Atelier 17 und Stanley William Hayter

Atelier 17 Hayter meint zwei Dinge, die zusammengehören: eine Druckwerkstatt und ihren Gründer, den britischen Grafiker Stanley William Hayter. Er richtete sie 1927 in Paris ein, ihren Namen bekam sie erst 1933 von der Hausnummer 17 in der rue Campagne-Première. Von 1940 bis 1955 arbeitete die Werkstatt in New York, Hayter selbst kehrte 1950 nach Paris zurück.

Herbst 1944, spät in der Nacht, die Werkstatt an der New School for Social Research, 66 West 12th Street in New York. Die Kursteilnehmer sind längst gegangen, nur wenige Leute sind überhaupt noch da. Ein Mann, der eigentlich Maler ist, bearbeitet eine Kupferplatte mit einem Grabstichel. Er dreht sie unter dem Werkzeug und geht sie aus wechselnden Winkeln an.

Der Mann heißt Jackson Pollock. Vier Jahre vorher stand dieselbe Werkstatt in Paris, und der Mann, dem sie gehörte, hatte davor jahrelang für einen Ölkonzern gearbeitet. Wie aus einer Pariser Druckwerkstatt von 1927 ein Ort wird, an dem der kommende Star der New Yorker Malerei nachts Kupfer sticht, ist eine Geschichte über 61 Jahre, zwei Kontinente und eine Farbtechnik, die aus dieser Werkstatt kam.

Wie wurde aus einem Chemiker der Gründer einer Druckwerkstatt?

Stanley William Hayter wurde am 27. Dezember 1901 in Hackney im Osten Londons geboren. Er studierte Chemie und Geologie am King's College London und arbeitete zwischen 1922 und 1925 als Chemiker und Geologe für die Anglo-Persian Oil Company im südwestiranischen Abadan. Nebenbei malte er, regelmäßig. Im Frühjahr 1926 zog er nach Paris, ein Jahr später richtete er dort eine Druckwerkstatt ein. Einen Namen hatte sie da noch nicht. Den bekam sie 1933, als der Betrieb an die 17 rue Campagne-Première umzog: Von da an trug die Werkstatt ihre Hausnummer.

Eines der Verfahren, um die es in dieser Werkstatt ging, arbeitet mit Säure: Die Platte kommt bei einer Radierung in ein Säurebad, und die Säure greift nur dort an, wo die Nadel den Ätzgrund durchbrochen hat.

Wer kam in den 1930er Jahren an die Campagne-Première?

Joan Miró, Max Ernst, André Masson, Yves Tanguy und Alberto Giacometti gehörten zu den Künstlern, die in diesem Jahrzehnt an der Pariser Werkstatt arbeiteten. Britannica zählt außerdem Marc Chagall und Pablo Picasso zu der Gruppe, die zeitweise mit ihr verbunden war. Miró und Picasso sind bis heute als Maler bekannt, nicht als Drucker.

Jemma Gunning trägt in ihrem Atelier in Bristol mit einem Ballen eine dunkle Schicht auf eine polierte Kupferplatte auf. Foto: Alex Sedgmond
Eine Kupferplatte wird von Hand vorbereitet, bevor das Bild entsteht. Foto: Alex Sedgmond. Heutige Werkstattaufnahme, Verfahrensverwandtschaft, keine biografische Verbindung zum Atelier 17.

Hayter selbst hat den Zweck der Werkstatt einmal ziemlich unfeierlich beschrieben. Eine Werkstatt zum Experimentieren nannte er sie, für Leute, die neue Methoden suchen ("This workshop is an experimental shop. People who come here are people whose curiosity is to find new methods"). Unter den Druckgrafik-Institutionen steht ein Print Studio damit genau gegenüber der Akademie, die ihre Mitglieder wählt, Titel vergibt und ausstellt. Werkstätten dieser Bauart arbeiten bis heute so: In der DCA Print Studio in Dundee entscheidet ein abgeschlossener Kurs über den Zugang, kein Gremium.

