Royal Society of Printmakers: Die Geschichte hinter dem Kürzel RE

Die Royal Society of Printmakers (RE) ist eine 1880 in London gegründete Fachgesellschaft für Druckgrafik. Mitglieder werden durch Wahl aufgenommen und tragen die Kürzel ARE (Associate) oder RE (Vollmitglied) hinter ihrem Namen. Sitz der Gesellschaft ist die Bankside Gallery neben der Tate Modern, seit 2026 trägt sie ihren fünften Namen in 146 Jahren Geschichte.

Verdunkelte Fenster, drinnen brennt nur eine kleine Lampe über der Staffelei. Draußen heulen die Sirenen des Blitz über London, drinnen hält jemand einen Vortrag über Ätztechnik. Es ist Anfang der 1940er Jahre, und der Print Collectors Club der Royal Society of Printmakers trifft sich trotzdem: Vorträge, Vorführungen, Diskussionen über Drucke, während die Stadt bombardiert wird. Der Club existiert zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahrzehnte, gegründet 1920, in einer ganz anderen Nachkriegszeit. Was für eine Institution besteht mitten im Bombenkrieg darauf, sich über Kupferplatten und Druckfarbe auszutauschen, und was bedeutet das Kürzel, das aus dieser Geschichte hervorgegangen ist?

Wer gründet 1880 eine Gesellschaft gegen die Royal Academy?

Am 31. Juli 1880 wählt eine kleine Gruppe Londoner Künstler sechs Fellows in eine neu gegründete Gesellschaft: Francis Seymour Haden, Heywood Hardy, Hubert von Herkomer, Alphonse Legros, Robert Walker Macbeth und James Tissot. Ihr Name: Society of Painter-Etchers, radierende Maler. Sie nannten sich so, weil sie selbst mit der Nadel arbeiteten, statt fremde Gemälde bloß zu reproduzieren.

Der Anlass war ein Streit um Anerkennung: Die Royal Academy zögerte, originale Druckgrafik als eigenständige Kunstform neben der Malerei gelten zu lassen, sie behandelte sie eher wie reproduzierende Kopistenarbeit. Die eigene Nadelarbeit galt in der akademischen Hierarchie als Handwerk, nicht als Kunst, und genau das wollte die neue Gesellschaft ändern. Ein prominenter Name fehlt in der Gründungsliste: James McNeill Whistler war zum Gründungszeitpunkt in Venedig und stand mit seinem Schwager Haden im Streit, eine Mitgliedschaft kam für ihn nicht zustande.

Diese Unterscheidung zwischen Original und Reproduktion ist keine Frage von 1880 geblieben. Sie stellt sich bis heute, sobald jemand vor einem gerahmten Blatt steht und wissen will, was er da eigentlich vor sich hat. Acht Jahre nach der Gründung bekam die junge Gesellschaft einen Titel, den sich keiner der sechs Fellows hätte ausdenken können.

Die folgenden Werke stammen von den vier Künstlerinnen und Künstlern im eigenen Programm, die heute selbst Mitglied dieser Gesellschaft sind. Jeder von ihnen kommt im Verlauf dieses Textes noch einmal vor.

Wie wird aus den Painter-Etchers eine königliche Gesellschaft?

Acht Jahre reichten damals aus. 1888 verleiht Königin Victoria der jungen Gesellschaft eine Royal Charter, aus der Society of Painter-Etchers wird die Royal Society of Painter-Etchers.

Zehn Jahre später kommt der nächste Namensteil dazu: Um 1897/98 erweitert sich der Name um "and Engravers", Kupferstecher werden formal eingeschlossen.

In diesem Namen steckt bereits das Kürzel, das bis heute neben Künstlernamen steht: RE, aus Painter-Etchers, dem "E". Offiziell dürfen Vollmitglieder die Buchstaben ab 1911 hinter ihrem Namen führen. Der Name der Gesellschaft ändert sich seither noch dreimal, das Kürzel bleibt. Der nächste große Umbau betraf nicht den Namen, sondern einen Club innerhalb des Clubs.

Was passierte im Club, während London bombardiert wurde?

Der Print Collectors Club entsteht 1920, mitten in der Nachfragewelle nach geätzten Blättern, dem sogenannten Etching Boom, der nach dem Ersten Weltkrieg durch Großbritannien und die USA lief. Ursprünglich war die Mitgliederzahl auf 300 begrenzt, jedes Mitglied bekam einen eigens beauftragten Jahresdruck eines RE-Mitglieds.

