem Jahr begann er ernsthaft zu radieren. Erste Platten hatte er schon um 1845 geätzt, danach lagen zwölf Jahre, in denen es bei Versuchen blieb.
1847 heiratete er Deborah Delano Whistler, die Halbschwester des amerikanischen Malers James McNeill Whistler. Im selben Jahr bezog er das Haus in der Sloane Street 62 und behielt es drei Jahrzehnte lang als Praxisadresse.
Zwei Karrieren im selben Kopf, keine davon als Hobby geführt: Das ist die Konstante hinter allem Weiteren. Ab 1860 zeigte Haden seine Blätter in der Royal Academy, fünfundzwanzig Jahre lang, bis 1885. Für ihn war die Radierung ein zweiter Beruf mit eigenen Regeln, kein Ausgleich zum Operationssaal. Formuliert hat er diese Regeln später selbst, und er hielt andere daran fest.
Wer arbeitete an der Presse in der Sloane Street 62?
James McNeill Whistler ließ sich 1859 in London nieder und kam von da an häufig in Hadens Haushalt. Dort stand eine eigene Radierpresse, und über sie liefen die frühesten Abzüge von Whistlers Themse-Radierungen. Sie gehörte dem einen Schwager, gedruckt wurde darauf auch für den anderen. Die Motive der beiden lagen in diesen Jahren am selben Fluss.
Die Kaltnadel, mit der beide arbeiteten, gab ohne Verstählung nur 10 bis 20 Abzüge mit vollem Grat her, bevor er sich abflachte. Patentiert wurde die Verstählung 1857, und Haden und Whistler gehörten zu den Ersten, die sie ausnutzten.
Seine eigenen Radierungen zeigte Haden zunächst nicht unter seinem Namen. In den Ausstellungen der Royal Academy von 1860 bis 1864 firmierte er als H. Dean, ein Anagramm aus Haden. 1861 hing dort ein Abzug von "Shere Mill Pond, No. II" unter diesem Decknamen.
Ein Blatt von 1863 zeigt das Themse-Ufer bei niedrigem Wasser. Im Vordergrund liegt ein breites freigelegtes Uferband mit kleinen Figurengruppen und einem Ruderboot. In der Bildmitte drängt sich ein Pulk aufgelegter Lastkähne, dahinter steht die Häuserzeile von Old Chelsea mit Giebeln und Schornsteinen. Der Himmel bleibt fast unbearbeitet.
Unter der Darstellung steht eine handschriftliche Zeile: "Whistlers House at Old Chelsea". Rechts unten sitzt die Bleistiftsignatur. Der Titel sagt genau, was das Blatt zeigt, und wie eng die beiden in dieser Phase verbunden waren: Haden radierte Whistlers Haus. Vier Jahre später wechselten die beiden kein Wort mehr.
Was geschah am 26. April 1867 im Pariser Café?
Vorausgegangen war ein Todesfall. James Reeves Traer, Hadens Partner in der Praxis, starb am 23. April 1867 in Paris an den Folgen von Alkohol. Haden ließ ihn so schnell beerdigen, dass Whistler und dessen Bruder William die Eile als unangemessen empfanden. Eine zweite Quelle nennt es ein Hundebegräbnis, ohne Gottesdienst und ohne christliches Kreuz auf dem Grab ("a 'dog's burial,' without a religious service or Christian cross to mark his grave").
Drei Tage später eskalierte der Streit zwischen den Schwägern im Café. In einem Brief danach nannte Whistler seinen Schwager einen Tyrannen, einen Schwindler und einen doppelzüngigen Heuchler ("a bully, a humbug and a duplicitous hypocrite").
Haden beantwortete das nicht privat. Er beschwerte sich beim Burlington Fine Arts Club über Whistlers Verhalten in Paris, und die Generalversammlung stimmte im Dezember 1867 für dessen Ausschluss.
Gesprochen haben die beiden nie wieder. Auf den Tag genau lässt sich die Abstimmung nicht datieren, weil die Datenbanken des Glasgower Whistler-Projekts hier den 13. und den 18. Dezember gegeneinanderstellen. Was zwischen zwei Schwägern begonnen hatte, endete als Beschluss einer Mitgliederversammlung.