Das passte zu Leuten, die in Paris gerade dabei waren, das Zeichnen der bewussten Kontrolle zu entziehen. Was der Surrealismus psychischen Automatismus nannte, ließ sich an einer Kupferplatte hart überprüfen: Eine Linie im Ätzgrund lässt sich nicht wegwischen, und die Säure macht daraus, was sie will. Zur Geste kommt hier ein Material, das eigene Spuren hinzufügt.

Warum zog die Werkstatt 1940 nach New York?

1940 stand Europa im Krieg. Hayter verlegte den Betrieb nach New York und schloss ihn zunächst an die New School for Social Research an. Damit stand mitten in Manhattan eine Werkstatt, die viele europäische Künstler anzog, die aus Europa geflohen waren. Jackson Pollock, Mark Rothko, Willem de Kooning und Louise Bourgeois arbeiteten in denselben Räumen.

Bronwen Sleigh dreht in einer hellen Werkstatt das gusseiserne Speichenrad einer Tiefdruckpresse, unter der Walze läuft ein cremefarbener Papierbogen durch
Das Speichenrad einer Tiefdruckpresse, das Gerät, um das herum eine Druckwerkstatt gebaut ist. Werkstatt Bronwen Sleigh RSA. Heutige Aufnahme, Verfahrensverwandtschaft, keine biografische Verbindung zum Atelier 17.

Die Europäer kamen nach und nach dazu. Salvador Dalí arbeitete während des Zweiten Weltkriegs in der New Yorker Werkstatt, Max Ernst war dort in den 1940er Jahren aktiv und veröffentlichte 1947 im Brunidor-Portfolio Nr. 1 eine Radierung in 70 Exemplaren. Joan Miró kam 1947 für neun Monate nach New York und arbeitete regelmäßig in der Werkstatt.

Der Betrieb wurde nicht von Hayter allein getragen. Sue Fuller arbeitete in den 1940er Jahren als seine Assistentin in New York, entwickelte eine eigene Variante des Sugar-Lifts mit Karo-Maissirup und druckte Platten für André Masson und Marc Chagall.

Einer aus der amerikanischen Kohorte kam nicht tagsüber.

Was entstand aus Pollocks Nächten am Atelier 17?

Im Juni 1944 eröffnete im Museum of Modern Art die Ausstellung "Hayter and Studio 17: New Directions in Gravure". Bis Oktober hingen dort 100 Drucke von 32 Künstlerinnen und Künstlern, die aus Nord- und Südamerika, Ost- und Westeuropa sowie Nordafrika stammten. Neben Radierungen und Gravuren zeigte das Haus auch Gipsreliefs und Druckschablonen.

Grabstichel mit pilzförmigen Holzgriffen auf einem Werkstatttisch, dahinter eine Lyle's-Golden-Syrup-Dose als Werkzeugbecher, Atelier Richard Studer in Presteigne
Grabstichel, wie Pollock sie in diesen Nächten in der Hand hatte. Atelier Richard Studer, Presteigne. Heutige Werkstattaufnahme, Werkzeugverwandtschaft, keine biografische Verbindung zum Atelier 17.

Im frühen Herbst 1944 tauchte Pollock in der Werkstatt auf und blieb bis zum späten Frühjahr 1945. Er kam in den Nachtstunden, wenn kaum jemand sonst da war, und produzierte in diesen Monaten elf gravierte Platten. Das Werkzeug dafür, der Grabstichel, gehört zum Kupferstich. Die Drucke zeigen einen Maler, der die Platte dreht und sie aus mehreren Winkeln angreift.

Jahre später erinnerte sich Hayter an diese Zeit: Pollock habe stets behauptet, zwei Lehrer gehabt zu haben, Thomas Hart Benton und ihn ("Jack always claimed that he had two masters: Benton and me").

