Griffelkunst-Vereinigung Hamburg: hundert Jahre Wahlprogramm
Die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg ist ein Verein, der seit 1925 Originalgrafik an seine Mitglieder abgibt, statt sie im Handel anzubieten. Wer den Jahresbeitrag zahlt, bekommt pro Ausstellung ein Blatt aus jeder der beiden parallel laufenden Wahlen, bei zwei Ausstellungen im Jahr macht das vier Blätter. Die Mitgliederzahl ist begrenzt, ein Weiterverkauf ist laut Vereinsregel untersagt.
Am 5. Juni und am 1. Dezember läuft bei der Griffelkunst eine Frist ab. Wer bis dahin keine Wahl eingereicht hat, bekommt trotzdem Post: zwei Blätter aus dem laufenden Wahlprogramm, ausgesucht von der Vereinigung, nicht vom Mitglied. Rotwahl heißt das im FAQ des Vereins, und es steht dort so beiläufig da, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Zwei Originalgrafiken also, die du nicht ausgesucht hast und für die du vorher bezahlt hast. Im Kunsthandel ist so etwas nicht der Normalfall. Hier ist es der geregelte Ausnahmefall, vorgesehen für alle, die den Stichtag verpassen. Was für ein Verein traut sich das? Und was für Leute stehen für eine Mitgliedschaft mit jahrelanger Warteliste Schlange?
Was sollte Kunst kosten, als die Griffelkunst 1925 entstand?
Johannes Böse (1879–1955), Volksschullehrer in Hamburg, gründete die Griffelkunst-Vereinigung 1925 in Hamburg-Langenhorn. Das Ziel beschreibt die Stadt Hamburg hundert Jahre später in einem einzigen Satz: dass jeder Mensch sich Kunst leisten können soll. Auf die Frage, was Kunst 1925 kosten sollte, hatte Böse damit keinen Preis als Antwort, sondern eine Konstruktion. Der Weg dahin führte nicht über den Verkauf, sondern über die Mitgliedschaft. Wer 1925 eintrat, erwarb damit kein bestimmtes Bild, sondern das Recht, aus einem Programm zu wählen. Die Zahl der Gründungsmitglieder schwankt je nach Quelle zwischen 70 und 79. 1929 zählte der Verein 250 Mitglieder, von denen noch immer mehr als die Hälfte Mieter der Fritz-Schumacher-Siedlung waren.
So läuft es bis heute. Pro Ausstellung laufen zwei Wahlen parallel, und der Mitgliedsbeitrag deckt aus jeder von ihnen ein Blatt. Zwei Ausstellungen im Jahr, erkennbar an den Stichtagen 5. Juni und 1. Dezember, macht vier Blätter im Jahr. Jedes weitere Wahlblatt kostet 45 Euro, sofern im Magazin kein anderer Preis steht. Wer wissen will, was Originalgrafik jenseits der Griffelkunst kostet, findet dazu eine eigene Seite bei uns. Die Mitgliederzahl liegt bei 4.500 und ist begrenzt. Den Namen hat Böse übrigens nicht erfunden. Der Leipziger Künstler Max Klinger, 1857 geboren und 1920 gestorben, prägte den Begriff Griffelkunst als kunsttheoretischen Sammelbegriff für Handzeichnungen und alle Formen von Druckgrafik.
Original meint hier das gedruckte Blatt selbst, nicht dessen Abbildung; das ist der Unterschied zwischen Originalgrafik und Kunstdruck. Die Künstlerinnen und Künstler entwickeln und signieren ihre Editionen für die Griffelkunst, nummeriert werden sie nicht.
Wie belastbar die Idee war, zeigte sich acht Jahre später: 1933 zählte der Verein mehr als tausend Mitglieder und wuchs weiter.
Wie kam die Griffelkunst durch die Jahre zwischen 1933 und 1945?