Die Idee stammt vom damaligen RE-Präsidenten Sir Frank Short, zugleich Professor für Druckgrafik am Royal College of Art. Erster Vorsitzender wird Martin Hardie CBE, RE-Ehrensekretär und zugleich Keeper of Prints & Drawings am V&A.

Zwanzig Jahre später hält der Club an dieser Gewohnheit fest, selbst als London brennt. In den Verdunkelungsnächten des Blitz Anfang der 1940er finden weiterhin Vorträge, Vorführungen und Diskussionen über Drucke statt.

Heute produzieren sechs RE-Mitglieder jährlich eine Auswahl an Drucken für den PCC, ein Blatt kostet 160 Pfund, Käuferinnen und Käufer werden für zwölf Monate automatisch Mitglied im Club. Sir Frank Short blieb dem RE-Präsidentenamt treu, achtzehn Jahre nach der Clubgründung noch immer im Amt. Wer ihm im Amt nachfolgte, hatte selbst bei ihm gelernt.

Was verbindet einen Radierlehrer mit seinem eigenen Nachfolger?

Malcolm Osborne lernt 1901 bis 1906 bei Frank Short am Royal College of Art, wie man Kupferplatten ätzt und sticht. 1924, als Short in Pension geht, übernimmt Osborne die Leitung der Ätz- und Stichschule am selben College. 1938 folgt er ihm auch als RE-Präsident nach: Short hatte das Amt von 1910 bis 1938 inne, Osborne führt es bis 1962 weiter.

Sieben Jahre bevor Osborne selbst das Präsidentenamt übernimmt, mitten in Shorts eigener Amtszeit, sticht er ein Porträt seines Lehrers: eine Kaltnadelarbeit mit dem Titel "Portrait of Sir Frank Short, President of the Royal Society of Painter-Etchers and Treasurer of the Royal Academy", datiert 1931. Das Blatt liegt heute im Prints & Drawings Study Room des V&A, Zugangsnummer E.2171-1932.

Die Schule und das Präsidentenamt waren nicht die einzigen Dinge, die sich in dieser Zeit veränderten. Der Name der Gesellschaft selbst war es auch.

Welche Technik durfte die Gesellschaft wann in ihre Reihen aufnehmen?

Der Gründungsname war Programm: Nur wer radierte, gehörte 1880 dazu, Radierung war die einzig anerkannte Technik der jungen Gesellschaft. Das änderte sich in Schüben, nie in einem großen Sprung. 1897 lässt die Gesellschaft erstmals den Kupferstich zu. Zwei Jahrzehnte später, 1920, im selben Jahr, in dem der Print Collectors Club entsteht, folgt der Holzstich, verwandt mit dem, was heute als Holzschnitt bekannt ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1957, dürfen auch farbige Originaldrucke eingereicht werden. Die größte Öffnung kommt erst 1987: Mit der Lithografie hält eine Technik Einzug, die mit Ätzung nichts mehr zu tun hat, gedruckt vom Stein statt von der Platte. Ab 1990 schließlich ist jede Form kreativer, zukunftsgerichteter Originaldruckgrafik zugelassen, ein Rahmen, bewusst weit genug gefasst, um auch kommende Techniken mit einzuschließen.

1991 zieht der Name nach: Aus der Royal Society of Painter-Etchers and Engravers wird die Royal Society of Painter-Printmakers. Die Gesellschaft selbst begründet den Schritt damit, die Bandbreite zeitgenössischer Druckpraxis abbilden zu wollen.

Wer heute in diese immer breitere Definition aufgenommen werden will, muss allerdings zuerst durch ein enges Nadelöhr.

Wie wird man heute Mitglied dieser Gesellschaft?

Die Bewerbung läuft online: Wer aufgenommen werden will, reicht Bilder der eigenen Arbeit ein und zahlt eine Gebühr von 50 Pfund. Steht man auf der Shortlist, folgt die eigentliche Prüfung: Das physische Werk geht an den Council, der es unter Kolleginnen und Kollegen begutachtet.

Stephen Lawlor RE an seiner Ätzpresse im Atelier, ein Druck läuft durch die Walzen
Stephen Lawlor RE an seiner Ätzpresse. Ein Druck läuft durch die Walzen.