Die elf Platten verschwanden danach aus dem Blick. Neun davon tauchten 1966 wieder auf, und 1969 schenkte Lee Krasner sie dem Museum of Modern Art. Erhalten ist damit das Kupfer, also das Werkzeug, aus dem die signierten Blätter einer Auflage erst entstehen.

Was 1946 in dieser Werkstatt entstand, hatte keinen technischen Anlass.

Wie entstand der Viskositätsdruck, den Atelier 17 hinterließ?

Hayters Sohn David starb als Teenager. Das Cleveland Museum of Art nennt Tuberkulose als Ursache und beschreibt, wie Hayter diese Trauer in einen technischen Durchbruch überführte. Das Blatt heißt Cinq Personnages und ist auf 1946 datiert. Das Art Institute of Chicago liest die schlaffe Gestalt in der unteren rechten Bildecke als Christus nach der Kreuzabnahme. Technisch war es sein erstes großes gelungenes Experiment mit mehreren Farben gleichzeitig, von einer einzigen Platte.

Zwei hochformatige Kupferplatten mit dunklem Ätzgrund auf Seidenpapier, durch den Grund gezogene Linien blitzen kupferfarben auf. Foto: Inga Eicaite
Durch den Ätzgrund gezogene Linien auf zwei Kupferplatten, vor der Ätzung. Foto: Inga Eicaite. Heutige Werkstattaufnahme, kein Werk aus dem Atelier 17.

In den Jahren danach entwickelten mehrere Leute am Atelier 17 ein eigenes Verfahren dafür, Farben über ihre Zähflüssigkeit zu trennen. Hayter war nicht der Einzige. Kaiko Moti zog 1950 nach Paris und arbeitete dort mit Hayter. Krishna Reddy kam 1951 an die Pariser Werkstatt. Hyperallergic erzählt die Entdeckung als Zufall am Arbeitstisch: Ein verschütteter Tropfen Leinöl gab Reddy, Moti und Hayter gemeinsam die Gelegenheit, mit farbigen Druckfarben zu experimentieren. Mitte der 1950er Jahre war der Viskositätsdruck am Pariser Atelier 17 systematisiert: mehrere Farben in einem einzigen Druckgang von einer Platte, jede mit anderer Zähflüssigkeit, damit sie sich gegenseitig abstoßen statt zu mischen. Eingestellt wird diese Zähflüssigkeit mit rohem Leinöl.

Die Zeitschrift Art in Print beschreibt Hayters Zugriff auf die Gravur mit einem Vokabular, das aus der Naturwissenschaft stammt: physikalische Prinzipien, Chemie, Widerstand, Impuls. Wie zäh oder wie lang eine Druckfarbe läuft, ist in dieser Werkstatt keine Nebensache der Praxis mehr, sondern das bildgebende Mittel.

Schriftlich festgehalten hat Hayter die Grundlagen selbst: New Ways of Gravure erschien 1949, About Prints folgte 1962, die überarbeitete Fassung von New Ways of Gravure kam 1966 nach.

Was blieb, nachdem Hayter 1950 endgültig nach Paris zurückkehrte?

1950 ging Hayter dauerhaft zurück und eröffnete das Atelier 17 in Paris neu. Danach gab es die Werkstatt doppelt: Atelier 17 Paris unter Hayter selbst, und New York, wo der Betrieb noch fünf Jahre weiterlief, bis 1955.

Geblieben ist zuerst die Institution selbst. Ab 1964 leitete Krishna Reddy, der 1951 dazugekommen war, das Atelier zwölf Jahre lang gemeinsam mit Hayter als Ko-Direktor, bis er 1976 nach New York ging. Die Technik, um die es dort ging, trug Kaiko Moti an die University of Wisconsin und von dort an den japanischen Drucker Hitoshi Nakazato weiter. Damit hing das Verfahren nicht an der Werkstatt allein.

Die Ehrungen folgten: 1951 erhielt Hayter die Légion d'Honneur. Dazu kamen die britischen Orden OBE und CBE.

Was passiert mit einer Werkstatt, wenn ihr Gründer stirbt?

