London Print Studio
Das London Print Studio war eine Druckwerkstatt in West-London. Sie ging aus der 1974 gegründeten Paddington Printshop hervor, deren Vorgeschichte 1972 an einem Küchentisch anfing, und beendete ihren Betrieb am 1. Oktober 2020 in der 425 Harrow Road.
Auf einer Küchenarbeitsplatte steht 1972 Siebdruckfarbe da, wo eigentlich Teller stehen. John Phillips ist gerade von der Kunsthochschule gekommen und richtet sich zu Hause einen kleinen Druckbetrieb ein. Zwei Jahre später, als nach dem Militärputsch in Chile Geflüchtete nach London kommen, druckt Phillips in derselben Küche Plakate, gemeinsam mit dem Künstler Roberto Matta. Die Küche wird dafür zu eng.
Wie beginnt eine Druckwerkstatt an einem Küchentisch?
Die Paddington Printshop wurde 1974 von John Phillips und Pippa Smith gegründet, mit dem erklärten Ziel, Nachbarschaftsorganisationen dabei zu helfen, ihre Anliegen grafisch sichtbar zu machen. The Art Newspaper beschreibt den Ort als alte Taxameter-Fabrik. Das Eröffnungsplakat, das Phillips selbst gestaltete und im Siebdruck herstellte, nennt einen Termin und eine Adresse: den 1. Mai 1975 in The Factory, Chippenham Mews W9 ("Paddington printshop opens May 1st 75 at - The Factory Chippenham Mews W9"). Die Zeitleiste der Nachfolgeorganisation beginnt mit demselben Monat und nennt ihn als Start der Werkstatt ("In May 1975, we launched Paddington Printshop").
Auf demselben Blatt steht, wie man hineinkam. Eingeladen wird nicht von der Werkstatt selbst, sondern von der Marylands Community Association: Sie ruft dazu auf, eigene Poster, Flugblätter, Magazine und Bücher in der Paddington Printshop zu drucken, und wer das vorhat, soll werktags zwischen 10 und 10.30 Uhr unter der Nummer 286 1656 anrufen, um einen Termin zu bekommen ("please ring weekdays 10-10.30am to arrange a time, 286 1656"). Erreichbar war die Werkstatt über eine Telefonnummer und ein Zeitfenster, nicht über ein Aufnahmeverfahren.
Ein Vergleich mit der Gegenwart zeigt, was diese Schwelle bedeutet: Wer heute bei der Royal Society of Printmakers aufgenommen werden will, schickt am Ende das physische Blatt an ein Gremium, das darüber urteilt. In Paddington ging der Weg 1975 umgekehrt: erst der Anruf, dann der Termin, dann das Blatt.
Was dort entstand, waren keine Ausstellungsstücke, sondern Aufträge. Das unterscheidet eine Werkstatt von den Gesellschaften und Sammlungen, mit denen sie sich die Landschaft der Druckgrafik-Institutionen teilt.
Wer gab bei der Paddington Printshop Plakate in Auftrag?
Im Sommer 1977 lief ein Hochformat-Plakat für "Carnival '77" durch die Werkstatt, gestaltet von John Phillips, im Auftrag des Notting Hill Carnival Development Committee. Der offizielle Auftakt fand am 9. Juli 1977 im Commonwealth Institute an der Kensington High Street statt. Das Blatt liegt heute unter der Nummer E.559-2013 im Victoria and Albert Museum.
Solche Aufträge kamen nicht aus dem Kunsthandel, sondern aus dem Viertel. Das Handbuch "Alternative London" beschrieb 1974 eine dieser Werkstätten, die Crest Press: Sie bringen dir das Drucken bei, erwarten, dass du mit anpackst, und du zahlst den Selbstkostenpreis ("They will teach you how to print and expect you to help. You pay cost price."). Jess Baines zitiert diesen Eintrag in ihrer Untersuchung des Feldes, das sie unter dem Titel "Democratising print? The field and practices of radical printshops in Britain 1968-98" in einer Doktorarbeit bearbeitet hat.