Wofür entwarf Haden einen Pappmaché-Sarg?
Acht Jahre nach dem Streit erschien bei Macmillan & Co. in London eine Streitschrift gegen die Feuerbestattung: "Earth to Earth: an Answer to a Pamphlet on Cremation", 1875. Verfasst hatte sie Haden. Seine Alternative zur Verbrennung war die natürliche Erdbestattung, und er setzte sie mit einer eigenen Erfindung um: einem Sarg aus Pappmaché.
Bei dem einen Text blieb es nicht. Das biografische Nachschlagewerk seiner Zeit zählt vier Titel zu diesem Thema auf, darunter "The Disposal of the Dead" und "Cremation an Incentive to Crime". Der letzte Titel zeigt, in welchem Register Haden argumentierte. Die konkurrierende Methode war für ihn keine schlechtere Wahl, sondern eine unzulässige.
Ein Chirurg entwirft ein eigenes Bestattungsverfahren und tritt mit vier Streitschriften gegen das konkurrierende an. Dieselbe Bewegung wiederholt sich wenig später in seinem zweiten Fach, und der Gegenstand ist dort ein einziges Wort: echt.
Warum strich Haden Blätter aus Rembrandts Werkverzeichnis?
1877 richtete der Burlington Fine Arts Club eine Ausstellung aus, derselbe Club, aus dem zehn Jahre zuvor Whistler ausgeschlossen worden war. Gezeigt wurden Radierungen von Rembrandt. Den Katalog schrieb ein Mitglied, das seinen Namen nicht auf das Titelblatt setzte: Dort stand nur, die einleitenden Bemerkungen stammten von einem Mitglied des Clubs ("with introductionary remarks by a member of the club"). Das Mitglied war Haden.
Er nutzte die Einleitung nicht für Verehrung. Zwei Jahre später legte er nach: Eine weitere Schrift sollte belegen, dass bestimmte dieser Radierungen unecht seien ("new views as to the unauthentic character of certain of those etchings").
Sein Ziel benennt die Britannica von 1911 so: das Echte vom Falschen trennen und durch die Streichung vieler öder und unschöner Blätter aus der Werkliste ein insgesamt edleres Bild von der Denkweise des Meisters geben ("separating the true from the false, and giving altogether a nobler idea of the master's mind by taking away from the list of his works many dull and unseemly plates"). Sein Maßstab dabei war eine Untersuchung der Werke in chronologischer Reihenfolge ("his reasons are founded upon the results of a study of the master's works in chronological order").
Rembrandts radierte Bildnis des Jan Six von 1647 zeigt, worüber in solchen Fällen entschieden wird. Der Blick geht zuerst ins ausgesparte helle Fenster, davor liest ein junger Mann mit langem Lockenhaar ein Blatt, das er mit beiden Händen hält. Unten rechts steht die Signatur "Rembrandt f. 1647", unten links die Inschrift "IAN SIX". Über die Echtheit vergleichbarer Blätter entschied Haden.
Wer bei solchen Blättern die Zuschreibung ändert, stellt den Bestand eines Werks infrage, an dem sich Sammlungen und Kataloge seit Generationen orientieren.
Was unterscheidet die Feder von der Pflugschar?
1879 erschien "About Etching", Hadens theoretische Hauptschrift. Sie entstand zwischen 1878 und 1879. Darin steht der Satz, der seine ganze Position in ein Bild fasst: Radiernadel und Grabstichel verhielten sich zueinander wie die Feder zur Pflugschar ("The comparison of the etching-needle with the burin is the comparison of the pen with the plough").