Hayter starb am 4. Mai 1988 in Paris. Die Werkstatt bekam danach einen neuen Namen, heißt seither Atelier Contrepoint und wird weiterhin als aktiver Betrieb geführt.

Hayters eigene Beschreibung der Werkstatt stellte die Neugier voran: ein Ort für Leute, die neue Methoden suchen. Ob ein Betrieb das über Generationen halten kann, wenn der Name über der Tür wechselt, ist offen.

Häufige Fragen zu Atelier 17 und Stanley William Hayter

Warum heißt die Werkstatt Atelier 17?

Der Name kommt von einer Hausnummer. Hayter richtete die Werkstatt 1927 in Paris ein, damals noch ohne festen Namen. 1933 zog der Betrieb an die 17 rue Campagne-Première, und von diesem Umzug an lief er unter der Adresse: Atelier 17. Die Zahl bezeichnet also weder ein Gründungsjahr noch eine Werkstattnummer.

Wer war Stanley William Hayter?

Ein britischer Grafiker und Werkstattleiter, geboren am 27. Dezember 1901 in Hackney im Osten Londons, gestorben am 4. Mai 1988 in Paris. Vor der Kunst kam die Naturwissenschaft: Hayter studierte Chemie und Geologie und arbeitete von 1922 bis 1925 als Chemiker und Geologe für die Anglo-Persian Oil Company in Abadan. 1926 zog er nach Paris.

Welche Künstler haben im Atelier 17 gearbeitet?

In Paris waren es in den 1930er Jahren vor allem Surrealisten: Miró, Ernst, Masson, Tanguy und Giacometti, dazu Chagall und Picasso als zeitweise verbundene Namen. Nach 1940 kam in New York eine amerikanische Generation hinzu, unter anderem Pollock, Rothko, de Kooning und Bourgeois, während Emigranten wie Dalí und Ernst dort weiterarbeiteten. Wie weit das Netz reichte, zeigte 1944 die MoMA-Ausstellung über die Werkstatt: 100 Drucke von 32 Künstlerinnen und Künstlern aus Amerika, Europa und Nordafrika.

Was machte Jackson Pollock im Atelier 17?

Er war eigentlich Maler und griff zum Grabstichel, dem Werkzeug des Kupferstichs. Nachts in der Werkstatt, wenn kaum jemand sonst da war, wechselte er beim Stechen ständig die Winkel und brachte es auf elf gravierte Kupferplatten. Bemerkenswert ist auch, was aus den Platten wurde: Sie verschwanden für rund zwei Jahrzehnte aus dem Blick, bis neun davon 1966 wieder auftauchten.

Gibt es das Atelier 17 heute noch?

Unter diesem Namen nicht mehr. Nach Hayters Tod 1988 wurde die Werkstatt in Atelier Contrepoint umbenannt und wird bis heute als aktiver Betrieb geführt. Wer heute Atelier 17 Hayter sucht, meint die Werkstatt unter ihrem Gründer, also die 61 Jahre zwischen 1927 und 1988.

Quellen und weiterführende Literatur

  • The Cleveland Museum of Art, Atelier 17 (Sammlungsartikel zur Werkstattgeschichte und zum Farbdruck von 1946)
  • The Metropolitan Museum of Art, Expanding Possibilities: Stanley William Hayter and Atelier 17 (Werkstatt, Kohorte und Nachwirkung)
  • The Art Institute of Chicago, Cinq Personnages (Objektkatalog, Datierung und Bildbeschreibung)
  • Art in Print, Band 2 Heft 3 (Fachzeitschrift, zur MoMA-Ausstellung 1944 und zu Hayters Verfahren)
  • New York University, Krishna Reddy Papers (Archivbestand zur Ko-Direktion am Atelier 17, 1964 bis 1976)

Studio Sonsu

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Die Werke kommen direkt von den Künstlerinnen und Künstlern, handsigniert und limitiert, darunter Arbeiten von Jemma Gunning, Anna Francis und Richard Studer.

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