Die Reichskulturkammer, 1933 gegründet, war eine Zwangsorganisation: Wer im Kulturbereich arbeitete, musste der für ihn zuständigen Einzelkammer angehören. Wer keinen Ariernachweis erbringen konnte, wurde nicht aufgenommen oder wieder ausgeschlossen. In ihre Einzelkammer für bildende Künste wurde auch die Griffelkunst-Vereinigung aufgenommen. Böse hatte bis 1933 der SPD angehört und wurde nach der Machtergreifung kurzzeitig entlassen. Er beantragte am 19. August 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen, Mitgliedsnummer 5.111.833. Überliefert ist ein Motiv: Er sei eingetreten, weil er so ungestörter habe weiterarbeiten können. Der Satz zum Motiv stammt aus einem Aufsatz von Andrea Weber, erschienen im Dezember 2014 in OHLSDORF, einer Zeitschrift für Trauerkultur.
Wie das Überleben des Vereins in der NS-Zeit zu bewerten ist, beantworten zwei Autoren unterschiedlich. Andrea Weber schreibt 2014, die Mitglieder hätten die Vereinigung selbst in den Kriegsjahren als eine Art Asyl empfunden, als einen Ort, an dem nationalsozialistisches Gedankengut keinen Platz hatte. Frank Kurzhals formuliert dasselbe Überleben im Handelsblatt vom 27. November 2025 nüchterner: Die Griffelkunst habe die Zeit des Nationalsozialismus durch Wegducken und unauffälliges Mitmachen überstanden.
Zwei konkrete Vorgänge aus diesen Jahren nennt Hajo Schiff in der taz. Einmal erschien eine Edition mit Hitlerbild. Zugleich beauftragte Böse Künstler, die von der Partei unerwünscht waren, darunter den gesellschaftskritischen A. Paul Weber, allerdings mit Motiven, die nicht als „entartet" verdächtigt werden konnten.
Dreißig Jahre lang entschied dieselbe Person, was an die Mitglieder ging: Böse führte den Verein weiter, ehrenamtlich und alleinverantwortlich. Am 22. November 1955 erlitt er einen Schlaganfall, am 13. Dezember 1955 starb er im Alter von 76 Jahren.
Wie der Verein seine Wahlprogramme zählt, zeigt ein Eintrag in der Online-Sammlung der Hamburger Kunsthalle zu einer Radierung von Horst Janssen aus dem Jahr 1971.
Was verrät der Sammlungseintrag zu Horst Janssens „Tantchen memo" über die Zählweise der Griffelkunst?
Am 15. Januar 1971 radierte Horst Janssen „Tantchen memo". Die Radierung wurde den Mitgliedern im Frühjahr 1971 als Sonderblatt E 1 zur Wahl 182 und 183 zur Verfügung gestellt. Gedruckt hat sie Hartmut Frielinghaus, 1937 in Stettin geboren, 1995 gestorben. In seinem Werkverzeichnis nennt Frielinghaus eine Auflage von 850 unnummerierten Exemplaren und etwa 20 Probedrucke. Dass die 850 Blätter keine Nummer tragen, ist bei der Griffelkunst kein Mangel, sondern die Regel: Ihre Editionen werden signiert, aber nicht nummeriert.
Die Wahl 182 und 183 von 1971 ist ein Punkt in einer Zählung, deren Nummern über die Jahrzehnte steigen. 2019 erschien das Magazin zur 375. und 376. Wahl. Im November 2025 stand die 400. Wahl an. Im Jahr finden vier Wahlen statt.
Die eigenen Verzeichnisbände des Vereins erfassen die Editionen ab 1976: Band I der Reihe „Verzeichnis der Editionen 1976 bis 2000" deckt die Jahre 1976 bis 1988 ab und erschien 2002. Er enthält, wie Band IV für die Jahre 2011 bis 2020, rund 1.000 farbige Abbildungen. Für Janssens Sonderblatt von 1971 nennt die Kunsthalle den Textband zum 50-jährigen Bestehen des Vereins von 1977. Was über die Jahrzehnte zusammenkommt, zeigen zwei Namen: Von dem Künstler A. Paul Weber verbreitete die Griffelkunst im Lauf der Vereinsgeschichte 220 Blätter, von Horst Janssen 122.
Warum ist eine Mitgliedschaft schwerer zu bekommen als zu bezahlen?