Was dabei herauskam, war Gebrauchsgrafik in Serie: über 400 Posterdesigns und tausende Flugblätter. Zwischen den Kampagnenblättern lief auch Musikgeschichte durch den Raum. Zu den Kunden zählten die Sex Pistols, das nennen das Portal People of Print und die Nachfolgeorganisation gleichermaßen, und Joe Strummer, damals unter dem Namen Woody und später bei The Clash, druckte dort nach Angabe der Nachfolgeorganisation regelmäßig Plakate für seine Hausbesetzer-Band The 101'ers.
Paddington stand nicht allein. Der Poster Workshop bestand in London von 1968 bis 1971, und ab Mitte der 1970er Jahre kamen Siebdruck-Werkstätten wie See Red Women's Workshop und das Poster Collective dazu.
Gemeinsam war diesen Aufträgen nicht das Sujet, sondern der Ort, an dem sie gedruckt wurden.
Was unterscheidet eine Werkstatt mit eigenen Räumen von einer Gesellschaft ohne eigenen Studioraum?
Die Printmakers Council hat diesen Ort nicht. Sie gibt selbst an, dass ihr ein dauerhafter Studioraum fehlt, weshalb ihre Mitglieder viele ihrer Bildungsveranstaltungen eigenständig organisieren und durchführen.
Edinburgh Printmakers steht am anderen Ende dieser Skala: eine offene Werkstatt, die 2019 nach Castle Mills zog. Der Unterschied zwischen beiden wird daran sichtbar, was eine Organisation ohne Raum überhaupt anbieten kann. Eine Bildungsveranstaltung lässt sich verabreden und dorthin verlegen, wo gerade eine Presse steht. Das Angebot, das die Paddington Printshop 1975 auf ihr Eröffnungsplakat druckte, lässt sich dagegen nur mit einer Adresse, einer Telefonnummer und einem Zeitfenster formulieren, weil ohne diese Angaben nichts davon übrig bleibt.
Ob der feste Ort damit ein Vorteil war, hängt davon ab, wen man fragt. Für jemanden, der in der Nachbarschaft wohnte und ein Plakat für eine Initiative brauchte, war die Adresse das ganze Angebot. Für die Institution war sie eine Bedingung, die sich nicht unterbrechen ließ.
Der Name der Werkstatt änderte sich später, und mit ihm die Größe der Räume.
Wie wurde aus der Paddington Printshop das London Print Studio?
Die Archivseite der Nachfolgeorganisation lps21 beschreibt die Paddington Printshop als ein Zentrum für grafische Kunst und Druckgrafik, das zwischen 1975 und 1989 in West-London aktiv war. Der Wiki-Eintrag auf radicalprintshops.org datiert die Umbenennung auf 1991, die eigene Zeitleiste von lps21 auf Mai 1991: Aus der Paddington Printshop wurde der London Print Workshop, verbunden mit dem Umzug in größere Räume. Den dritten Namen datiert dieselbe Zeitleiste auf Mai 2000: Damals eröffnete die Organisation das London Print Studio als eigens dafür gebaute Galerie und Druckwerkstatt, die bis 2020 bestand ("In May 2000, we opened london print studio a purpose-built gallery and printmaking facility, which flourished until 2020").
In dieser zweiten Phase lernten dort auch Menschen das Drucken. Der Zeichner John Reynolds, der dort gelernt hatte, schrieb nach der Schließung, das Studio sei der Ort gewesen, an dem er vor rund 25 Jahren das Drucken lernte und über viele Jahre seine Drucke herstellte ("It was where I learned to print, some 25 years ago, and for many years where I produced my prints"). Dass eine Werkstatt vom Weitergeben lebt, ist kein Sonderfall dieses Hauses, denn künstlerische Drucktechniken als Kulturerbe hängen daran, dass jemand sie jemandem zeigt.