Wer als Vollmitglied gewählt wird, bringt zusätzlich ein Diplomwerk in die RE Diploma Collection ein, ein eigenes Blatt als Eintritt. Auf der eigenen Website lässt sich der Status vieler Mitglieder an einer Kleinigkeit ablesen: Aktuell führt die Profil-URL bei Vollmitgliedern das Kürzel "-re", bei Associates "-are", ein Buchstabe Unterschied im Website-Pfad.

Der Council, der über die eingereichten Werke entscheidet, tagt in der Bankside Gallery, 48 Hopton Street in London, direkt am Themseufer neben der Tate Modern, Sitz der Gesellschaft seit 1980. Unter demselben Dach arbeitet die Royal Watercolour Society.

Amtierender Präsident ist seit 2018 David Ferry, 2006 zum Associate und 2012 zum Vollmitglied gewählt, zuvor Chairman des Chelsea Arts Club London, heute Emeritus Professor of Printmaking and Book Arts an der Cardiff School of Art and Design.

Allein aus den ersten Jahrzehnten der Gesellschaft, also einem kleinen Ausschnitt ihrer Geschichte, führt das V&A in seiner Datenbank 209 ihr zugeordnete Werke, entstanden zwischen 1888 und 1903. Der Name, den David Ferry 2018 übernahm, sollte selbst nicht mehr lange halten.

Warum heißt die Gesellschaft seit 2026 nicht mehr Painter-Printmakers?

2026 verfeinert die Gesellschaft ihren Namen ein weiteres Mal: Aus der Royal Society of Painter-Printmakers wird die Royal Society of Printmakers, "Painter" fällt aus dem Titel. Genau dieses Wort stand 1880 noch im Gründungsnamen: Society of Painter-Etchers, radierende Maler, weil die eigene Nadelarbeit nur im Schatten der anerkannten Malerei Gehör fand, gegen die Zurückhaltung der Royal Academy. 146 Jahre später braucht die Druckgrafik diesen Bürgen nicht mehr. Auf der eigenen Website steht der neue Name bereits im Seitentitel. Wie frisch dieser Wechsel ist, zeigt sich an einer Diskrepanz: Wikipedia, Stand dieser Recherche, kennt die Gesellschaft noch unter dem vorherigen Namen, Royal Society of Painter-Printmakers. Kein Fehler, nur eine Frage der Aktualisierung.

Wer die ganze Geschichte noch einmal am Stück nachlesen will, findet bislang genau eine zusammenhängende Buchfassung: "No Day Without a Line: The History of the Royal Society of Painter-Printmakers, 1880-1999" von Martin J. Hopkinson und Clare Tilbury, erschienen 1999 beim Ashmolean Museum. Parallel dazu tourte eine Ausstellung der Diploma Collection unter demselben Titel, die vom 6. März bis zum 14. April 2000 an der Aberystwyth University zu sehen war, mit Werken von 99 Künstlerinnen und Künstlern.

Vier Namen im eigenen Programm tragen genau das Kürzel, das aus dieser Geschichte übrig geblieben ist.

Wer aus dem eigenen Programm trägt das Kürzel RE?

Vier der zwölf Künstlerinnen und Künstler im eigenen Programm tragen dieses Kürzel, drei davon als Vollmitglied, einer als Associate.

Stephen Lawlor RE im Atelier an der Druckpresse
Stephen Lawlor RE in seinem Atelier. Foto: Manus Shortall, 2014.

Das ranghöchste der vier Mitglieder ist Stephen Lawlor: ARE seit 2016, seit 2023 Fellow der Gesellschaft mit Sitz im Council.

Radierung Revenant von Stephen Lawlor: eine geisterhafte Gestalt löst sich aus schwarzem Grund
Stephen Lawlor, Revenant, Radierung.

Eine Gestalt aus Dunkelheit, kaum mehr als ein Gesicht, das sich aus schwarzem Grund löst: Lawlors "Revenant" ist eine Radierung, genau die Nadelarbeit in der Metallplatte, für die sich die Society of Painter-Etchers 1880 gründete. Dieselbe Technik trägt "And England's Dreaming"; daneben arbeitet Lawlor auch im Siebdruck.

Rod Nelson ARE mit Holzstock und Handwalze im Atelier, Drucke an der Wand
Rod Nelson ARE im Atelier, mit Handwalze und Holzstock.

Bei der Technik, die seit 1920 zur Gesellschaft gehört, steht Rod Nelson für das eigene Programm: Associate der Gesellschaft (ARE).