Stand November 2025 lag der Mitgliedsbeitrag laut Handelsblatt bei 200 Euro. Der Beitrag ist trotzdem nicht die Hürde. Die Mitgliederzahl ist auf 4.500 gedeckelt, und Ende 2025 betrug die Wartezeit für neue Interessenten gut sechs Jahre. Wer sich damals angemeldet hat, wählt nach dieser Auskunft frühestens Anfang der 2030er Jahre zum ersten Mal mit. Neue Mitglieder kommen erst nach, wenn Plätze frei werden.
Auf der Produktionsseite steht ein Honorar. Die beauftragten Künstlerinnen und Künstler erhalten 8.500 Euro dafür, dass sie ein Werk schaffen, so das Handelsblatt im November 2025. Organisiert ist der Verein an ca. 90 Orten deutschlandweit in Griffelkunst-Gruppen.
Und dann ist da die Regel, die das Ganze zusammenhält. In der taz bringt Hajo Schiff sie 2025 auf einen Satz: Ein Weiterverkauf ist verboten. Dieselbe Haltung formulierte Andrea Weber schon 2014, die Blätter seien zum Betrachten im Original da, niemals aber zum Verkaufen.
Das Handelsblatt nennt die Blätter des Vereins druckgrafische Jahresgaben. Im Herbst 2025 hingen sie zum Jubiläum in Hamburg, Bremen und Oldenburg an den Wänden.
Was zeigten die Jubiläumsausstellungen zu hundert Jahren Griffelkunst?
Die Hamburger Kunsthalle zeigte vom 7. November 2025 bis zum 18. Januar 2026 eine Ausstellung unter dem englischen Titel „And so on to infinity", auf Deutsch etwa: und so weiter bis ins Unendliche. Zu sehen war eine breite Auswahl aus hundert Jahren Programm: Lithografien, Siebdrucke, Radierungen, Holzschnitte, dazu Fotografien und C-Prints. Wie die Editionen des Vereins zustande kommen, beschreibt die Kunsthalle so: Die Werke würden nicht vor allem nach formaler oder thematischer Stimmigkeit ausgewählt, sondern so, dass sie eine repräsentative Vorstellung vom Werk der jeweiligen Künstlerin oder des jeweiligen Künstlers geben („because they provide a representative idea of the respective artist's oeuvre").
Die Kunsthalle Bremen zeigte parallel „Flirt und Fantasie" (12. November 2025 bis 1. März 2026) mit Serien von zwölf Künstlerinnen und Künstlern; das Stadtmuseum Oldenburg präsentierte die Jubiläumseditionen vom 6. bis 29. November 2025 in der Artothek.
Was diese Ausstellungen zeigten, ist nur ein Ausschnitt aus einem hundert Jahre langen Programm. Wer die Editionslisten durchsieht, findet dort Namen, die überraschen: Oskar Kokoschka 1962, Gerhard Richter 1969, Horst Janssen 1971, Joseph Beuys 1976, Christopher Wool 2016. Max Pechstein steht mit dem Jahr 1961 in derselben Liste, allerdings mit dem Zusatz „aus Nachlass": kein Auftrag an den Künstler. Fotografie kam 1970 ins Programm, dazu gelegentlich Multiples. Zum Jubiläum erschien außerdem im vereinseigenen Verlag ein Bildband mit dem Titel „Vielfalt", Untertitel „100 Jahre griffelkunst", Hamburg 2025.
Während Museen in Hamburg, Bremen und Oldenburg hundert Jahre Griffelkunst zeigten, stand vor der Mitgliedschaft weiter die Warteliste.
Am nächsten 5. Juni und am nächsten 1. Dezember läuft die Frist wieder ab. Irgendwo im Bundesgebiet wird jemand vergessen haben zu wählen, und dann kommen zwei Blätter, ausgesucht von der Geschäftsstelle. Beim ersten Lesen wirkt das wie eine Marotte. Mit hundert Jahren dahinter, gedeckelt auf 4.500 Mitglieder, mit einem Weiterverkaufsverbot, sieht es eher aus wie der letzte konsequente Punkt einer Konstruktion, die an keiner Stelle nachgeben will. Ob sie das auch dann durchhält, wenn nach den Jubiläumsschauen mehr Leute anklopfen?