Prominenz sammelte das Haus dabei nebenbei. Lucian Freud ätzte dort Platten und zog Probedrucke ab. Shezad Dawood sagt, er habe dort viele seiner frühen prägenden Arbeiten mit Siebdruck gemacht ("I made a lot of my early formative works incorporating screen-printing at London Print Studio"). Die Liste, die The Art Newspaper zur Schließung druckte, reicht von Billy Childish über Sonia Boyce und Frank Bowling bis Paula Rego, quer durch Generationen und Milieus.
Wie viele Menschen die Werkstatt am Ende noch nutzten, ist in den zugänglichen Quellen nicht dokumentiert.
Das Kursprogramm taucht in der Schließungserklärung von 2020 wieder auf.
Warum schloss eine fast fünfzig Jahre alte Werkstatt im Oktober 2020?
Die Adresse, an der zuletzt gearbeitet wurde, war die 425 Harrow Road in West-London, nach dem Urteil desselben John Reynolds eine der wenigen Werkstätten dieser Qualität in der Stadt ("The studio, at 425 Harrow Road, west London, was one of a handful of top-quality artists' print facilities in London"). Am 1. Oktober 2020 endete dort der Betrieb, dessen erste Drucke 1972 auf einer Küchenarbeitsplatte entstanden waren.
In der Erklärung des Hauses steht, dass sich das Studio mit seinem Kursprogramm und allem, was sonst dort stattfand, unter den Bedingungen der Pandemie nicht mehr führen ließ ("We have found it impossible to run our studio with its course programme and other activities during the pandemic"). Die Zeitleiste der Nachfolgeorganisation nennt rückblickend zwei Gründe, Covid-19 und schwindende Förderung durch den Arts Council ("a combination of Covid19 and diminishing Arts Council support"). Ein Kursprogramm, das eine Weile nicht stattfinden kann, klingt nach einem vorübergehenden Problem. Zusammen mit der schwindenden Förderung war es für dieses Haus das Ende.
Die Presse las den Verlust nicht als Einzelfall. The Art Newspaper erinnerte daran, dass der London Printworks Trust in Brixton bereits 2013 geschlossen hatte, und beschrieb die entstandene Lücke im Angebot für Absolventinnen, Absolventen und Berufstätige ("London Printworks Trust in Brixton closed in 2013. It leaves another yawning gap in resources for postgraduates and professionals").
Was aus den Maschinen wurde, bleibt offen. Das Papier dagegen ist geblieben.
Was bleibt von der Paddington Printshop übrig?
Das Victoria and Albert Museum führt 73 Werke im Zusammenhang mit der Paddington Printshop, entstanden zwischen 1970 und 1993, verteilt auf die Theatre and Performance Collection und die Sammlung Prints, Drawings & Paintings. Ein Plakat, das für einen einzelnen Karnevalstermin gedruckt wurde, hat damit dieselbe Inventarlogik wie eine Zeichnung.
Die zweite Aufarbeitung ist ein Buch. "Posters From Paddington Printshop" von John Phillips erschien am 12. September 2019 bei Four Corners Books und versammelt auf 144 Seiten 100 Poster aus den Jahren 1974 bis 1988, mit einem Vorwort von Andrzej Klimowski.
Das Archiv selbst wird unter paddingtonprintshop.org als Bildungsressource weitergeführt, angelegt von lps21, der Nachfolgeorganisation von Paddington Printshop und London Print Studio.
Ein Kampagnenplakat und ein nummerierter Originaldruck sind zwei verschiedene Dinge, auch wenn dieselbe Rakel über dasselbe Sieb gezogen wurde. Wo diese Grenze verläuft, hat der Print Council of America 1961 in der Schrift "What is an Original Print?" zu fassen versucht. Eines seiner Kriterien verlangt, dass der fertige Druck vom Künstler freigegeben wird. Was ein Blatt zur Originalgrafik macht, entscheidet sich an Signatur, Nummerierung und Papier, nicht an der Rakel.