Holzschnitt Driven on by the Wind von Rod Nelson: Wellenlinien in der Ukiyo-e-Tradition
Rod Nelson, Driven on by the Wind, Holzschnitt.

Nelsons Holzschnitt "Driven on by the Wind" führt seine Wellenlinien direkt aus der japanischen Ukiyo-e-Tradition weiter, der Bildsprache, aus der auch die 1920 in den Rahmen der Gesellschaft aufgenommene Holzschnitt-Technik schöpft.

Radierung Welsh Asylum II von Jemma Gunning: Industrie- und Bergbaulandschaft von Wales
Jemma Gunning, Welsh Asylum II, Radierung.

An der UWE Bristol unterrichtet Jemma Gunning Lithografie, an derselben Hochschule, an der ein AHRC-gefördertes Projekt vor Jahren die Diploma Collection der Gesellschaft digitalisierte. Gunning selbst wurde 2019 Associate und 2021 Vollmitglied. Ihr Werk "Welsh Asylum II" zeigt die Industrie- und Bergbaulandschaften von Wales, an denen sie arbeitet.

Linolschnitt Behind the Human Ocean von Richenda Court
Richenda Court, Behind the Human Ocean, Linolschnitt.

Auch bei Richenda Court griff der Diplomwerk-Mechanismus von vorhin: Sie brachte ihr eigenes Blatt in die RE Diploma Collection ein, Teil einer Sammlung, die bis in die Gründungsjahre zurückreicht. Court wurde 2021 Associate, 2024 Vollmitglied. Werke von ihr liegen außerdem im V&A Museum und in der British Library.

Ein Klick auf eines der vier Künstlerprofile auf re-printmakers.com reicht heute aus, um die Beharrlichkeit von damals wiederzufinden: Dieselbe Gemeinschaft, die sich noch in den Verdunkelungsnächten des Blitz zu Vorträgen über Drucke traf, wird heute von genau diesen vier Mitgliedern aus dem eigenen Programm fortgeführt. Die Adresse endet aktuell auf "-re", das "E" aus den Painter-Etchers von 1880, als Post-Nominal offiziell seit 1911 im Gebrauch. Was 1880 mit sechs Nadelarbeitern gegen die akademische Rangordnung begann, wird heute von einer Gesellschaft weitergeführt, die 1990 ausdrücklich "alle Formen kreativer, zukunftsgerichteter Originaldruckgrafik" in ihren Rahmen aufnahm, Formen, die es 1990 zum Teil noch gar nicht gab. Was seit 2026 unter dem verkürzten Namen dazukommt, steht noch nicht fest.

Häufige Fragen

Ist "RE Printmakers" dasselbe wie die Royal Society of Printmakers?

Ja. re-printmakers.com ist die offizielle Website der Gesellschaft, "RE Printmakers" taucht als informelle Kurzform häufig in Verweisen auf. RE selbst stammt aus dem Gründungsnamen Society of Painter-Etchers, dem "E". Der volle aktuelle Name lautet seit 2026 Royal Society of Printmakers.

Was bedeutet das Kürzel RE hinter einem Künstlernamen?

RE steht für Vollmitglied der Gesellschaft, offiziell seit 1911 als Post-Nominal in Gebrauch. Wer erst Associate ist, führt ARE.

Wie funktioniert der Print Collectors Club der Gesellschaft heute?

Sechs RE-Mitglieder produzieren jährlich eine Auswahl an Drucken für den Club, ein Blatt kostet 160 Pfund. Wer kauft, wird automatisch für zwölf Monate Mitglied im Club, eine Fortführung der Idee, die Sir Frank Short 1920 hatte.

Wo hat die Royal Society of Printmakers ihren Sitz?

In der Bankside Gallery, 48 Hopton Street in London, direkt am Themseufer neben der Tate Modern, seit 1980. Unter demselben Dach arbeitet die Royal Watercolour Society.

Sind Stephen Lawlor, Jemma Gunning, Richenda Court und Rod Nelson alle Vollmitglieder?

Nein. Lawlor, Gunning und Court sind Vollmitglieder und tragen RE hinter dem Namen. Rod Nelson ist Associate der Gesellschaft, ARE. Der Unterschied entscheidet sich am Diplomwerk: Nur Vollmitglieder müssen eines in die RE Diploma Collection einbringen.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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