Der Grabstichel war das Werkzeug der reproduzierenden Stecher, die fremde Gemälde in Linien übersetzten. Was Haden an der eigenen Linie sah, fasste er in vier Begriffen: Geschmeidigkeit, Freiheit, Schnelligkeit und Direktheit der Äußerung ("suppleness, liberty, rapidity, and directness of utterance"). Getragen werde sie von einer Nadel, die jeder Bewegung der fühlenden Hand folgt ("to every movement of the sentient hand"). Mit dem Vergleich von Feder und Pflugschar zog er die Grenze zwischen eigener und fremder Arbeit, dieselbe, an der heute Original und Reproduktion unterschieden werden.
Am eigenen Blatt lässt sich das nachsehen. In "Battersea Reach" von 1863 ist das Auffällige das Fehlende. Der Himmel besteht aus wenigen weit gesetzten Horizontallinien auf sonst freiem Papier. Die Bildmitte ist offenes Wasser mit ein paar fernen Booten, sonst nichts.
Gearbeitet ist vor allem der Rand. Links steht ein kahler Mast über fast die volle Bildhöhe. Rechts drängen sich vertäute Ruderboote und Kähne mit langen Riemen. Am rechten Ufer liegt die niedrige Silhouette von Chelsea, mit Satteldächern, einem Kirchturm und rauchenden Fabrikschornsteinen. Ein reproduzierender Stecher hätte diesen Himmel Woche um Woche zugearbeitet. Haden ließ ihn leer.
Die Position blieb nicht auf England beschränkt. Im Winter 1882/83 hielt Haden Vorträge über die Radierung in New York und Boston und trug damit zum amerikanischen Etching Revival bei.
Schon 1879 stand dieser Maßstab auf Papier. Ein Jahr später entstand der Verein, der ihn durchsetzte.
Wie regierte Haden die Gesellschaft, die er selbst gegründet hatte?
Am 31. Juli 1880 versammelten sich sechs Männer in der Hertford Street 38 in Mayfair. Sie gründeten dort die Society of Painter-Etchers, zur Förderung der eigenhändigen Radierung als schöpferischer Kunstform. Die Adresse war Hadens eigene, denn er war zwei Jahre zuvor aus der Sloane Street 62 dorthin gezogen. Die fünf anderen hießen Heywood Hardy, Hubert von Herkomer, Alphonse Legros, Robert Walker Macbeth und James Tissot.
Haden wurde ihr erster Präsident und blieb es bis zu seinem Tod 1910, rechnerisch dreißig Jahre. Die Gesellschaft gibt es bis heute, seit 2026 unter dem Namen Royal Society of Printmakers.
Wie er sie führte, steht in zwei Formulierungen aus derselben Zeit. Die Britannica von 1911 schreibt, er habe die Geschicke der Gesellschaft mit starker Hand gelenkt ("ruled the destinies of that society with a strong hand"). Eine zweite Quelle wird deutlicher: Haden habe die Mitglieder mit eiserner Rute regiert ("ruled them with a rod of iron"). Radierungen nach Gemälden fremder Hand seien energisch ausgeschlossen worden ("etchings which were done after paintings by other hands were vigorously ruled out").
Damit war der Maßstab aus "About Etching" Aufnahmebedingung. Wer fremde Bilder in Kupfer übersetzte, kam in diesem Verein nicht vor, egal wie gut er es tat.
1894 wurde Haden zum Ritter geschlagen. 1905 kam die Ehrenmitgliedschaft im Institut de France dazu. Der Mann, der 1860 noch unter einem Decknamen ausgestellt hatte, hieß jetzt Sir Francis Seymour Haden, und seine Regel war Vereinsrecht.
Was radierte der Mann, der die Reproduktion bekämpfte?
Rund 250 Radierungen umfasst sein eigenes Werk. Sein Terrain waren Flüsse, Schleusen und Ufer.
"Egham Lock" von 1859 zeigt seine Herkunft schon im Abzug: Am unteren Rand stehen Reste einer Bleistiftnotiz, die Plattenkante ist sichtbar, dazu ein leichter Plattenton. Im Querformat liegt die Themse-Schleuse. Links und rechts stehen hölzerne Schleusentore mit schrägen Streben, dazwischen öffnet sich der Blick flussaufwärts über eine offene, fast unbearbeitete Wasserfläche, in der sich die Uferbauten spiegeln. An beiden Ufern wachsen dichtes Buschwerk und Baumgruppen, rechts am Bildrand eine hohe, fein gezeichnete Gruppe.