Das Verfahren hat den Ort überlebt. Der Zweck hat sich verschoben. Die Nachfolgeorganisation beschreibt die damaligen Plakate als Auflagen zwischen 50 und 500 Blatt, in denen sich die Kämpfe und die Lebendigkeit West-Londons der 70er und 80er Jahre spiegeln ("Printed in editions of between 50 and 500, the posters reflect the struggles and vibrancy of west London in the 70s and 80s"). Bei Studio Sonsu, einer Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover, hängt Siebdruck als nummeriertes Einzelblatt, etwa John Simpsons Cellular Landscape mit gestisch-expressivem Duktus.
Die Plakate einer Werkstatt, deren Geschichte 1972 an einem Küchentisch begann, liegen heute in einer Museumssammlung und stehen gedruckt auf 144 Buchseiten. Das Archiv ist damit dokumentiert. Was in der 425 Harrow Road heute geschieht, bleibt offen.
Häufige Fragen zum London Print Studio
Was war das London Print Studio?
Eine Druckwerkstatt in West-London, die aus der 1974 von John Phillips und Pippa Smith gegründeten Paddington Printshop hervorging. Sie druckte Plakate und Flugblätter für Nachbarschaftsorganisationen, Karnevalskomitees und politische Kampagnen und bot später ein Kursprogramm an. Die Umbenennung in London Print Workshop datieren der Wiki-Eintrag auf radicalprintshops.org und die Zeitleiste der Nachfolgeorganisation auf 1991. Im Mai 2000 eröffnete die Organisation nach eigener Zeitleiste das London Print Studio als Galerie und Druckwerkstatt.
Wann und warum schloss das London Print Studio?
Der Betrieb endete am 1. Oktober 2020. Das Haus erklärte, sein Studio mit dem Kursprogramm und den übrigen Aktivitäten habe sich unter den Bedingungen der Pandemie nicht weiterführen lassen ("We have found it impossible to run our studio with its course programme and other activities during the pandemic"). Andere Gründe nennt die Erklärung nicht. Die Nachfolgeorganisation nennt rückblickend zusätzlich schwindende Förderung durch den Arts Council ("diminishing Arts Council support").
Was war die Paddington Printshop?
Eine Gemeinschaftswerkstatt in West-London, 1974 von John Phillips und Pippa Smith gegründet. Die eigenen Räume eröffneten laut dem Eröffnungsplakat am 1. Mai 1975 in The Factory, Chippenham Mews W9. Über die Jahre entstanden dort über 400 Posterdesigns und tausende Flugblätter.
Wo kann man Plakate der Paddington Printshop heute sehen?
Das Victoria and Albert Museum führt 73 Werke im Zusammenhang mit der Werkstatt, entstanden zwischen 1970 und 1993. Dazu gehört das Carnival-'77-Plakat unter der Nummer E.559-2013. Ein zweiter Zugang ist der Bildband "Posters From Paddington Printshop" mit 100 Postern aus den Jahren 1974 bis 1988.
Gibt es das London Print Studio noch?
Nein. Der Werkstattbetrieb endete am 1. Oktober 2020. Weitergeführt wird nur das Archiv: Die Nachfolgeorganisation lps21 stellt es als Bildungsressource bereit. Wer heute in einer offenen Werkstatt drucken will, ist auf andere Häuser angewiesen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Victoria and Albert Museum, Explore the Collections, Eintrag zur Organisation Paddington Printshop (73 Werke, entstanden 1970 bis 1993) sowie die Einzelblätter zum Eröffnungsplakat 1975 und zum Carnival-'77-Plakat
- John Phillips, Posters From Paddington Printshop, Four Corners Books, London 2019, mit einem Vorwort von Andrzej Klimowski
- Jess Baines, Democratising print? The field and practices of radical printshops in Britain 1968-98 (Doktorarbeit)
- The Art Newspaper, Bericht über die Schließung des London Print Studio, Oktober 2020
- lps21, Paddington Printshop Archive, Bildungsressource der Nachfolgeorganisation von Paddington Printshop und London Print Studio
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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