Häufige Fragen
Was passiert, wenn ein Mitglied nicht wählt?
Ohne eingegangene Wahl greift die sogenannte Rotwahl: Der Verein sucht zwei Blätter aus dem laufenden Wahlprogramm aus und schickt sie dem Mitglied zu. Stichtage sind der 5. Juni und der 1. Dezember. Eine Wahl komplett auszulassen ist damit nicht vorgesehen: Aus jeder der beiden Wahlen einer Ausstellung muss mindestens ein Blatt kommen.
Was kostet die Mitgliedschaft bei der Griffelkunst?
Stand November 2025 lag der Mitgliedsbeitrag laut Handelsblatt bei 200 Euro. Der Beitrag deckt die Wahl von vier Motiven im Jahr sowie das zweimal jährlich erscheinende Griffelkunst-Magazin ab. Jedes weitere Wahlblatt kostet 45 Euro, sofern im Magazin kein anderer Preis angegeben ist.
Kann man Griffelkunst-Blätter weiterverkaufen?
Laut Vereinsregel nicht: Jedes Mitglied verpflichtet sich, die durch die griffelkunst erworbenen Kunstwerke nicht zu verkaufen. „Ein Weiterverkauf ist verboten", schreibt Hajo Schiff 2025 in der taz.
Wie lange wartet man auf eine Mitgliedschaft?
Laut Handelsblatt (Stand 27. November 2025) gut sechs Jahre. Grund dafür ist der feste Mitgliederdeckel von 4.500: Erst wenn ein Platz frei wird, rückt jemand von der Warteliste nach. Diese Angabe hat ein Verfallsdatum, für den aktuellen Stand fragt man am besten direkt beim Verein nach.
Sind Griffelkunst-Editionen Originalgrafik?
Ja, für die gedruckten Editionen, etwa Lithografien, Siebdrucke, Radierungen und Holzschnitte: Sie sind gedruckte Auflagen, keine Reproduktionen nach Gemälden. Seit 1970 gehören auch Fotografien zum Programm. Darunter sind Fotoarbeiten aus Nachlässen, die aufwändig reproduziert werden, und anders als die gedruckten Editionen tragen sie keine Signatur. Die Auflagenhöhe liegt nicht von vornherein fest, sondern richtet sich nach der Anzahl der Bestellungen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Griffelkunst-Vereinigung Hamburg, Seiten „Über uns", FAQ und Publikationsarchiv (abgerufen September 2026)
- Andrea Weber, „Auf den Spuren von Johannes Böse, Gründer der Griffelkunst", in: OHLSDORF, Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 127, Dezember 2014
- Frank Kurzhals, „Jubiläum: Großes Kunsterlebnis für kleines Geld", Handelsblatt, 27. November 2025
- Hajo Schiff, „Vereinigung Griffelkunst wird 100: Weiterverkauf verboten!", taz, 2025
- Erste Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. November 1933, § 4
- Wikipedia, Artikel „Griffelkunst-Vereinigung Hamburg", „Griffelkunst", „Reichskulturkammer" und „Johannes Böse (Pädagoge)", letzterer mit Beleg aus dem Bundesarchiv (R 9361-IX KARTEI/3620969)
- Hamburger Kunsthalle, Ausstellungsseite „And so on to infinity" (deutsche und englische Fassung) und Online-Sammlung, Objekt JS-3918
- Sebastian Loskant, „Ein Handschuh auf Reisen: Kunsthalle Bremen zeigt kuriose Bilderzyklen", Weser-Kurier, 11. November 2025; Stadtmuseum Oldenburg, Ausstellungsseite zu 100 Jahren Griffelkunst; Ina Jessen, Publikationsliste (Beitrag im Magazin zur 375./376. Wahl, Hamburg 2019)
- Freie und Hansestadt Hamburg, Behördenmeldung zu 100 Jahren Griffelkunst
Studio Sonsu
Zuletzt aktualisiert am 11.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für originale Druckgrafik in Hannover-Linden. Wir arbeiten mit Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Auflagen selbst drucken und signieren. Alle Werke ansehen: studiosonsu.de/collections/all. Fragen: hello@studiosonsu.de