"Calais Pier" entstand 1870 nach einem Gemälde von J. M. W. Turner. Ein Händlerkatalog nennt stattdessen 1874. Unten links trägt die Platte die geätzte Inschrift, das Blatt sei von F. Seymour Haden nach dem Bild von J. M. W. Turner radiert worden ("Etched by F. Seymour Haden after the picture by J. M. W. Turner"). Derselbe Katalog nennt es Hadens größtes Blatt.
Für den Druck musste eigens eine Presse gebaut werden, und auf ihr zog der Berufsdrucker Frederick Goulding die Probedrucke. Die Platte durchlief zwölf Zustände.
Die Aufnahmeregel seines eigenen Vereins, die erst einige Jahre nach "Calais Pier" folgte, hätte Radierungen nach fremden Gemälden ausgeschlossen.
Ob er gesehen hat, dass sein Turner-Blatt außerhalb der Grenze entstand, die er selbst zog, ist nirgends überliefert.
Häufige Fragen zu Francis Seymour Haden
Wer druckte die Blätter, deren Abzüge Haden nicht selbst zog?
Nicht alle seine Blätter zog Haden selbst. "Breaking Up of the Agamemnon" von 1870 druckte Frederick Goulding, den ein Händlerkatalog als führenden Plattendrucker seiner Zeit bezeichnet.
Wofür steht das Kürzel RE hinter einem Künstlernamen?
RE ist das Kürzel der Gesellschaft, die Haden 1880 gründete. 1991 benannte sie sich in Royal Society of Painter-Printmakers um, um ein breiteres Spektrum druckgrafischer Verfahren abzudecken. Heute heißt sie Royal Society of Printmakers. Das Kürzel blieb erhalten. Hinter einem Künstlernamen bezeichnet es eine Mitgliedschaft, kein Druckverfahren.
Wo liegen Hadens Radierungen heute?
Hadens Radierungen liegen in öffentlichen Sammlungen auf beiden Seiten des Atlantiks. Das Metropolitan Museum in New York führt "Battersea Reach" von 1863, 1917 über den Harris Brisbane Dick Fund erworben. "Breaking Up of the Agamemnon" von 1870 gehört den National Museums Liverpool. Die University of Glasgow führt außerdem eine Werk- und Biografiedatenbank zu Haden und Whistler.
Was bedeutet es, wenn ein Blatt im fünften Zustand vorliegt?
Ein Zustand ist eine Bearbeitungsstufe der Druckplatte. Der Künstler zieht einen Probedruck, ändert etwas an der Platte und zieht den nächsten, und jede dieser Stufen bekommt eine eigene Nummer. Abzüge aus verschiedenen Zuständen unterscheiden sich sichtbar.
Quellen und weiterführende Literatur
- Encyclopædia Britannica, 11. Auflage, Eintrag "Haden, Sir Francis Seymour" (1911, Ritterschlag 1894, Vereinsführung, Rembrandt-Ausstellung des Burlington Fine Arts Club, "About Etching")
- Dictionary of National Biography, Supplement von 1912, Eintrag "Haden, Francis Seymour" (Werkumfang, Pseudonym H. Dean, Streitschriften gegen die Feuerbestattung, Gründung und Präsidentschaft der Society of Painter-Etchers)
- University of Glasgow, die Forschungsprojekte "The Etchings of James McNeill Whistler" und "The Correspondence of James McNeill Whistler" (Lebensdaten, Praxis- und Wohnadressen, Tod von James Reeves Traer im April 1867, Streit im Pariser Café, Verfahren im Burlington Fine Arts Club)
- Metropolitan Museum of Art, Sammlungsdatensätze zu "Battersea Reach" (Object 630986) und "Calais Pier" (Object 704812) mit Datierung, Zustandsangaben und Provenienz
- National Museums Liverpool, Werkdatensatz zu "Breaking Up of the Agamemnon, No 1" (1870)
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